Sonntag, 28. April 2019

Mutterschaft

So viele Rollen, die wir spielen, die wir mal mehr und mal weniger gut ausfüllen in dieser Gesellschaft. Eine davon ist für mich die der Mutter.

Ich habe meine Mutterschaft allerdings immer als das gesehen - als eine Rolle - und nicht als etwas, das mein ganzes Wesen ausmacht. Für mich ist Muttersein ein Privileg und gleichzeitig die größte Herausforderung überhaupt.

Wenn ich zurückblicke, sehe ich viele Dinge mit anderen Augen. Mein ältester Sohn ist jetzt neun  Jahre alt und ich erinnere mich wie das war, völlig verunsichert als junge Mama eines Neugeborenen, für die sich eine ganz neue Welt auftat. Ich war so dankbar und absolut überfordert, so naiv. Und wenn ich noch weiter zurückblicke, dann sehe ich mich als Kind, wie ich mir mein zukünftiges Leben als Mutter vorstellte. Als Jugendliche las ich das Buch "Paula" von Isabel Allende und von diesem Moment an hatte ich das Gefühl, bereits eine Verbindung zu meiner ungeborenen Tochter zu haben. Als ich dann zwei Jungs bekam, merkte ich, dass diese Art von "Vorahnung" oder "Vorhersage" nichts mit der Realität zu tun hat. Und überhaupt war das, was ich als junge Mama von meinen beiden Jungs lernte, dass ich alle Pläne, Vorsätze, Dogmen, Anschauungen getrost über Bord werfen konnte, weil sowieso alles anders kam als gedacht. Und ich fand das sehr heilsam. All die Dinge, die man sich selbst immer vorgebetet hatte, die einem eingetrichtert wurden von allen Seiten, spielten keine Rolle mehr.


Als ich meine Yogalehrerausbilung begann, passierte noch etwas anderes: Mir wurde bewusst, wie sehr ich mein Leben und das, was darin geschieht, beeinflussen kann, dass ich selbst die Schöpferin meiner Realität bin und dass, wenn ich ganz im widerspruchslosen Einklang mit mir und meiner Umgebung bin, genau das geschieht, was ich möchte. In diesem Moment bin ich mit meiner Tochter schwanger geworden. Und auch wenn ich noch keine Ahnung habe, wie es ist, eine Mädchen-Mama zu sein, so sehe ich in dieser Wende meines Lebens doch eine ganz konsequente Linie. Lange habe ich gedacht, dass ich keine Kinder mehr bekomme, ohne mit dem Thema jemals ganz abzuschließen. Für mich war es auch ok, nicht zu wissen, was passiert. Diese Idee, wir könnten unser Leben exakt planen, ist eine völlige Illusion und dient wahrscheinlich nur dazu, uns irgendwie so gut es geht in Sicherheit zu wiegen. Dennoch erfüllen sich unsere Wünsche immer wieder auf scheinbar magische, wenn auch nicht vorhersehbare Weise. Heute fühlt es sich für mich genau richtig und konsequent an, dass ich eine Tochter bekomme.

Und wer bin ich nun als Mutter? Wieviele von den Fehlern, die meine Eltern schon gemacht haben, wiederhole ich in meiner Ahnungslosigkeit? In erster Linie würde ich sagen, dass ich aus ganzem Herzen liebe. Dann gehört für mich noch dazu, dass ich sehr oft an meine Grenzen komme und mich und meine Bedürfnisse hinten anstellen muss. Damit umzugehen ist vielleicht das Schwerste. Aber - vor allem wenn ich zurückblicke auf das, was ich mit den beiden Jungs schon hinter mir habe - dieses Überschreiten der Grenzen hat mich so viel stärker gemacht, so viel älter und reifer (und das in einem sehr positiven Sinne). Es hat mir meine Stärke gezeigt, die ich vorher in mir gar nicht erkannt hatte.

Da ist auch ein Bedürfnis, mich voll und ganz hinzugeben. Meinen Kindern zu dienen und mein Ego tatsächlich mal für eine Weile zurückzustellen. Meinen Körper zur Verfügung zu stellen und Leben zu schenken. Zu geben, ohne etwas zu erwarten.

Ich habe drei in vielerlei Hinsicht extrem beschwerliche Schwangerschaften hinter mich gebracht (naja, fast...) und ich bin irgendwie erstaunt und auch ein bisschen stolz (was totaler Schwachsinn ist), dass ich sie überlebt habe. Ich weiß, es gibt Frauen, die viel mehr Kinder bekommen und die das ganz anders wegstecken, aber ich möchte für mich anerkennen, dass in diesen drei Schwangerschaften eine große Leistung steckt. Ich weiß auch, dass es viele Frauen gibt, die dieses Privileg nicht genießen können, obwohl sie es sich sehr wünschen und bin auch deshalb von noch größerer Dankbarkeit erfüllt.

Ich war mir immer bewusst, dass meine Kinder mir nicht gehören und dass sie, von dem Moment an, in dem sie geboren werden, Stück für Stück unabhängiger von mir werden und mich eines Tages nicht mehr brauchen werden. Und ja, das kann sich schonmal sehr schmerzhaft anfühlen, aber ich finde es so wichtig, dass meine Kinder nicht das Aushängeschild meines Erfolgs als Mutter sind, sondern individuelle Wesen, die ein Recht auf ein selbstbestimmtes, freies Leben haben und die ich laufen lassen muss, früher oder später. Darin steckt auch für mich die klare Aussage, dass da nach der Lebensphase der "Kinderaufzucht" noch ganz viel auf mich wartet und ich mich in anderen Rollen, auf anderen Gebieten, austoben und verwirklichen kann.


Jetzt liegen die letzten Tage vor der Geburt vor mir, die für mich auch eine Herausforderung bedeuten. Ich möchte mich nicht wehren gegen all die Beschwerden, ich möchte nicht ungeduldig sein, ich möchte entspannt bleiben und die letzten Momente ohne das Baby genießen. Dabei bin ich meistens so erschöpft und muss einsehen, dass es hauptsächlich darum geht, einfach nur da zu sein und mich auszuruhen. Verglichen mit den vorangegangenen Schwangerschaften gelingt mir das meistens ganz gut. Aber abgesehen von diesem unsicheren, zaghaften Vorfreude-Gefühl auf meine Tochter, wie sie aussehen wird, wie sie so sein wird, freue ich mich unglaublich darauf, diesen gigantischen Bauch loszuwerden und mich wieder uneingeschränkter bewegen zu können. Bei all dem hilft es mir ungemein, dass mir so bewusst ist, wie vergänglich das alles ist. Diese Situation ist einmalig, wirklich wunderbar und nicht von Dauer. Genauso wird das Baby sich unlaublich schnell weiter entwickeln und es wird sich nicht lange anfühlen, bis ich auf ihre ersten Lebensjahre zurückblicke. Früher hat mir das Angst gemacht. Heute gebe ich mich diesem Lauf des Lebens anders hin, mit mehr Vertrauen und der absoluten Gewissheit, dass sowieso gar nichts bleibt, wie es ist. Wir geben und nehmen in ständigem Wechsel, wir verändern uns kontinuierlich, aber wir verschwinden nie, wir transformieren uns nur. Ist mein Baby ein Teil von mir? Von was bin ich ein Teil? Wie fühlt sich das große Ganze an? 

Diese Schwangerschaft ist erst ganz am Ende zu einer schönen Zeit in meinem Leben geworden, als ich losgelassen habe. Als ich meinen Fokus weg von all den unschönen, unangenehmen, schmerzhaften Dingen gelenkt und das Schöne gesehen habe. Bezeichnenderweise hat der Frühling sich um mich herum und in mir ausgebreitet und es mir leichter gemacht, mich aus der Winter-Depri-Phase rauszuschälen. Vielleicht kann ich eines Tages auch das Winterliche in meinem Leben anders anerkennen. Jetzt liegt der Sommer vor mir und meiner Familie und ich bin erfüllt von Liebe, Zuversicht, Vorfreude und Spannung. Ich wünsche mich nicht länger an einen anderen Ort oder in ein anderes Leben, sondern genieße die Verwirklichung all dessen, was ich mir erträumt habe. Und es bedeutet nicht, dass ich nicht jetzt schon auch ganz viel Respekt habe vor der neuen großen Aufgabe, vor der Belastung, der Ungewissheit, dem Schlafmangel, den Schmerzen. Wenn ich mich aber frei mache von dem Anspruch, immer happy zu sein und diese Momente des Zweifels zulasse, ganz in der Gewissheit, dass sie immer wieder kommen, gibt mir auch dieses Zulassen Frieden. Denn es zeigt mir, was real ist für mich. Das Angenehme kann zu viel werden und dann ganz schnell unangenehm. Niemals befinde ich mich tatsächlich ganz in der ausbalancierten Mitte, sondern immer irgendwo zwischen zwei Polen. Beide sind Teil meiner Wirklichkeit, verdienen Anerkennung und Wahrnehmung und geben meinem Leben Sinn.

So ist es auch jetzt, in meiner Ungeduld, in der ich dennoch die Ruhe vor dem Sturm unheimlich genieße. Ich gebe mich der Veränderung hin, vertraue auf den Fluss des Lebens und lasse das Baby in mein Leben, wenn es soweit ist.


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