Sonntag, 2. Dezember 2018

Yoga Teacher Training – Rückblick


Der letzte Tag meines Trainings ist zu Ende – ich bin stolz und fröhlich und traurig und blicke auf eine unfassbar tolle Zeit zurück. Es ist aber tatsächlich so, dass ich spüre, dass es mehr der Anfang von etwas als ein Abschied oder ein Ende ist. 


Das Außenseiter-Gespenst

 

Kennt ihr das, dass man sich im Kreis einer Gruppe manchmal als Außenseiter fühlt, ohne dass es einen ersichtlichen Grund dafür gibt? Mir passiert das immer wieder und meine gesamte Jugend war geprägt von diesem Gefühl. An dem Tag, als ich mein Abitur in der Tasche hatte, habe ich erst realisiert, dass mein Außenseitertum während der gesamten Schulzeit Einbildung war. Daran erinnere ich mich, wenn ich an meinen Platz in der TTC-Gruppe denke und daran, wieviel selbstbewusster ich mich heute in solchen Gruppen bewegen kann. Am ersten Tag der Ausbildung gab es eine Situation, in der ich ganz plötzlich wieder die verunsicherte kleine Lene war, die sich nirgends dazugehörig fühlte. Wir hatten alle verbundene Augen und sollten uns in einem großen engen Knäuel umeinander herum bewegen, um schließlich jemanden zu finden und uns ihm anzuschließen. Ich war mit den meisten der Gruppe noch gar nicht bekannt und extrem verunsichert. Ich war gefordert, auf jemanden zuzugehen und lief Gefahr, abgewiesen zu werden, nirgends andocken zu können. Ich war so verloren in diesem Knäuel, dass ich am liebsten abgehauen wäre. In dem Moment nahm jemand meine Hand. Plötzlich war die Realität, die ich wahrnahm, eine völlig andere, ich war geborgen und Teil des Ganzen und die ganze Unsicherheit wie ein Spuk, der einfach vorüber war.

Eine Situation von so vielen, die uns zeigt, wie unsere Gedanken- und Gefühlswelt unsere Stimmung trübt oder so wenig damit zu tun hat, was in der „Realität“ da draußen wirklich los ist. In diesem Knäuel gab es nicht einen einzigen Menschen, der mir nicht wohlgesonnen gewesen wäre. Und dafür gab es auch gar keinen Grund. Den Spuk in meinem Kopf hatte ich mitgebracht, er war in mir und sonst nirgends.

Später habe ich wieder und wieder erlebt, dass es sich lohnt, seine Gedanken in Frage zu stellen und hinter ihrer vorgefertigten Fassade einen Ort der Ruhe und Gelassenheit zu finden. Ich habe gelernt, meine eigene Schwäche auszuhalten und erlebt, dass ich immer gehalten und getragen wurde. Und das beste von allem: Ich habe gelernt, mir selbst aus diesen Situationen herauszuhelfen. 

Gruppen-Dynamik

 

Vielleicht ist diese Gruppe eine große rosa Seifenblase und hat wenig mit dem zu tun, was uns in unserem gewohnten alltäglichen Umfeld an Konkurrenz, Missgunst, Zickigkeit, Ungeduld und Unverständnis begegnet. Man kann es aber auch umgekehrt betrachten. Und man kann den Menschen sogar unterstellen, dass sie alle unterstützend und wertschätzend sind. Im schlimmsten Fall irrt man sich. Anfänglich habe ich so oft darüber nachdenken müssen, was diese Gruppendynamik auslöst: Menschen, die ich in der Straßenbahn niemals beachtet hätte, sind mir so nah gekommen und haben mich in Situationen erlebt, in denen ich verletzlich war, ohne dass ich nur den Hauch eines Zweifels daran gehabt hätte, dass sie meine Freunde sind. Wir leben tagein tagaus mit unseren vorgefertigten Gedanken über Menschen und verpassen dabei so viel. Wir urteilen beständig über jeden, der uns über den Weg läuft und den meisten trauen wir nicht. Ich liebe diese Gruppe und ich bin überzeugt, ich würde eine andere Gruppe von 15 Fremden nach diesem TTC genauso lieben. Ich habe gelernt, einen Schritt zurück zu treten und genauer hinzusehen. Und das ist es genau, worum es im Yoga geht. Wenn ich nur einen Bruchteil davon weitergeben kann als Yogalehrerin, macht das schon einen großen Unterschied. 

 

Meine Werkzeugkiste


Ich glaube, dass ich diese Art von Unsicherheit auf mich selbst bezogen auf meiner Yoga-Reise ablegen konnte. Ich glaube, dass ich heute selbstbewusst in einen Raum mir unbekannter Menschen gehen und ihnen Yoga beibringen kann.

Ich glaube, dass ich was zu sagen habe, was die Menschen interessiert – oder zumindest manche – und dass es wichtig ist, dass ich es auch sage. Ich kann helfen und ich habe etwas zu geben. Ich habe eine große Kiste mit Werkzeug, das mir dient, wenn ich abdrifte und meine Gedanken die Herrschaft über mich wieder übernehmen wollen. 

Diese Werkzeugkiste hat mir in dunklen Momenten, in denen ich vor extremen Herausforderungen stand, die Möglichkeit gegeben, durchzuhalten und nicht aufzugeben. In Momenten von großem Schmerz ist Achtsamkeit die beste Medizin.

Wenn ich zurückblicke auf dieses halbe Jahr – oder noch weiter zurück auf den Anfang dieses Jahres, das für mich sehr dunkel, verloren und verzweifelt erschien, kann ich die Entwicklung, die alles genommen hat, kaum fassen:

Heute bin ich mehr in meiner Mitte, als ich es je zuvor war und die Dinge, die ich mir für mein Leben gewünscht habe, sind wie in einem Märchen Realität geworden. Heute kann ich sehen, dass mein ganzes Leben eine Abfolge von erfüllten Wünschen ist und bin unendlich dankbar für die Geschenke, die ich jeden Tag erhalte.

Ich weiß nicht, was genau da alles noch kommt aber ich weiß, dass ich mich darauf freue. Und ich weiß, dass die Dinge, die einen Platz in meinem Leben haben sollen, immer dort sein werden.

All das klingt von außen betrachtet vielleicht viel zu sehr nach Seifenblase oder rosaroter Brille. Ich kann euch versichern, die Herausforderungen, denen ich begegne, werden immer da sein. Es geht hier nicht darum, das Leben schönzureden. Es geht einzig und allein darum anzuerkennen, was ist. Ich kenne mich und meinen Hang zur Depression. Dieses Thema wird mich mein Leben lang begleiten, ebenso wie meine Höhenflüge. Aber es ist eben das Bewusstsein für mein wahres Wesen aufgekeimt und ich kann nun sehen, wie diese Achtsamkeit Früchte trägt und ich tatsächlich bestimmte Leidensmuster durchbrechen kann. 

Lehrerin und Schülerin

Was hat das jetzt alles mit Yoga zu tun, fragt ihr euch vielleicht. Und ich antworte euch: ALLES. Das und noch viel mehr habe ich über mich selbst gelernt und ich würde es nicht für euch aufschreiben, wenn es nicht für uns alle wichtig wäre. Ich möchte weitergeben und helfen zu entdecken, was wir jenseits unserer Gedanken sind. Ich möchte einen Weg aufzeigen, anzunehmen, wer wir sind, ungeschminkt und schwitzend auf der Matte, konfrontiert mit unseren Grenzen und unseren Möglichkeiten. In der Entspannung, die wir auf eine ganz neue Art und Weise erleben können und in der Liebe zu uns selbst, die die Grundlage für alles andere ist. Ich möchte euch zeigen, dass es möglich ist, zufrieden zu sein, sofort und ohne Anstrengung, ohne Ziele erreichen zu müssen, ohne uns zu verändern. Es gibt nichts, was wir tun müssen. Diese Entdeckung bedeutet eine unglaubliche Erleichterung. Für all das und noch mehr ist Yoga da und jeder, der sich diesem Thema öffnet, wird reich dafür belohnt werden. 

Im Traum wäre ich vor fünf Jahren nicht auf die Idee gekommen, dass ich mir jemals wünschen könnte, Yogalehrerin zu sein und als dieser Wunsch dann in mir entstand, habe ich ihn recht lange vor mir hergetragen, weil ich mich an das Thema nicht herangetraut habe. Auch noch zu Beginn der Ausbildung war das Ganze für mich mehr eine Art Coaching-Programm als der dringende Wunsch, zu unterrichten. Es liegt aber in der Natur der Sache, dass wir sie teilen wollen, weil wir eben selbst auch so sehr davon profitieren und unfassbar viel von unseren Schülern lernen können. 

Und es liegt in der Natur des Menschen, sich der Spiritualität zu öffnen, auch wenn ich mich jahrzehntelang dagegen gesträubt habe. Heute kann ich selbstbewusst sagen, dass ich ein spiritueller Mensch bin und riskiere gerne, dafür schief angeguckt zu werden. Der Zugang zu meiner inneren Welt relativiert so unglaublich viel in der äußeren Welt! Ich brauche weniger Materielles, ich brauche keinen Status und ich bemitleide Menschen, die sich an diesen Äußerlichkeiten festklammern und sich davon Erleichterung erhoffen, weil ich genau diese Erfahrung selbst gemacht habe. 

Es wird niemand kommen und uns retten, das müssen wir selbst tun. Und das Potential dazu liegt in jedem von uns. Solange wir zurückkehren können zu uns selbst, ist alles gut. Solange Gedanken nicht greifbar sind, werden sie durch uns hindurchgeistern, kommen und gehen, uns verwirren und ängstigen und immer wieder können wir uns von ihnen distanzieren und sie in Frage stellen. Wenn wir uns, die Gedanken und die Welt um uns herum beständig beobachten, erfahren wir mehr über die Freiheit, die wir alle in uns tragen. Mehr braucht es nicht.



Ich habe meine Ausbildung übrigens bei Yogalife im Studio Yoganjuly in Bonn-Kessenich absolviert.

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