Donnerstag, 12. Juli 2018

Yoga Teacher Training – Teil 4: Ich und Anatomie, echt jetzt?

Ich hocke im Bett, mein Yoga-Handbuch auf dem Schoß, das Handy mit der Übersetzungs-App gezückt, und pauke mir doch wahrhaftig die englischen Namen aller möglichen Knochen rein. Wer hätte jemals gedacht, dass ich mich eines Tages hier wiederfinde: freiwillig lernend, mit einer offenen Neugier, die Angst vor dem Versagen für einen Moment völlig in den Hintergrund gerückt. Ich bin knapp 38 Jahre alt und das erste Mal im Leben habe ich einen echten Wissenshunger. Das erste Mal in meinem Leben sitze ich vor einer komplizierten Aufgabe und beginne einfach, sie zu lösen, anstatt an ihr zu verzweifeln, weil ich glaube, ich könnte es nicht.


Inzwischen werde ich sehr aufmerksam, wenn ich mich selber solche Sätze sagen höre wie: „Ich kann nicht mit Zahlen umgehen“ oder „Ich kann nicht rechnen“, „Ich bin nicht so der analytische Typ“ oder „Das liegt mir nicht“. Ich erinnere mich an die Zeit kurz vor dem Abitur, als es darum ging, was man studieren möchte und an meine Gewissheit, dass ich bestimmte Dinge einfach nicht können würde. Mein großer Traum war: Psychologie. Aber ich habe denjenigen geglaubt, die mir erzählt haben, dass ich mit Statistik nicht klarkommen würde, ich habe mich von dem NC und den Wartesemestern einschüchtern lassen. Ich habe das Feld den anderen überlassen.

Das Lernen, was jetzt stattfindet, ist anders als damals. Dazu gehört vor allem auch, dass ich mir zutraue, eine Aufgabe unvoreingenommen anzugehen, vor den Widerständen nicht zurückzuschrecken, sondern mich ihnen zu stellen. Ich tue einfach so, als könnte ich es lernen und werde immer sicherer, dass ich es schaffe. Ich tue so, als wäre ich eine souveräne Yogalehrerin und – ich bin es! Und dieses Gefühl der Sicherheit, das in mir aufsteigt, gibt mir so viel Stabilität für alle Bereiche meines Lebens, dass alles, wirklich alles, dadurch besser wird.

Der vierte Teil unserer Yoga-Ausbildung war für mich genau diese Lernerfahrung:

Anatomie ist eine Wissenschaft, die uns auf derart pragmatische Weise helfen kann. Ja, es stimmt, irgendwer hat irgendwann den Knochen und den Muskeln unglaublich komplizierte und schwer zu merkende Namen gegeben, aber: Der menschliche Körper ist ein Wunderwerk, unglaublich komplex, und ihn zu verstehen, auch nur im Ansatz, gelingt nicht von jetzt auf gleich. Wir können dennoch hingehen und jenseits von jeglichen Hörsälen einfach unsere eigenen Körper erkunden, die Knochen, die Muskeln ertasten, Bewegungen und ihre Auswirkungen ausprobieren. Wir können beobachten – auch unsere Widerstände und unsere Angst. Ich kann die Anatomie betrachten als einen Schlüssel zur Wahrnehmung meines eigenen Körpers und für die Beobachtung anderer, z.B. in Bezug auf meine Schüler und ihre ganz individuellen Besonderheiten. Ihre Körperlichen Beschwerden, ihre Haltung, die Körpersprache kann ich als Spiegel ihrer Seele erkennen. Menschen, die Rückenprobleme haben, tragen sehr oft eine besondere Bürde, Menschen, die wie ich dazu neigen, sehr viel nachzugrübeln und zu versuchen, ihren Stress damit zu kompensieren, haben viel mit Kopfschmerzen zu tun. Menschen, die ein schwaches Selbstwertgefühl haben, sind oft in sich eingesunken und lassen die Schultern hängen. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich seelische Themen im Körper manifestieren. Und genau hier können wir ihnen auch wieder auf eine heilsame Art und Weise begegnen. Unsere Haut als größtes Organ des Körpers ist ein Rezeptor, der unglaublich empfänglich ist für Berührung. Diese Berührung kann sehr wirksam und heilend sein, wenngleich es eine ganz simple, unspektakuläre Sache ist. Und es ist nichts Esoterisches daran: Durch die Berührung werden Glückshormone ausgeschüttet, so einfach ist das.

Für mich ist dieser Lernprozess ein kontinuierliches Erwachen. Ein Gang, immer wieder, über meine Grenzen hinaus. Sei es körperlich oder in Bezug auf Dinge, die man sich vorher nicht zugetraut hat. Und das erschließt mir die ganze große Welt, jeden Tag aufs Neue. Eine kindliche Neugier und Unvoreingenommenheit, das Spielerische, auch in der Herausforderung, die Leichtigkeit: Alles ändert meine Sicht auf die Dinge. Es ändert sogar die Dinge, die ich sehe.

Yoga ist nichts anderes als ein Weg zu dir selbst. Und was du dort vorfindest, ist erstaunlich und wunderschön. Das ist der Grund, warum ich immer wieder dorthin zurückkomme. Und auch wenn manche Erkenntnisse Anstrengung und Schmerz auslösen, weißt du doch immer, dass du auf dem richtigen Weg bist.

An dieser Stelle möchte ich mich bei unserer unglaublichen, wunderbaren Anatomie-Lehrerin Anne Mcnabb bedanken, die uns diesen komplizierten Stoff auf die lustigste, unterhaltsamste, beschwingteste und plastischste Weise nähergebracht hat. Dich zu erleben, Anne, war ein großes Geschenk und ich werde immer dankbar dafür sein!


Wenn ihr mehr über meine Ausbildung bei Yogalife erfahren wollt, könnt ihr euch übrigens hier umschauen: http://yogalife.org/

Freitag, 6. Juli 2018

Wiedergefunden: Verena

Wie in letzter Zeit so oft, passieren Dinge und begegnen mir Menschen, auf die ich gewartet zu haben scheine. Es fühlt sich magisch an, aber das ist es nicht. 

Meine liebe Freundin Verena, ich habe dich für viele Jahre aus den Augen verloren. Und plötzlich war da eine Verbindung zwischen uns, die wir beide so deutlich gespürt haben und die unser Wiedersehen für mich ganz überwältigend gemacht hat! 

Wie du meine Hand immer wieder genommen und mich angesehen hast! Ich bin geflashed wie intensiv dieses Gefühl der Verbundenheit wieder ist. Es ist etwas jenseits von dem, was wir in all den Jahren erlebt haben. Noch hatten wir gar keine Zeit, uns das alles zu erzählen. Es ist etwas, das in uns resoniert, ein Wiederklang von etwas ganz Wahrhaftigem. Wir beide haben zu uns selbst gefunden, allen äußeren Widerständen zum Trotz. Wir beide sind dabei vielen unglaublichen und inspirierenden Menschen begegnet.

Verena und ich ungefähr 2002 in Italien

Du bist – das ist mir klargeworden – tatsächlich immer schon ein Hippie gewesen und hast es nicht leicht damit gehabt, anders zu sein. Ich habe dich dermaßen dafür bewundert. Für mich warst du die wunderschönste, intelligenteste Frau auf Erden. Du hast getanzt und mit Anfang 20 schon mehrere Sprachen fließend gesprochen. Du hast deinen eigenen inneren Kampf beobachtet und dich deinen Dämonen immer und immer wieder gestellt. Ich habe in all meiner Bewunderung vielleicht übersehen, wie schwer es für dich war, unangepasst zu sein. Deine Stärke hat das überstrahlt. Aber wie schön jetzt für mich zu sehen, dass du genau das immernoch bist und lebst und wie authentisch das ist!

Als ich dich wiedergetroffen habe, ist mir aufgefallen, wie unfassbar viel Energie in dir steckt. Es wundert mich nicht, dass du immer wieder viel zu erschöpft bist, weil es so quirlig und lebendig aus dir heraussprudelt, weil dein Leben voll ist mit unfassbar vielen Erlebnissen. Du bist das Zentrum von alldem, du bist der Magnet für all diese Dinge. Für alle Menschen, die du liebst und mit denen du dich umgibst. Und ist dir mal aufgefallen, wie unfassbar viele das sind? Du hast mir von so vielen tollen Menschen erzählt, die dein Leben bereichern. 

Mir gefällt die Idee, dich wie einen Magneten zu sehen, der all das Schöne, Bunte, Lustige, Verrückte, Künstlerische in sein Leben zieht und seine Mitmenschen damit segnet.
Ich wünsche mir von dir, dass du dich nie wieder dafür entschuldigst, dass du bist, wer und wie du bist, dass du anderen deine Verletzlichkeit zeigst und dich nicht dafür schämst. Dass du allen, denen du dich anvertrauen möchtest, hemmungslos alles erzählst, was dir auf dem Herzen liegt, ohne dich darüber zu sorgen, ob sie das aushalten. Geh raus in die Welt und teile dich mit! Du hast so viel zu geben! Jemand, der so viel Liebe für andere hat, darf ihnen auch zumuten, dass sie einem zuhören. Die Menschen, denen du vertraust, halten das aus und freuen sich darüber. Sie geben ebenso gerne wie du. Ich danke dir für unsere Begegnung, für unsere Verbindung und dafür, dass du wundervoll bist!

Deine Lene