Mittwoch, 20. Juni 2018

Yoga Teacher Training – Teil 3: Die „Alienbrille“

Das dritte Wochenende der Ausbildung. Und soll ich euch was sagen? Ich habe einen wirren Kopf. Da schwirrt unheimlich viel Zeug drin rum. Sehr interessantes Zeug. Ich habe so viel mitgenommen, das jetzt in mir arbeitet. Was ist also hängengeblieben? 

Jede Herausforderung, wirklich jede, hat ihre Aufgabe und einen Sinn. Nichts davon passiert einfach nur, um uns zu ärgern und weil das Schicksal es schlecht mit uns meint. Ich laufe durch die Welt und beobachte sie aus einer neuen Perspektive. Ich beobachte mich, wie ich auf Dinge reagiere, auf Menschen, die mir begegnen und mich fordern. Warum macht es mich wütend, wenn jemand mich provoziert? Gibt es irgend etwas, das ich auch durch eine andere Brille sehen könnte?

Wir haben uns im Training u.a. auch mit „The Work“ von Byron Katie befasst und erlebt, wie sich eine Wahrheit ganz unmittelbar ins Gegenteil wenden kann. Wie das auch lustig ist, wie man sich selbst und seine Glaubenssätze plötzlich in Frage stellt und dadurch ganz viel Erleichterung erlebt. 

Eine weitere Aufgabe bestand darin, herumzulaufen und den Dingen, die wir sehen, neue Namen zu geben und sie so zu betrachten, als würden wir sie nicht kennen. Ich fühlte mich wirklich wie eine Außerirdische, die zum ersten Mal ein Auto, einen Baum, eine Hauswand, ein Blatt mit einem Tautropfen darauf sieht und keine Idee davon hat, wozu diese Dinge alle gut sind. Es war auf einmal nur noch eine Ansammlung von Farben, Strukturen, Texturen, Linien, Zacken, Rundungen, Formen. Ich habe mir vorgenommen, beim Spazierengehen jetzt öfter diese „Alienbrille“ aufzusetzen, weil es einfach Spaß macht. Man kann etwas Neues sehen und erleben. Man kann sich von der üblichen Bewertung der Dinge trennen.


Und warum sollte man das tun? fragt ihr euch vielleicht. Ich kann euch keine klare Antwort darauf geben, die für euch gelten kann. Für mich ist es eine unermessliche Erweiterung des Horizonts, eine Erleichterung, eine Befreiung und eine Relativierung meines „normalen“ Kontexts. Und das genau hilft mir, mit meinen Herausforderungen umzugehen. Jeder Schuss vor den Bug, jeder Arschtritt, jede Kritik erscheint in einem anderen Licht, wenn wir ehrlich zu uns selbst sind. Denn wenn das Problem uns gar nicht betrifft, müssen wir nicht darunter leiden und falls wir das doch tun, steckt eben etwas dahinter, an dem wir arbeiten können. Es ist also in jedem Fall hilfreich, genau hinzuschauen. 

Eine weitere Erleichterung im Yoga besteht darin, dass man eine Erklärung für das menschliche Leiden findet, die jenseits von unserem traditionellen westlichen Denken funktioniert. Wir müssen nicht mehr in unserer Vergangenheit kramen, Ursachenforschung für alles betreiben, analysieren, optimieren. Wir können ganz einfach verstehen, erleben, erkennen, dass die Klarheit und Reinheit unseres Seins immer da ist und dass wir alle unter denselben Trübungen und Störungen dieser Klarheit leiden. Aber wir erfahren, dass diese Klarheit immer da ist, dass im Grunde immer alles gut ist. Wir können an diesen einen Punkt zurückkehren, immer wieder und in ihm unseren Ruhepol finden. Egal, welcher Sturm gerade um uns herum tobt. 

Unser Ego, unsere Angst, unser Neid, unsere Begierde, das Gefühl des Mangels tragen dazu bei, dass wir an unserem Glück zweifeln und den Zugang zu unserem wahren Sein nicht immer spüren können. Yoga ist der Weg weg von diesen Trübungen des Geistes, eine Übung für mehr echtes Wahrnehmen und in diesem Sinne tatsächlich ein Allheilmittel. Hinter dem Schmerz liegt das Wesentliche, nur wenn wir durch ihn hindurch gehen, können wir es erfahren und nur deshalb gibt es diese Trübungen. Sie sind unsere Aufgabe. Und sie haben alle, alle ihren Sinn. Auch wenn es oft so scheint, als wären sie sinnlos oder wir würden uns viel zu lange mit ihnen abmühen. Wenn wir zulassen, dass wir leiden, wenn wir uns beobachten, während wir herausgefordert werden, können wir unglaubliche Dinge über uns selbst lernen. 

Wenn ihr mich fragt, ist das der Sinn des Lebens. 


1 Kommentar:

  1. Einfach WOW! Deine Worte sprechen so klar, fast eine einfache Logik. Deinen Weg mitverfolgen zu dürfen ist großartig! Namaste, liebste Lene ��������

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