Freitag, 25. Mai 2018

Yoga Teacher Training - Teil 2: Stille Beobachtung

Diese Ausbildung anzufangen, war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Ich fühle mich so richtig, so gut aufgehoben dort, dass ich es kaum erwarten kann, dass es weitergeht. Und, was noch viel wichtiger ist: Dieser Frieden, der sich in mir ausbreitet, hält an und überträgt sich in meine Welt, er strahlt aus auf meine Lieblingsmenschen um mich herum, er resoniert mit allem. Jetzt habe ich das Vertrauen, dass meine Krise überwunden ist und kann sagen, dass es mir durch und durch gut geht. Ich spüre, dass mein Vertrauen in mich selbst so leicht niemand erschüttern kann.


Meine Aufgabe des letzten Wochenendes war es, stiller Beobachter zu sein. Von Freitagabend bis Sonntagvormittag habe ich geschwiegen. Für eine Plappertasche wie mich, die sich ständig und überall mitteilen möchte, eine echte Herausforderung! Und gerade deshalb war ich so gespannt darauf, wie es für mich werden würde. Ich habe erwartet, dass sich eine gewisse Ruhe in mir ausbreitet und ich in eine Art meditativen Zustand komme, in dem ich durch das Wochenende schwebe. Zunächst war es aber ganz anders. Nicht nur ich war völlig verunsichert, wie ich den anderen begegnen soll, wir wussten alle nicht so richtig, wie wir uns am besten verhalten. Was passiert, wenn ich nach einer Woche, voller Wiedersehensfreude, ins Studio komme und wir uns dort alle treffen? Keine Umarmung, kein Gruß, kein Blickkontakt. Nicht für mich. Ich war fast ein bisschen geschockt und fühlte mich ganz isoliert. Den ein oder anderen Blick musste ich trotzdem auffangen, kurze, schöne Begegnungen. 

Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer ist und ich mich so gefangen fühlen würde. Die Unsicherheit ging mit der Zeit weg, aber es war nicht entspannend, sondern eher anstrengend. Der natürliche Impuls, zu kommunizieren, musste unterdrückt werden. Am besten ging das tatsächlich beim Yoga. 

Am ersten Abend haben wir mit Augenbinde praktiziert, sodass ich nicht nur stumm, sondern auch blind war. Und das fühlte sich völlig natürlich, wunderschön und richtig an. In dieser Yogastunde war ich ganz bei mir, fühlte mich auch mit den anderen verbunden und alles passte so schön zusammen. Auch im weiteren Verlauf des Wochenendes habe ich gemerkt, dass ich beim Yoga nicht sprechen muss und dass es guttut, dabei nach innen zu sehen, wirklich zu beobachten. Die Wahrnehmung wird durch diese Haltung sehr geschärft. Man denkt nicht darüber nach, wie man nach außen wirkt und kann sich ganz darauf einlassen, wie es sich anfühlt. 

Was ich besonders schön fand war, als wir uns umarmt haben. Ich fühlte mich aufgefangen, gestützt, angenommen, als Teil des Ganzen. Es war so wunderschön zu spüren, wie unterschiedlich sich diese Umarmungen mit all diesen doch eigentlich noch recht fremden Menschen anfühlen, wie sie riechen, wie sie atmen, wie groß oder klein sie sind, wie sehr sie mich drücken, wie sich etwas überträgt, wenn man sich auf diese Art und Weise begegnet. 

Die wirklich interessante Begegnung aber war die mit mir selbst. Ich merkte in der Mittagspause, dass ich alleine sein wollte, setzte mich ins Auto und fuhr in den Wald. Dort konnte ich in aller natürlichen Stille, die mich umgab, mein Essen zu mir nehmen, mich ausruhen, ein paar Schritte gehen. Ich saß auf einem umgefallenen Baum und knipste mit der Einmal-Kamera, die mein geheimer Freund mir geschenkt hatte, um meine Eindrücke festzuhalten. Jede Beobachtung hat dadurch einen besonderen Rahmen bekommen. Ich danke dir so sehr, geheimer Freund, für diese wunderschöne Idee!

Diese Pause im Wald war eine wirklich ganz besondere Erfahrung. Ich habe nie an Magie und Mystik geglaubt und jetzt in dieser Ausbildung lerne ich, dass Magie nichts anderes ist als das Gesetz der Anziehung. Das, was ich kenne, sehe ich auch. Wenn ich beginne, nach bestimmten Dingen Ausschau zu halten, werden sie mir begegnen. An diesem Tag im Wald stand ich plötzlich vor einem Baum, auf den das Zeichen des Jakobswegs aufgemalt war. Ich konnte kaum fassen, dass ich "per Zufall" auf diesen Weg geraten war, den ich schon seit 20 Jahren gehen möchte und der mir in den letzten Tagen immer wieder durch den Kopf gegangen ist. Eine Pilgerreise auf dem Jakobsweg steht ganz oben bei mir auf der Bucket-List. Es ist ein unglaubliches Gefühl, wenn sich so ein Kreis schließt, wenn die Antworten so unmittelbar kommen, wenn der Weg auf einmal ganz klar vor einem liegt. Wie sehr habe ich mir in den letzten Wochen und Monaten Klarheit gewünscht und wie sehr habe ich sie nun bekommen! Ich bin voller Dankbarkeit dafür.


Es gab noch eine Erkenntnis, die mir das Schweigen gebracht hat: Meine innere Blockade, das Aufrechterhalten einer gewissen Mauer, mein fast immer angespannter Kiefer, meine verhärtete Gesichtsmuskulatur will sich entspannen! Ich will meine Gefühle zeigen, ich will die Handbremse lösen, ich will Vollgas geben.

Jahrelang habe ich nach diesem Gefühl aus meiner Kindheit gesucht, nach diesem Staunen, nach diesem wertvollen Gefühl, in diesem einen magischen Moment etwas ganz Besonderes zu erleben. Ich bin durch den Wald gejoggt auf der Jagd nach diesem Gefühl, habe gesucht und gesucht und erschöpft aufgegeben. Für mich hat sich als Kind dieses Gefühl in der Natur manifestiert. Es gab bestimmte Pflanzen, die mich daran immer erinnert haben, aber es blieb später in meinem Erwachsenenleben eine vage Erinnerung an etwas, was ich nicht mehr heraufholen konnte. 

Als ich am Wochenende auf meinem Jakobsweg durch den Wald ging, kam auf einmal eine Lichtung und ich wusste, dass ich auf dieser Lichtung etwas Besonderes finden würde. Ich ging dorthin und wurde von einer Erinnerungswelle überflutet und diese kindliche Leichtigkeit war wieder da. Die Tränen kamen ganz unvermittelt und ich konnte die Brücke schlagen zu dem Kind, das ich war, das ich bin und das ich immer sein werde.

Was hat das alles mit Yoga zu tun? Was hat es mit der Ausbildung zu tun? 

Wir haben an diesem Wochenende gelernt und erfahren, dass allein die Beobachtung, das wiederholte Praktizieren einer wertfreien, konzentrierten Sicht auf die Dinge aus einer etwas entfernteren Perspektive uns aus unserem Dilemma befreien kann. Yoga ist genau das. Und wir haben es nicht nur in der Theorie gelernt, sondern an uns selbst erfahren. 

Wenn wir einen Schüler haben, der Hilfestellung benötigt, müssen wir ganz genau hinschauen, die individuellen Gegebenheiten und Bedürfnisse wahrnehmen, uns von vorgegebenen Dogmen lösen, damit wir ihm helfen können. Die Erfahrung unseres eigenen Leids sowie seine Überwindung hilft uns als Lehrer dabei, empathisch zu sein.


Das Leben in unserer modernen Gesellschaft stellt uns vor gewisse Herausforderungen. Ihre Regeln, ihre Vorgaben und alles, was uns und die Generationen vor uns so tief geprägt hat, dass wir es kaum noch unterscheiden können von unseren eigenen, natürlichen Impulsen, schafft einen inneren Konflikt in uns, den wir nur auflösen können, wenn wir einen Zugang zu unserem wahren Inneren finden können. Wer sind wir jenseits unserer Rollen und Identitäten? Wer wären wir, wenn wir nicht Mütter, Töchter, Arbeitnehmer, Millionäre, Autobesitzer, Christen, Muslime usw. wären? Was bleibt von uns noch übrig, wenn wir diese von außen auferlegten Identitäten wegnehmen? Das ist die Frage, der wir im Yoga nachspüren. 

Es tut mir leid, allen Nicht-Yogis die Illusion nehmen zu müssen, dass Yoga auf der Matte stattfindet und eine Art Sport mit Entspannungstechniken darstellt. Es ist vielmehr eine Art, die Welt zu betrachten und zu handeln. Yoga kann entsprechend bei jeder Aktivität praktiziert werden, beim Kochen, beim Sport, in der Kommunikation mit anderen, bei allem, was man bewusst, wertfrei beobachtend und achtsam tut. Und das ist nichts, was ich euch predigen möchte, damit ihr es glaubt, sondern es ist etwas, was ich selbst erfahren habe. Vielleicht, wenn ihr mal am Meer sitzt und die Wellen beobachtet, wenn ihr den Wind in euren Haaren genießt und vergesst, worüber ihr euch vor ein paar Minuten noch geärgert habt, wenn ihr diesen Moment zulasst, erfahrt ihr es auch. Ich wünsche es euch. Namaste.

Wenn ihr mehr über meine Ausbildung wissen möchtet, könnt ihr euch auch auf den Seiten von Yogalife und Yoganjuly informieren.


Dienstag, 15. Mai 2018

Yoga Teacher Training – Teil 1

Vor einem weißen Blatt Papier zu sitzen und zu versuchen, in Worte zu fassen, was einen von oben bis unten mit unglaublichen Gefühlen erfüllt, ist eine ganz sonderbare Sache. Ich bin normalerweise nicht um Worte verlegen und ich liebe es, meine Gedanken auf diese Weise auszudrücken. Jetzt lerne ich etwas jenseits aller Worte kennen, was mich beeindruckt, mich bewegt, mich nachdenklich, glücklich macht. Ich werde eine Yogalehrerin. Ich habe mich so sehr auf diese Ausbildung gefreut, in vollem Vertrauen darauf, dass das eine wundervolle Reise werden wird. Dennoch – und das habe ich früher auch schon öfter erfahren – ist diese Reise so voll von Überraschungen und völlig anders, als ich sie mir vorgestellt habe. Ich liebe diese Überraschung! Ich lerne, mich auf etwas Neues einzulassen, alle meine Glaubenssätze zu hinterfragen und die Welt in einem neuen Licht zu sehen.


Ich spüre am eigenen Leib, was es bedeutet, achtsam zu sein und die Zeichen, die er mir gibt, anzunehmen und auf sie zu antworten. Ich spüre, dass ich meinem seelischen Leid mit körperlicher Aktivität begegnen kann und dass mein körperliches Leid durch die Auseinandersetzung mit meinem Geist Heilung erfährt. In der Meditation löse ich mich völlig auf und werde eins mit allem um mich herum. Das klingt esoterisch und seltsam, aber es ist eine so unmittelbare Erfahrung, dass ich nun vielleicht sogar eine Vorstellung davon haben kann, wie es ist zu sterben. Und wie wunderschön das ist. Meditation ist das Zelebrieren des Moments und da ich das schon eine Weile geübt habe, trägt diese Praxis nun Früchte und ich spüre: es gibt nichts Besseres!

Es ist so interessant zu sehen, wie „Außenstehende“ darauf reagieren, wenn ich ihnen erzähle, dass ich diese Ausbildung mache. Sie glauben, dass ich nun immer gelenkiger werde, immer kompliziertere Haltungen einnehmen kann und dass ich in einem Fitnessstudio anheuern und dort mein Geld verdienen könnte. Vielleicht bekomme ich einen sexy "Yoga Body"? Kann sich das jemand vorstellen? 

Und darum geht es überhaupt nicht. Ich habe schon öfter über Yoga geschrieben und was er mir bedeutet, u.a. hier, aber das ist niemals eine vollständige Beschreibung. Und wenn es im Yoga um eins nicht geht, dann ist es das Ziel, gelenkiger zu werden. Oder abzunehmen. Oder schöner zu werden. Es geht darum, zu erkennen, dass alles genauso ist, wie es sein soll.

Die Bewegungen sind ein Mittel auf dem Weg zur Selbsterkenntnis. Sie lassen uns spüren, dass wir eins sind mit unserer Umwelt, dass Körper und Geist nicht trennbar sind und dass es sich lohnt, hinzuschauen, in sich hinein zu spüren und die Antworten nicht im Außen, sondern im Innen zu suchen. Es lohnt sich, nach dem Sinn des Lebens zu fragen, den Kopf auszuschalten und auf sein Herz zu hören, bis die Antwort von ganz allein kommt. Es lohnt sich, zu akzeptieren, dass wir keine Kontrolle über das Leben haben und dass wir unsere Geschichte dennoch selbst gestalten und erzählen können. Denn was in unserem Kopf vorgeht, ist immer nur eine Geschichte, immer nur ein Abbild dessen, was ist. Und dieses Abbild ist mal so gefärbt und mal so. Mal verzerrt es sich in eine Richtung, mal in die andere. 


In dieser Ausbildung lernen wir, dass unsere eigene Geschichte maßgeblich ist für uns als Yogalehrer. Ohne diese Geschichte und unsere Auseinandersetzung damit können wir keine authentischen Lehrer sein, würde uns das Mitgefühl für unsere Schüler fehlen. Ohne das Überraschungsmoment würden wir uns zu bestimmten Dingen vielleicht niemals durchringen, aber wenn wir ins kalte Wasser geworfen werden, schwimmen wir einfach los und dieses Gefühl ist unfassbar schön. Wir lernen, dass wir mehr können, als wir geglaubt haben, wir entwickeln ein neues Selbstvertrauen. 

Und das Beste an allem ist, was zwischen uns passiert. Dass aus Fremden innerhalb von Stunden enge Vertraute werden, in deren Gemeinschaft man sich völlig frei fühlen darf und ganz unmittelbar spürt, dass alle unbefangen und mit viel Liebe auf einen zugehen. Wir alle sind an einem ähnlichen Punkt auf unserem Lebensweg und haben das Privileg, diese Reise gemeinsam zu machen. Und das schweißt uns derartig zusammen, dass wir alle völlig überwältigt davon sind. Ich kenne euch kaum und ich liebe jeden einzelnen von euch. In dieser Gemeinschaft kann ich zu meiner wahren Berufung finden und die Stärke gewinnen, nach der ich so lange gesucht habe. Ich danke euch so sehr dafür!

Die wunderschönen Bilder sind von Geert De Keyser, der uns an unserem ersten Abend begleitet hat.

Die Ausbildung absolvieren wir mit Yogalife im Studio Yoganjuly in Bonn-Kessenich. Danke euch großartigen Menschen, dass ihr das möglich macht!