Fokus!

Das ist mein neues Lieblingswort. Gestern kam es mir in den Sinn wie die Lösung all meiner Probleme. Beim Yoga sollten wir uns vorstellen, dass unser Körper sich in Kreisen um die Wirbelsäule bewegt. Die Wirbelsäule als Zentrum des Körpers, an dem er sich aufrichtet, zentriert, festhält. Die Wirbelsäule, die Stärke gibt, Rückgrat, Sicherheit.

Meine Gedanken waren in den letzten Wochen sehr durcheinander. Ich habe das gemerkt, als ich mit meinen Schwestern über meine aktuelle Situation gesprochen habe und sie Schwierigkeiten hatten, zu verstehen, was überhaupt los ist. Und einmal mehr ist mir aufgefallen, wie sprunghaft ich bin, wie ich in einem Moment voller Energie und guter Gedanken bin und im nächsten völlig verzweifelt und antriebslos. Wie ich von überall her Ideen aufsauge, in mich aufnehme, mich begeistern lasse und überall neue Dinge anfange, vielleicht viel zu viele.

Was also kann helfen, das Chaos ein bisschen zu lichten? Ich beschäftige mich ja sehr viel mit Meditation in letzter Zeit und inzwischen merke ich, wie sich das, was ich da lerne, auf mein Leben überträgt und wie ich in Situationen, die mich stressen, einen Weg finden kann, meinen Fokus zu lenken. Ich stelle mir den Fokus wie meine Wirbelsäule vor, oder vielleicht auch wie das Zentrum meines Körpers, an dem ich mich immer orientieren kann, zu dem ich wieder und wieder zurückkehren kann, wenn ich mich verloren fühle. 


Ich habe jetzt verstanden, dass ich meine Gedanken nicht lahmlegen kann. Sie ploppen auf und geistern durch meinen Kopf. Aber ich kann steuern, ob ich mich von ihnen leiten lasse, oder meinen Fokus woanders hinrichte. Was mir dabei am schwersten fällt, ist die Verknüpfung von Gedanken und Gefühlen zu verstehen. Ich bin ein Mensch, der sich von seinen Gefühlen meistens völlig beherrscht fühlt. Erst langsam verstehe ich, wie stark die Gefühle aus meinen Gedanken resultieren und dass ich tatsächlich einen Einluss darauf nehmen kann. Früher habe ich mich immer völlig ausgeliefert gefühlt. Jetzt habe ich einen Ort, an dem ich mich ausruhen kann. Es bedarf sehr viel Übung und Geduld und Wiederholung, aber ehrlich: Es ist das hilfreichste, was mir je wiederfahren ist. 

Das beste Beispiel ist mein göttliches, heißgeliebtes Morgenritual. Ich habe schon immer gerne morgens Zeit für mich gehabt. Als meine Kinder noch kleiner waren, bin ich extrem früh aufgestanden und raus in den Wald zum joggen. Intuitiv habe ich gespürt, dass das wie eine Voraussetzung für mich war, den Tag durchzustehen. Ich kam mit frischen Brötchen vom Bäcker zurück zum Frühstück und bin gemeinsam mit der Familie in den Tag gestartet. 

Da wir inzwischen viel früher aufstehen müssen als damals, ist es morgens hektischer bei uns. Ich habe mich sehr gestresst, bei dem Versuch, noch vor dem ganzen morgendlichen Wahnsinn Zeit für mich zu finden und war in der Meditation dann so müde, dass ich nur spüren konnte, wie fertig ich war und am liebsten einfach nur wieder eingeschlafen wäre. Es ist auch sehr schwierig, sich zu entspannen, wenn man fürchtet, dass gleich einer aufwacht und einen stört. Oder wenn man die Gedanken daran, was gleich alles ganz schnell passieren muss, immer wieder dazwischenfunken. 

Im Moment widme ich mich deswegen morgens als erstes der Familie und schaue, dass alle versorgt sind. Erst wenn alle aus dem Haus sind, bin ich dran. Und Leute, das ist einfach das Größte! Ich habe eine gute Stunde Zeit nur für mich. Erst dachte ich, ich könnte vielleicht wieder laufen gehen oder Yoga machen oder schreiben oder den Haushalt machen oder, oder... ich habe tatsächlich kein Problem mit Langeweile. Aber ich habe gemerkt, worum es tatsächlich geht: Eine Stunde Achtsamkeit. Was ich in dieser Stunde mache, ich relativ egal. Am wichtigsten ist mir die Meditation, aber es ich auch wirklich wunderschön, in Ruhe zu frühstücken und sich fertigzumachen. 

Heute habe ich den Drang verspürt, mir über meinen neu entdeckten Fokus Gedanken zu machen und wie sehr er mir Orientierung gibt. Es gibt einen Haufen ungelöster Probleme in meinem Leben, aber ich muss mich nicht ständig mit ihnen beschäftigen. Ich muss nicht versuchen, das Gedankenkarussel anzuhalten, sondern ich kann einfach aussteigen. Mich ein bisschen entfernen und mein Hirn vor sich hindenken lassen. Es ist, als würden die Gedanken dadurch ein wenig verblassen und sie verlieren sofort an Bedeutung, der Druck verschwindet. Es ist ein langer Weg, wenn man beginnt zu verstehen, dass man sich nicht durch seine Gedanken und Gefühle definieren muss. Für mich ist es der einzige Weg raus aus dem Dschungel und ich bin einfach unglaublich froh, dass ich einen Zugang dazu gefunden habe.



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