Mutlosigkeit überwinden

Ich hab einen neuen Trick! Immer, wenn mich die Mutlosigkeit überkommt, versuche ich, ihr nicht nachzugeben. Früher habe ich sie wie einen alten Bekannten begrüßt: "Ach, da bist du ja wieder, hast dich ja ne Weile nicht blicken lassen, ich dachte schon, ich wäre dich vielleicht losgeworden..."

Die Mutlosigkeit kommt in regelmäßigen Abständen, aber ich versuche jetzt, anders damit umzugehen. Es gibt ein gutes, wenn auch banales Beispiel: Ich habe in meinem Schlafzimmer eine Kiste, in die ich abends alle Klamotten reinwerfe, die nicht in die Wäsche gehören, die aber auch nicht zurück in den Schrank wandern, weil ich zu faul bin, sie zusammenzufalten. Am Ende der Woche ist diese Kiste ein riesiger Haufen Unordnung, den ich hektisch nach etwas zum Anziehen durchwühle. Wenn ich mir diesen Haufen dann so anschaue und er mich förmlich anschreit: "Räum auf! Ordne mich!" kommt dieses Gefühl der Überforderung in mir auf. Als wäre es mir völlig unmöglich, die Sachen zusammenzulegen und damit auch für ein ordentlicheres Gefühl in meinem Inneren zu sorgen. Wenn ich richtig schlecht drauf bin, kommt noch das Gefühl dazu, dass ich vom Konsum besessen bin und viel zu viel Zeug habe. Dass ich es nicht schaffe, mir eine schöne, simple, stylische Garderobe zusammenzustellen und stattdessen die immer gleichen ausgebeulten Jogginghosen bei H&M bestelle. Und dann kann ich gleich auch noch einen Blick in den Spiegel riskieren, der direkt über der Kiste aufgehängt ist und darin bestätigt finden, dass ich absolut unmöglich aussehe.

Mein neuer Trick: einfach machen. Nicht nachdenken, sondern loslegen. Ich habe in den letzten Monaten so viel nachgedacht über alles mögliche. Da waren viele inspirierende Sachen dabei, viele Anregungen, neue Ideen. Aber viel zu wenig Tun. Wenn ich dasitze und auf den Dingen herumdenke, drehe ich mich auf Dauer im Kreis. Wenn ich anfange, sie einfach zu tun, kann ich erfahren, dass ich es überleben werde. Dass es eben doch geht. Dass so ein Haufen Klamotten innerhalb von ein paar Minuten säuberlichst zusammengefaltet werden kann. Dass eine Yogaeinheit zuhause auf der Matte die beste Medizin gegen Lustlosigkeit und Müdigkeit ist. Dass man manchmal einfach zur Tür rausstürmen muss, um den Himmel zu sehen. Dass es manchmal göttlich sein kann, abends mit einer Packung Eis auf der Couch zu sitzen und Tatort zu schauen. Dass man den Sinn des Lebens spüren kann, während man die Spülmaschine einräumt. Dass es kein größeres Glück auf der Welt gibt, als mit seinem Sohn einen ausgiebigen Sonntagsspaziergang zu machen. 


Es ist der neue Umgang mit den alten Sachen, den ich meine. Ich bin so müde von den ganzen Kalendersprüchen, die mir suggerieren wollen, dass ich meines Glückes Schmied bin, dass das Glück in mir wohnt und ich mein Leben selbst gestalten kann. Was dabei nämlich nicht bedacht wird ist, dass niemand absichtlich auf dieses Glück verzichtet und dass es eben nicht ausreicht, sich schöne Gedanken zu machen. Es sind tatsächlich die Gedanken selbst, die uns von der inneren Ruhe und Freiheit trennen. Es ist da immer eine Polarität von hell und dunkel, Licht und Schatten, Glück und Unglück. Reden wir uns doch nicht ein, dass es uns gelingen kann, dass uns für den Rest unseres Lebens die Sonne aus dem Hintern scheint, nur weil wir entschieden haben, positiv zu denken. Das Leben bleibt, was es ist. Ich bleibe, wer ich bin. Die  Transformation ist so eine Art Gedanken-Shift. Wenn die Depri-Keule mich umhauen will, lasse ich mich einfach nicht mehr mitreißen und lerne so, dass es wieder vorbei geht. Ich merke, dass meine einzige Aufgabe ist, zu existieren. Und dass es manchmal egal ist, ob ich gut oder schlecht gestimmt bin. Ich muss nicht warten, bis ich gut drauf bin, um etwas zu starten, ich kann einfach loslegen. Nachdem ich mich so lange habe hängenlassen, ist das eine gute Erfahrung. Es kommt nicht immer was Sinnvolles dabei raus, aber auch das ist eine wichtige Sache: Nicht immer bedarf es eines konkreten Ergebnisses und es kann auch ausreichen, dass man bemerkt, dass man auf dem Holzweg war. 

Ich möchte mich gerne mit dem verbinden, was mich mit Leidenschaft ausfüllt. Dafür muss ich mich aber erstmal auf die Suche danach machen, muss einen Bezug zu mir selber herstellen. Ich muss abwarten, bis ich selbst bereit dazu bin zu erkennen, wo der Weg hingehen soll. Für den Moment muss ich es so stehenlassen, dass ich keine Ahnung habe. Ich habe jetzt die Aufgabe, mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren und zu beobachten, was passiert. Heute morgen habe ich mich in den Sessel gesetzt und in den Garten hinausgeschaut, so lange, bis sich meine ungemütlichen Gedanken etwas beruhigt haben. Das war eine ganz schön lange Zeit. Und zwischendurch war da immer wieder der Impuls, aufzustehen und mich mit irgendwas abzulenken. Dabei ist mir erst bewusst geworden, wie sehr sich dieses Muster der Ablenkung in meinem Leben etabliert hat und wie nötig es ist, diese Situationen auszuhalten und der Konfrontation damit nicht aus dem Weg zu gehen. Ich habe mir immer und immer eingeredet, ganz automatisch, dass ich in dieses alte Muster zurückfallen werde, ich konnte nicht glauben, dass ich es überwinden kann. Jetzt merke ich, dass es ein Gedankenkonstrukt ist und nichts weiter. Ich kann noch viel mehr, nur hat mein Kopf das noch nicht kapiert. Es sind nicht die Möglichkeiten, die mich limitieren, weder meine eigenen noch die der Welt da draußen, sondern es sind einzig und allein meine Gedanken. Und die habe ich im Laufe meines Lebens so konditioniert, dass es immer wieder auf bestimmte Kreisläufe hinausläuft. Das "Mean Girl" in mir, das Melissa Ambrosini in ihrem grandiosen Buch Mastering Your Mean Girl beschreibt, ist die treibende Kraft dahinter. Eine innere Zweiflerin, die mir in Situationen der Unsicherheit auflauert und hofft, dass ich in ihre Falle tappe. Meine Aufgabe ist es, ihr ins Gesicht zu sehen und ihr zu widersprechen. Desto öfter mir das gelingt, desto besser funktioniert die Tranformation. 


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