Montag, 19. Februar 2018

Mutlosigkeit überwinden

Ich hab einen neuen Trick! Immer, wenn mich die Mutlosigkeit überkommt, versuche ich, ihr nicht nachzugeben. Früher habe ich sie wie einen alten Bekannten begrüßt: "Ach, da bist du ja wieder, hast dich ja ne Weile nicht blicken lassen, ich dachte schon, ich wäre dich vielleicht losgeworden..."

Die Mutlosigkeit kommt in regelmäßigen Abständen, aber ich versuche jetzt, anders damit umzugehen. Es gibt ein gutes, wenn auch banales Beispiel: Ich habe in meinem Schlafzimmer eine Kiste, in die ich abends alle Klamotten reinwerfe, die nicht in die Wäsche gehören, die aber auch nicht zurück in den Schrank wandern, weil ich zu faul bin, sie zusammenzufalten. Am Ende der Woche ist diese Kiste ein riesiger Haufen Unordnung, den ich hektisch nach etwas zum Anziehen durchwühle. Wenn ich mir diesen Haufen dann so anschaue und er mich förmlich anschreit: "Räum auf! Ordne mich!" kommt dieses Gefühl der Überforderung in mir auf. Als wäre es mir völlig unmöglich, die Sachen zusammenzulegen und damit auch für ein ordentlicheres Gefühl in meinem Inneren zu sorgen. Wenn ich richtig schlecht drauf bin, kommt noch das Gefühl dazu, dass ich vom Konsum besessen bin und viel zu viel Zeug habe. Dass ich es nicht schaffe, mir eine schöne, simple, stylische Garderobe zusammenzustellen und stattdessen die immer gleichen ausgebeulten Jogginghosen bei H&M bestelle. Und dann kann ich gleich auch noch einen Blick in den Spiegel riskieren, der direkt über der Kiste aufgehängt ist und darin bestätigt finden, dass ich absolut unmöglich aussehe.

Mein neuer Trick: einfach machen. Nicht nachdenken, sondern loslegen. Ich habe in den letzten Monaten so viel nachgedacht über alles mögliche. Da waren viele inspirierende Sachen dabei, viele Anregungen, neue Ideen. Aber viel zu wenig Tun. Wenn ich dasitze und auf den Dingen herumdenke, drehe ich mich auf Dauer im Kreis. Wenn ich anfange, sie einfach zu tun, kann ich erfahren, dass ich es überleben werde. Dass es eben doch geht. Dass so ein Haufen Klamotten innerhalb von ein paar Minuten säuberlichst zusammengefaltet werden kann. Dass eine Yogaeinheit zuhause auf der Matte die beste Medizin gegen Lustlosigkeit und Müdigkeit ist. Dass man manchmal einfach zur Tür rausstürmen muss, um den Himmel zu sehen. Dass es manchmal göttlich sein kann, abends mit einer Packung Eis auf der Couch zu sitzen und Tatort zu schauen. Dass man den Sinn des Lebens spüren kann, während man die Spülmaschine einräumt. Dass es kein größeres Glück auf der Welt gibt, als mit seinem Sohn einen ausgiebigen Sonntagsspaziergang zu machen. 


Es ist der neue Umgang mit den alten Sachen, den ich meine. Ich bin so müde von den ganzen Kalendersprüchen, die mir suggerieren wollen, dass ich meines Glückes Schmied bin, dass das Glück in mir wohnt und ich mein Leben selbst gestalten kann. Was dabei nämlich nicht bedacht wird ist, dass niemand absichtlich auf dieses Glück verzichtet und dass es eben nicht ausreicht, sich schöne Gedanken zu machen. Es sind tatsächlich die Gedanken selbst, die uns von der inneren Ruhe und Freiheit trennen. Es ist da immer eine Polarität von hell und dunkel, Licht und Schatten, Glück und Unglück. Reden wir uns doch nicht ein, dass es uns gelingen kann, dass uns für den Rest unseres Lebens die Sonne aus dem Hintern scheint, nur weil wir entschieden haben, positiv zu denken. Das Leben bleibt, was es ist. Ich bleibe, wer ich bin. Die  Transformation ist so eine Art Gedanken-Shift. Wenn die Depri-Keule mich umhauen will, lasse ich mich einfach nicht mehr mitreißen und lerne so, dass es wieder vorbei geht. Ich merke, dass meine einzige Aufgabe ist, zu existieren. Und dass es manchmal egal ist, ob ich gut oder schlecht gestimmt bin. Ich muss nicht warten, bis ich gut drauf bin, um etwas zu starten, ich kann einfach loslegen. Nachdem ich mich so lange habe hängenlassen, ist das eine gute Erfahrung. Es kommt nicht immer was Sinnvolles dabei raus, aber auch das ist eine wichtige Sache: Nicht immer bedarf es eines konkreten Ergebnisses und es kann auch ausreichen, dass man bemerkt, dass man auf dem Holzweg war. 

Ich möchte mich gerne mit dem verbinden, was mich mit Leidenschaft ausfüllt. Dafür muss ich mich aber erstmal auf die Suche danach machen, muss einen Bezug zu mir selber herstellen. Ich muss abwarten, bis ich selbst bereit dazu bin zu erkennen, wo der Weg hingehen soll. Für den Moment muss ich es so stehenlassen, dass ich keine Ahnung habe. Ich habe jetzt die Aufgabe, mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren und zu beobachten, was passiert. Heute morgen habe ich mich in den Sessel gesetzt und in den Garten hinausgeschaut, so lange, bis sich meine ungemütlichen Gedanken etwas beruhigt haben. Das war eine ganz schön lange Zeit. Und zwischendurch war da immer wieder der Impuls, aufzustehen und mich mit irgendwas abzulenken. Dabei ist mir erst bewusst geworden, wie sehr sich dieses Muster der Ablenkung in meinem Leben etabliert hat und wie nötig es ist, diese Situationen auszuhalten und der Konfrontation damit nicht aus dem Weg zu gehen. Ich habe mir immer und immer eingeredet, ganz automatisch, dass ich in dieses alte Muster zurückfallen werde, ich konnte nicht glauben, dass ich es überwinden kann. Jetzt merke ich, dass es ein Gedankenkonstrukt ist und nichts weiter. Ich kann noch viel mehr, nur hat mein Kopf das noch nicht kapiert. Es sind nicht die Möglichkeiten, die mich limitieren, weder meine eigenen noch die der Welt da draußen, sondern es sind einzig und allein meine Gedanken. Und die habe ich im Laufe meines Lebens so konditioniert, dass es immer wieder auf bestimmte Kreisläufe hinausläuft. Das "Mean Girl" in mir, das Melissa Ambrosini in ihrem grandiosen Buch Mastering Your Mean Girl beschreibt, ist die treibende Kraft dahinter. Eine innere Zweiflerin, die mir in Situationen der Unsicherheit auflauert und hofft, dass ich in ihre Falle tappe. Meine Aufgabe ist es, ihr ins Gesicht zu sehen und ihr zu widersprechen. Desto öfter mir das gelingt, desto besser funktioniert die Tranformation. 


Donnerstag, 8. Februar 2018

Selbstliebe

Ich starte jetzt erst durch mit der Selbstliebe. Vorher ging es, glaube ich, mehr um Akzeptanz. Hauptsächlich meines Körpers. Aber gerade eben, als ich auf meiner Yogamatte lag und in mich hineinspürte, da wurde mir klar, dass in dieser Begegnung mit mir selbst die wahre Liebe liegt. Wenn ich mich im Umgang mit anderen Menschen quäle, sie mir auf die Nerven gehen, ich nicht weiß, ob ich sie besser aus meinem Leben verbanne oder versuche, mit ihnen umzugehen, dann vergesse ich, wo ich hinschauen muss: Genau da hin, in mich hinein. Heute spüre ich meine Liebe zu mir selbst und die fühlt sich so unglaublich gut und wunderschön, so richtig an, fast als würde ich mich in mich selbst verlieben. Und es wird mir so klar, dass dieses Gefühl die Voraussetzung für jede gute Beziehung ist. Dass jede Beziehung ein Spiegel unserer Beziehung zu uns selbst ist. Wir entscheiden uns bewusst, mit wem wir in Beziehung treten und suchen und finden in dieser Begegnung bestimmte, für uns relevante Dinge, aus denen wir lernen können. Ich meine das ganz allgemein und möchte es nicht auf eine bestimmte Beziehung in meinem Leben bezogen wissen. Es gilt für alle, die mein Herz erwärmen, meinen Horizont erweitern, mich mit Inspiration füllen und mit Energie auftanken und für alle, an denen ich mich störe, die mir im Weg sind, die mich ängstigen oder nerven, die ich nicht verstehe und die mich verletzen. Das ist alles nur möglich, weil ich es zulasse, weil ich danach suche. Und meine Aufgabe ist es nicht, Menschen zu verurteilen, zu verbannen, zu verfluchen, zu vergöttern, nachzuahmen oder hinter ihnen herzulaufen, sondern meine Aufgabe ist es, in den Spiegel zu sehen, den sie mir vorhalten. 

Gestern habe ich per Zufall diesen grandiosen Vortrag von Eckart Tolle auf Youtube gesehen, in dem er davon spricht, wie schmerzhaft es ist, seinen Ängsten ins Gesicht zu sehen und dass es doch die einzige Möglichkeit ist für ein glückliches und erfülltes Leben: Die Akzeptanz des Inakzeptablen. Wenn ihr Zeit habt, schaut euch das unbedingt mal an, ich finde es großartig und merke, wie es in mir nachhallt und mir eine Idee gibt, wie ich mit meinen Dämonen lernen kann umzugehen.

Gestern sagte auch eine liebe Freundin zu mir, dass ich nicht so hart mit mir sein solle. Meine Leute sind es leider gewohnt, dass ich schlecht über mich selbst spreche, dass ich mir zu wenig zutraue und ein seltsam verzerrtes Selbstbild habe. Oft reagieren sie sehr schockiert und auch verärgert, wenn ich über mich selbst spreche. Gestern aber merkte ich, dass sich da in meiner aktuellen Krise etwas verändert hat: Ich habe ganz unmerklich aufgehört, ein schlechtes Gewissen zu haben. Ich habe aufgehört, mit mir selbst zu schimpfen und ich habe angefangen, mich zu ermutigen. Mir war das gar nicht bewusst, aber damit einher geht auch, dass sich mein Verhältnis zum Essen normalisiert hat (für den Moment - ich bleibe vorsichtig) und das Thema Essen und Körper bzw. Figur augenblicklich keine große Rolle mehr spielt. Mir wird bewusst, wie sehr ich diesen Bereich als Bühne für mein Drama genutzt habe und wie wenig dieses Drama eigentlich mit Essen oder meinem Körper zu tun hat. Ich bin auf diese körperliche Ebene ausgewichen, weil es so schwer ist auszuhalten, was mir weh tut. Der Schmerz ist aber irgendwann so groß geworden, dass ich ihn nicht mehr ignorieren konnte, trotz der abstrusesten Ablenkungsmanöver. Jetzt ist er da und tut sehr weh und dennoch bin ich dankbar, dass es endlich so weit ist. Dass ich endlich so weit bin, zum Kern der Sache vorzudringen. Ich bin bereit, mich dem Ganzen zu stellen. Und allein die Bereitschaft hat mich einen großen Schritt voran gebracht. Diese Sackgasse, die ich mir erschaffen habe, hat mich direkt zu mir selbst geführt und da stehe ich nun und kann mich ansehen und dabei Liebe empfinden. Ich kann merken, wie meine fest gemauerten Wände dahinschmelzen und aus Verhärmung, Trotz, verletzten Gefühlen, Eingeschnapptsein, Angst vor Zurückweisung eine warme weiche Decke wird, die mich umschließt. Mich und alle anderen.

Es liegt ein großer Berg an Arbeit vor mir, das weiß ich. Und nur, weil ich hier und da erhellende Momente habe, in denen ich mich von dieser Last befreit fühle, heißt das nicht, dass ich geheilt bin. Wenn es mein Leben lang gedauert hat, mich so zu konditionieren, wie ich bisher funktioniert habe, dann wird es auch eine Weile brauchen, bis ich mich in dem Neuen zurechfinde. Es gibt unendlich viele unbeanwortete Fragen und einige Knoten müssen noch gelöst werden, aber aus dem tiefsten Sumpf habe ich vielleicht schon herausgefunden und bin beim Auftauchen mir selbst in meiner reinsten Form begegnet. 


Ich denke oft darüber nach, wie seltsam das ist, über sich selbst zu bloggen, sich so in den Mittelpunkt zu stellen, seine persönlichen Probleme mit Fremden zu teilen, preiszugeben und einen gewissen Geltungsdrang damit zum Ausdruck zu bringen. Noch mehr, wenn das Selbstbewusstsein eigentlich nicht das Größte ist. Es hat ja auch lange gedauert, bis ich mich endlich getraut habe und immernoch überkommen mich immer wieder die Zweifel, wenn sich sorgende Menschen mich darauf hinweisen, dass ich mich damit angreifbar mache. Tatsächlich ist es ein Zeichen meiner Selbstliebe und noch viel mehr. Aber selbst wenn der ganze Blog nur den Nutzen hätte, mir gutzutun, hätte er seinen Zweck schon erfüllt. Und so bin ich selbstverliebt genug, mich in den Mittelpunkt zu stellen und meine Themen hier niederzuschreiben. 

In Liebe, eure Lene