Donnerstag, 4. Januar 2018

Ich bin ein offenes Buch

Der Gedanke kam mir vor ein paar Tagen, als ich merkte, wie verletztlich und angreifbar ich bin. Es war schon immer so, dass ich jedem, der mich etwas fragt, eine ehrliche Antwort geben wollte. Und wer möglicherweise indiskret war bei seinen Fragen, hat dennoch immer eine Antwort bekommen. Ich möchte, dass die Menschen mich verstehen. Und es fällt mir manchmal schwer zu akzeptieren, dass sie es eigentlich nicht tun. Oft rede ich mir den Mund fusselig, offenbare mich in meinem ganzen Sein und dennoch kommt etwas ganz anders beim Gegenüber an. Es gibt aber auch das gegenteilige Phänomen, dass jemand mich so gut beobachtet und besser als ich selbst formulieren kann, was mit mir gerade los ist. Das finde ich grandios und davon möchte ich mehr in unserem Leben: Echte Aufmerksamkeit dem anderen gegenüber.


Wie lebt es sich so als Mensch ohne Geheimnisse? Übt man dadurch nicht viel weniger Reiz auf andere aus? Wäre es nicht oft besser, bestimmte Dinge für mich zu behalten? Zumindest denke ich das, wenn ich eine unangenehme Erfahrung gemacht habe. Aber ich habe inzwischen auch verstanden, dass ich wirklich einfach so bin und das auch eine Menge Vorteile mit sich bringt. Da ist nie etwas, was schwer auf mir lastet, weil ich es für mich behalte (es sei denn, es handelt sich um die Geheimnisse anderer Menschen, die natürlich immer bei mir bleiben). Wer mich wirklich verstehen will, dem gebe ich jede Möglichkeit dazu, scheue mich dabei auch nicht vor unbequemen Wahrheiten. Oft reagieren die Menschen ganz überrascht, wenn ich so offen auch über meine Probleme und Schwierigkeiten spreche. Das ist sicher nicht immer ganz leicht und auch nicht angenehm, weil man ja auch irgendwie darauf reagieren muss. Aber ich denke, unterm Strich ist es dennoch zumutbar. Und wenn ich schonmal dabei bin, über meine Zumutbarkeit zu schreiben, kann ich auch gleich hinterherschieben, dass ich weiß, dass ich ein anstrengender Mensch bin. Ich weiß, dass ich manchen auf die Nerven gehe, weil ich oft viel und ungebremst rede, weil ich dazwischenplappere. Das sind Themen, an denen ich arbeiten muss und das tue ich auch. Was ich für mich selbst aber auch enscheiden muss ist, dass ich mich nicht verbiege, um zu gefallen. Die Menschen, die gerne mit mir zusammen sind, leiden nicht unter mir, die freuen sich über mich und meine Art. Und die Menschen, denen ich zu anstrengend bin, müssen mich dann wohl in kleineren Dosen aushalten.

Es ist ganz natürlich, dass wir gerne Komplimente bekommen, positive Rückmeldungen, Sympathie, Zuspruch etc. Aber wir sollten nur das davon dankbar annehmen, was sich auch auf unser echtes Wesen bezieht und nicht einer Anpassung an das geschuldet ist, was andere als erträglich empfinden. Wir müssen für uns selbst auch riskieren, uns unbeliebt zu machen. Mit unserer Meinung, unserem Auftreten, unserem Look, unserer Art, uns auszudrücken. Und wir selbst sollten es uns wert sein, standzuhalten, wenn wir Gegenwind bekommen. Das festigt uns in unserem Wesen, gibt uns Selbstbewusstsein, Klarheit und Stärke.

Desto sicherer man sich wird, wohin die Reise für einen selbst gehen soll, desto angreifbarer wird man damit. Man schert aus dem Strom aus und geht seinen eigenen Weg, man polarisiert, wird sichtbar und angreifbar. Wenn man sich verläuft, sehen alle dabei zu. Manche werden sich auch zurücklehnen und in aller Seelenruhe und Häme auf das Scheitern warten. Aber was nützt das? Was gewinnen sie, wenn sie merken, dass sie Recht behalten haben? Und was hast du dadurch mehr verloren? Würde? Respekt? Das, was wir aus unserer eigenen Überzeugung heraus tun, wird immer wichtiger sein, als was andere denken. Es ist schwer auszuhalten, aber das müssen wir üben: Dem Impuls, immer zu gefallen widerstehen und stattdessen für uns selbst einzutreten. Die Meinung anderer zu respektieren, sich aber davon nicht zum Umkehren bringen zu lassen auf unserem Weg.

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