Mittwoch, 31. Januar 2018

Die notwendige Krise

Leute, ich habe die Krise. Das ist ein unausweichlicher Zustand, den man nicht einfach zur Seite schieben oder durch positive Gedanken beenden kann. Die Krise hat Gründe, viele. Und sie ist meine Chance auf ein neues Leben. Ich stecke fest in meinen Mustern, in alten Einstellungen und Glaubenssätzen und habe mich zu lange von der Angst leiten lassen. Mich erdrückt die Enge, die dadurch entstanden ist. Ich sehe alte Themen, die sich wie ein roter Leidensfaden durch mein Leben ziehen. Ich sehe, wie ich mich davor versteckt habe und wie das nicht so richtig funktioniert hat. Ich sehe, was meine Familie mit mir durchzustehen hat, wie aberwitzig mein Verhalten für sie manchmal wirken muss. Was würde ich mir selbst wohl raten?


Wenn es zu viel wird, atme ich ganz bewusst. Das ist das einzige, wohin ich mich wirksam retten kann. Wenn ich mich zum Yoga aufraffen kann, fühlt es sich an wie ein Gottesgeschenk. Ich spüre, dass da noch Kräfte in mir wirken, dass da noch Freude ist, Leben, und ganz viel Liebe. Auf meiner erneuten Odyssee auf der Suche nach Hilfe ist Yoga mein Anker und meine Rettung. Es zeigt mir, dass im Grunde alles in Ordnung ist und auch immer war. Dass diese Krise eine Notwendigkeit ist, im wahrsten Sinne des Wortes. Dass es mir erlaubt ist, mich wohlzufühlen, glücklich zu sein, mich zu entspannen. 

Ich muss ganz langsam lernen, dass ich darauf vertrauen und an diesen achtsamen und wundervollen Ort in mir selbst zurückkehren kann, wann immer ich will. Ich muss lernen, mich von meinen Gedanken nicht vereinnahmen zu lassen, meine Gefühle als etwas zu betrachten, was mein Ich nicht umstößt. Meine Schmerzen als einen Ruf nach Aufmerksamkeit zu erkennen und nicht als eine Qual. Ich muss die Tränen zulassen, die ich hinter einer sehr hohen und dicken Staumauer über viele Jahre angesammelt habe. Ich muss aushalten lernen, dass ich keine Lösung herbeizwingen kann. Und dass ich jetzt einfach nicht weiß, wie es weitergeht. 

Es tut mir so leid für all meine lieben Menschen, dass ich mich in diese Situation hineinmanövriert habe, obwohl mein Leben genau so geworden ist, wie ich es immer haben wollte. Ich habe ALLES. Und dennoch bin ich unglücklich, weil es mir nicht gelingt, mit mir selbst umzugehen. Ich habe mich unbewusst immer weiter in Widersprüche und ein Dilemma hineingewurschtelt, habe mich vor Entscheidungen gedrückt und anderen das Zepter überlassen. Ich fühle mich wie eine leergesaugte Hülle. Manchmal flackert da ein mutiges kleines Licht auf und dann verlassen mich die restlichen Kräfte. Ich habe meine Kraftquelle noch nicht gefunden. Oder vielleicht habe ich sie gefunden, aber noch keinen Weg, diese Kräfte nachhaltig einzusetzen, sodass genug davon bei mir bleibt und mich durch mein Leben trägt. 

Ist es der lange Winter, der zusätzlich noch dazukommt? Oder die andauernde Erkältung, die ihr übriges dazu beiträgt? Sind es die kontinuierlichen Kopfschmerzen, die mich nicht klar denken lassen und die wie ein Vorwurf über mir schweben, weil ich es immernoch nicht auf die Reihe gekriegt habe, das Mysterium zu lösen und mich von den Schmerzen zu befreien? Ist es das Entsetzen, wenn ich meinen Körper betrachte und mich frage, wie zum Henker es jemals möglich sein soll, das, was ich da sehe, schön zu finden? Ich finde es abschreckend hässlich und verachte mich dafür. Das sind harte Worte für jemanden, der sich seit längerer Zeit für mehr Selbstliebe einsetzt. Aber ich muss ehrlich sein.

Wenn ich morgens in den Tag starte und mich frage, was ich heute schaffen kann, was ich erreichen will und womit ich es mir vielleicht schön machen kann, bin ich schon so leer. Immernoch ertrage ich diese Leere nicht und versuche, sie mit Konsum zu füllen: essen, fernsehen, shoppen. Immerhin bin ich dem Problem so nah gekommen, dass es mir in der akuten Situation extrem bewusst ist und ich habe es hier und da auch schon geschafft, mich davon zu lösen. Wie Andy Puddicombe es bei Headspace immer sagt: "If we are always trying to get away from difficult emotions, then how are we ever going to understand them?" Ich bin jetzt hier, um das genau zu betrachten, es auszuhalten, damit umgehen zu lernen und diesen Unmut, diese bekackten Gefühle, abebben zu sehen. Manchmal entdecke ich dahinter tatsächlich ganz neue Gedanken. Es dauert, so lange es dauert. Ich muss meine Ungeduld zügeln und abwarten. Es ist nicht schön, aber es kann eben nicht immer alles schön sein. Und wer weiß, wozu es gut ist und was sich daraus ergibt. 

Mehrere Menschen haben mich schon darauf angesprochen, dass mein Blog ihnen den Eindruck vermittelt, als habe ich Depressionen. Ich halte mich für einen Menschen mit einer positiven Grundeinstellung und ich möchte klarstellen, dass ich ganz sicher aus dieser Krise herausfinden werde, so hart es auch werden kann. Ich resigniere nicht und die Momente der Verzweiflung gehen immer wieder vorüber. Aber ich muss zugestehen, dass da auch ein depressives Element in mir ist, eine Melancholie und Traurigkeit, dich ich als Kind schon hatte und mit der ich aus ganz banalen Situationen große Dramen gemacht habe. Ich muss zugestehen, dass mein Leben nicht eine einzige Erfolgskurve darstellt, sondern dass ich viel zu oft und viel zu lange traurig war, insbesondere in meiner Jugend. Ich muss zugestehen, dass ich mir nicht genug zugetraut habe und meinen beruflichen Weg mehr dem Zufall überlassen habe, als dafür zu kämpfen, was ich wirklich will. Ich muss einsehen, dass ich deswegen jetzt an einem Punkt bin, an dem ich mich über mich selbst wundere. Ich kann nicht sagen, dass ich etwas bedaure, denn das tue ich wirklich nicht. Aber ich bin erschrocken, wie weit ich das, was ich liebe, aus den Augen verlieren konnte und wie wenig ich meinen Interessen treu geblieben bin. Ich glaube daran, dass ich bestimmte Erkenntnisse erlangen muss, bevor ich nachhaltig und sinnvoll Dinge in meinem Leben ändern kann. Und so ist es für mich notwendig, mich in dieser Krise zu befinden. Sie führt mir vor Augen, was fehlt und dass ein bloßes Funktionieren nicht alles ist. Dass ich mich nicht zwingen kann, glücklich zu sein in einer Umgebung, die anderen nützt, aber nicht mir. Ich muss Verantwortung für die Gestaltung meines Lebens übernehmen und das werde ich. 

Es ist besonders schwer, aus einem Moment der Krise heraus etwas zu schreiben, was alle lesen können. Ich habe in den letzten Wochen oft gezweifelt, ob es gut war, diese Entscheidung zu treffen und den Blog öffentlich zu machen. Ihr könnt mich alle sehen, ihr könnt euch alle ein Bild von mir machen. Wer möchte, kann das sicherlich in irgendeiner Form gegen mich verwenden. Aber wisst ihr was? Ich halte mir selbst damit einen Spiegel vor, ich gebe meinen Problemen damit einen Rahmen, den sie verdienen und kehre sie nicht länger unter den Teppich. Ich zeige meine Schwäche. Wenn ein zukünftiger potentieller Arbeitgeber mich googelt, wird er sehr schnell herausfinden können, dass ich nicht perfekt bin. Das alles gehört dazu. Es übt einen gewissen Druck auf mich aus, den ich zurzeit nicht gut gebrauchen kann, aber dennoch: Mir ist es lieber, mich auszudrücken und mir diesen Raum zu geben und einen authentischen Eindruck von mir selbst zu vermitteln. Das hier ist ein Teil von mir, es gehört dazu und ich werde mich nicht rechtfertigen.


Donnerstag, 4. Januar 2018

Ich bin ein offenes Buch

Der Gedanke kam mir vor ein paar Tagen, als ich merkte, wie verletztlich und angreifbar ich bin. Es war schon immer so, dass ich jedem, der mich etwas fragt, eine ehrliche Antwort geben wollte. Und wer möglicherweise indiskret war bei seinen Fragen, hat dennoch immer eine Antwort bekommen. Ich möchte, dass die Menschen mich verstehen. Und es fällt mir manchmal schwer zu akzeptieren, dass sie es eigentlich nicht tun. Oft rede ich mir den Mund fusselig, offenbare mich in meinem ganzen Sein und dennoch kommt etwas ganz anders beim Gegenüber an. Es gibt aber auch das gegenteilige Phänomen, dass jemand mich so gut beobachtet und besser als ich selbst formulieren kann, was mit mir gerade los ist. Das finde ich grandios und davon möchte ich mehr in unserem Leben: Echte Aufmerksamkeit dem anderen gegenüber.


Wie lebt es sich so als Mensch ohne Geheimnisse? Übt man dadurch nicht viel weniger Reiz auf andere aus? Wäre es nicht oft besser, bestimmte Dinge für mich zu behalten? Zumindest denke ich das, wenn ich eine unangenehme Erfahrung gemacht habe. Aber ich habe inzwischen auch verstanden, dass ich wirklich einfach so bin und das auch eine Menge Vorteile mit sich bringt. Da ist nie etwas, was schwer auf mir lastet, weil ich es für mich behalte (es sei denn, es handelt sich um die Geheimnisse anderer Menschen, die natürlich immer bei mir bleiben). Wer mich wirklich verstehen will, dem gebe ich jede Möglichkeit dazu, scheue mich dabei auch nicht vor unbequemen Wahrheiten. Oft reagieren die Menschen ganz überrascht, wenn ich so offen auch über meine Probleme und Schwierigkeiten spreche. Das ist sicher nicht immer ganz leicht und auch nicht angenehm, weil man ja auch irgendwie darauf reagieren muss. Aber ich denke, unterm Strich ist es dennoch zumutbar. Und wenn ich schonmal dabei bin, über meine Zumutbarkeit zu schreiben, kann ich auch gleich hinterherschieben, dass ich weiß, dass ich ein anstrengender Mensch bin. Ich weiß, dass ich manchen auf die Nerven gehe, weil ich oft viel und ungebremst rede, weil ich dazwischenplappere. Das sind Themen, an denen ich arbeiten muss und das tue ich auch. Was ich für mich selbst aber auch enscheiden muss ist, dass ich mich nicht verbiege, um zu gefallen. Die Menschen, die gerne mit mir zusammen sind, leiden nicht unter mir, die freuen sich über mich und meine Art. Und die Menschen, denen ich zu anstrengend bin, müssen mich dann wohl in kleineren Dosen aushalten.

Es ist ganz natürlich, dass wir gerne Komplimente bekommen, positive Rückmeldungen, Sympathie, Zuspruch etc. Aber wir sollten nur das davon dankbar annehmen, was sich auch auf unser echtes Wesen bezieht und nicht einer Anpassung an das geschuldet ist, was andere als erträglich empfinden. Wir müssen für uns selbst auch riskieren, uns unbeliebt zu machen. Mit unserer Meinung, unserem Auftreten, unserem Look, unserer Art, uns auszudrücken. Und wir selbst sollten es uns wert sein, standzuhalten, wenn wir Gegenwind bekommen. Das festigt uns in unserem Wesen, gibt uns Selbstbewusstsein, Klarheit und Stärke.

Desto sicherer man sich wird, wohin die Reise für einen selbst gehen soll, desto angreifbarer wird man damit. Man schert aus dem Strom aus und geht seinen eigenen Weg, man polarisiert, wird sichtbar und angreifbar. Wenn man sich verläuft, sehen alle dabei zu. Manche werden sich auch zurücklehnen und in aller Seelenruhe und Häme auf das Scheitern warten. Aber was nützt das? Was gewinnen sie, wenn sie merken, dass sie Recht behalten haben? Und was hast du dadurch mehr verloren? Würde? Respekt? Das, was wir aus unserer eigenen Überzeugung heraus tun, wird immer wichtiger sein, als was andere denken. Es ist schwer auszuhalten, aber das müssen wir üben: Dem Impuls, immer zu gefallen widerstehen und stattdessen für uns selbst einzutreten. Die Meinung anderer zu respektieren, sich aber davon nicht zum Umkehren bringen zu lassen auf unserem Weg.