Freitag, 24. November 2017

Was ich von meinem besten Freund über Geduld gelernt habe

Ich bin in dieser Rubrik lange um meinen besten Freund Mario herumgeschlichen... Weil er natürlich zu meinen Lieblingsmenschen gehört. Es ist aber nicht immer ganz leicht, etwas über Menschen zu schreiben, die einem sehr nahestehen. Und über die es so viel zu sagen gibt. 

Mario und ich sind seit ungefähr 17 Jahren befreundet und haben uns durch die unterschiedlichsten Lebensphasen begleitet. Wir erinnern uns heute gerne an die Zeiten, in denen wir in Jogginghosen mit Bierflaschen in der Hand samstagvormittags über den Rheinauen-Flohmarkt spaziert sind... oder zum Frühstück nach dem Feiern die unaufgewärmten Käse-Würstchen vom vorabendlichen Grillen geschmaust haben. 

Seitdem ist viel passiert. Und das waren nicht immer sehr schöne Dinge. In den letzten beiden Jahren hatte Mario immer wieder gesundheitliche Probleme. Fünfmal war er im Krankenhaus, nach jedem Aufenthalt ging es ihm eigentlich schlechter als zuvor. Warum erzähle ich das? Ich bin so wütend geworden, jedes Mal, wenn er mir erzählt hat, dass er wieder stationär aufgenommen werden musste. Und er ist immer so ruhig geblieben, dass ich es nicht fassen konnte. Ich selbst bekomme im Krankenhaus nach wenigen Stunden klaustrophobische Zustände. Als ich vor zwei Jahren im Krankenhaus war, habe ich mich wie im Gefängnis gefühlt. Meine Bereitschaft, mich auf diese Situation einzulassen, war damals gleich Null. Und das hing maßgeblich damit zusammen, dass ich das Gefühl hatte, dass mir dort überhaupt nicht geholfen werden konnte. Mario hat diesen ganzen Wahnsinn stoisch über sich ergehen lassen, hat nicht gejammert, nicht gemeckert, nicht geschimpft, sich nicht beschwert. Und es hätte eine Menge gegeben, worüber man sich hätte beschweren können! Ich habe an mir selbst bemerkt, dass mich das manchmal wahnsinnig gemacht hat, weil ich nicht verstehen konnte, wohin er seine unangenehmen Gefühle gepackt hat. Wann reißt ihm mal der Geduldsfaden? Und warum hat mich das so irritiert?

Die Antwort ist ganz einfach: Es hat mir gezeigt, wie ungeduldig ich selber bin. Und das war ich schon immer und es hat mir schon immer das Leben schwer gemacht. Es fällt mir unheimlich schwer, eine Situation auszuhalten, von der ich es kaum erwarten kann, dass sie sich ändert. Ich kann mich nicht gut in aller Ruhe auf das Hier und Jetzt einlassen, wenn es sich für mich nicht richtig anfühlt. Ich strebe immer weiter vorwärts, raus aus unguten Zuständen, weg von Dingen, die ich nicht mag, die ich ablehne, die keinen Raum in meinem Leben haben sollen und die ich schlichtweg oft einfach nicht aushalte. Aber was bringt mir das? 

Wenn ich meinen Freund Mario beobachte, wie er den Widrigkeiten des Lebens begegnet und unaufgeregt durchs Leben geht, dann ist mir das inzwischen einfach ein Vorbild. Ich lerne langsam, dass man unangenehme Dinge auch aussitzen kann, abwarten, bis sie vorübergehen und das Ganze nicht dadurch verschlimmern muss, dass man sie emotional auflädt, größer macht, als sie eigentlich sind und ihnen durch das eigene Aufregen viel zu viel Raum gibt.



Lieber Mario,

abgesehen davon, dass du ein wandelndes Lexikon bist, das seinen Vorbildern, seinen Interessen sein ganzes Leben lang treu geblieben ist, kann man unheimlich viel von dir lernen. Du bist ein toller Freund, vor dem ich mich für nichts schämen muss und der mich immer ernst nimmt, der sich mit unheimlich viel Mitgefühl für meine Belange interessiert. Oft bin ich überrascht, wie genau du mich beobachtest und kann es kaum glauben, dass du so viel Anteil nimmst an mir und meinem Leben.

Ich möchte mich auch entschuldigen, dass unsere Freundschaft manchmal unter dem Trubel in meinem Leben gelitten hat. Bevor ich Kinder hatte, haben wir gerne ein glamouröses Leben zelebriert, sind ausgegangen, haben uns mit profanen schönen Dingen umgeben, haben geshoppt, diniert, gefeiert und einfach auch sehr viel Zeit füreinander gehabt. Es ist sicher nicht immer leicht für dich gewesen, dass ich auf einmal für diese Dinge weder Geld noch Zeit noch Nerven hatte. Du hast dich nicht von mir abgewandt, sondern bist für meine ganze Familie ein guter und wichtiger Freund geworden und nimmst das alles so an, wie es eben gekommen ist, ohne mir jemals das Gefühl zu geben, dass dich daran etwas stört. Das ist nicht selbstverständlich und ich rechne es dir hoch an!

Die gute Nachricht ist übrigens: Meine Kinder werden größer und damit auch meine Freiheiten, die ich heutzutage umso mehr genießen kann, weil ich ihren Wert zu schätzen weiß, viel mehr als in unseren jüngeren und dekadenteren Jahren. Ich wünsche mir, dass wir noch viele glanzvolle, aber auch noch viele Jogginghosen-Momente miteinander erleben, dass wir sie mit jeder Faser unseres Seins genießen können und wir uns in allen noch kommenden Phasen unseres Lebens zur Seite stehen.

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