Meditation und Achtsamkeit

Meditation klingt so esoterisch, dass ich das Wort im Alltag ungern gebrauche. Wenn ich auf der Arbeit beiläufig darüber sprechen würde, dass ich regelmäßig meditiere, würden mich die meisten meiner Kollegen wahrscheinlich ziemlich komisch angucken. Das Thema ist vielleicht noch nicht ganz in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und als ich vor zwei Jahren angefangen habe, mich damit zu befassen und die App von Headspace heruntergeladen habe, habe ich das auch nur gemacht, weil meine Schwester sie mir so empfohlen hat. Zum Glück ist gar nichts Esoterisches dabei - finde ich zumindest. Meditation und Achtsamkeit sind beides sehr trendige Themen, die von immer mehr Menschen aufgegriffen werden. Ich habe da so eine Ahnung, warum das so ist, aber ich möchte mich in diesem Beitrag mehr damit beschäftigen, was Meditation mit mir macht, als auf den Trend als solches, die Techniken, Ursprünge, Definitionen etc. einzugehen. Ich möchte es als Teil meines Lebens, als ein Instrument auf dem Weg zu einem besseren Leben, als Bestandteil meines Prozesses beschreiben.



Die Mühlen des Alltags

Ich gerate immer wieder in die Mühlen des Alltags und verfange mich in der Hektik und im Erledigen-Müssen. Es ist mir im Laufe meines Erwachsenen-Lebens in Fleisch und Blut übergegangen, mich immer zu beeilen, immer etwas zu tun haben zu müssen und niemals zum Stillstand zu kommen. Vielleicht liegt das nicht nur an der Erwarungshaltung der Gesellschaft, deren funktionierendes Mitglied ich bin, sondern auch an meiner Eigenart, ständig vorankommen zu wollen, immer wieder Veränderungen herbeizuführen, mich produktiv und nützlich fühlen zu wollen und meinen "Beitrag zu leisten". Ich bin da allerdings gespalten und ein Teil von mir ist völlig unehrgeizig, faul, träge und flüchtet sich in die bequemen Dinge des Lebens. Zwischen diesen beiden Polen hüpfe ich beständig hin und her und reibe mich dabei ziemlich auf.
Als mein Körper mich in den letzten Monaten darauf aufmerksam gemacht hat, dass etwas nicht stimmt, ist mir bewusst geworden, dass ich den Raum für die Dinge, die mich am Leben erhalten, selbst schaffen muss. Ich muss ihn durchsetzen gegen alle Widerstände, vor allem auch meine eigenen. Und siehe da: Nachdem ich es monatelang vernachlässigt habe, meditiere ich nun wieder sehr regelmäßig und spüre, wie enorm es mir hilft. 

Das Ritual als Hilfestellung

 

Es ist mein kleines Morgen-Ritual und obwohl ich immer extrem müde und zerschlagen bin und mich selten wirklich gut fühle, ziehe ich es durch. Ich setze mich im Wohnzimmer in den Sessel und lasse mich darauf ein. Und wenn ich dabei wieder einpenne, oder mit den Gedanken sehr oft abdrifte, bestrafe ich mich nicht mit negativen Gedanken. Die Meditation hat mich gelehrt, dass es in Ordnung ist und nicht immer alles gut sein muss. Wie beim Yoga auch gibt es in der Meditation kein gut oder schlecht. Es ist lediglich eine Übung, um bei sich selbst anzukommen. Und ich kann euch sagen, das ist ein wunderschöner Ort! Das beste daran: man kann jedezeit dahin zurückkehren, er ist immer da und nimmt einen auf. Wenn ich also in eine Situation gerate, in der es ungemütlich wird, atme ich tief durch und besinne mich auf diesen Ort und alles relativiert sich blitzschnell. Es ist nicht nur die bewusste Entscheidung, sich diese Zeit zu nehmen, ganz bei sich zu sein, sondern es ist auch die Ruhe, die sich ausbreitet, wenn man die Gedanken vorbeiziehen lässt, ohne an ihnen hängenzubleiben, die sich auf das gesamte Leben überträgt und immer weitere Kreise zieht, desto länger man dabei bleibt. Es führt automatisch zu einer achtsameren Lebensweise. 

Im Stau stehen und genießen


Ein ganz praktisches Beispiel dafür, wie sehr das mein Leben verändert ist die Einstellung, mit der ich morgens zur Arbeit fahre. Da ich immer in der Rush Hour unterwegs bin, muss ich ständig nach Scheichwegen und Umwegen suchen, immer ad-hoc entscheiden, ob ich die Autobahn-Auffahrt nehme oder nicht. Oft genug treffe ich die falsche Entscheidung und fahre mitten in den Stau rein. Das hat mich früher so unmäßig gestresst, ich habe rebelliert, mich geärgert und gesorgt. Heute fahre ich in dem vollen Bewusstsein los, dass es wieder längern dauern kann, mache mir schöne Musik an und nutze die Zeit im Auto, in der ich mit mir selbst ganz allein bin und in der mich niemand stören kann. Das ist eine einmalige Gelegenheit! In den letzten Wochen hatte ich oft richtig rauschhafte Erlebnisse, wenn ich morgens durch eine neblige Herbstlandschaft gefahren bin und diese Schönheit der Natur in mich aufgenommen habe. Ich bin jetzt frei genug, das, was zu mir kommt, in vollen Zügen zu genießen. Und das ist nur möglich, wenn man mit seinem Bewusstsein tatsächlich im gegenwärtigen Moment bleibt. Denn die Gegenwart ist das einzig Reale in unserem Leben. Die Vergangenheit ist Erinnerung, die Zukunft Vorstellung. Es ist also unsere jederzeitige Entscheidung, die Gedanken von der Vergangenheit oder der Zukunft wegzuleiten und wieder bei uns selbst anzukommen. Und das bedeutet, dass es aus jeder Situation immer einen Ausweg gibt. Ist das nicht fantastisch?


Achtsamkeit und Essen


Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass ich ein Allheilmittel gefunden habe, mit dem ich ab sofort für jedes Problem eine Lösung finden kann. Aktuell kämpfe ich wieder ziemlich mit meinem sehr ungesunden Essverhalten und auch körperlichen Beschwerden und meine Laune kann von jetzt auf gleich umschwenken und ich mich furchtbar elend fühlen. Aber ich kann durch die Meditation eine Kontinuität in meinem Leben schaffen, die es mir vielleicht ermöglicht, dauerhaft auch auf meine Ess-Störung bezogen stabiler zu werden. Ich finde selbst, dass ich im letzten Jahr Fortschritte gemacht habe und ärgere mich umso mehr, wenn ich dann wieder Rückschritte mache. Aber offenbar braucht es die, um mir einige Dinge bewusst zu machen. Heute habe ich z.B. darüber nachgedacht, warum es mir so schwer fällt, achtsam zu essen? Ich habe schon vor vielen vielen Jahren Bücher darüber gelesen, wie man "über einem Apfel meditiert", dass man weniger satt ist, wenn man vom Essen abgelenkt wird und daher besser den Fernseher ausmacht und vieles andere mehr. Aber es ist unglaublich schwer für mich, mich dem Essen wirklich ganz bewusst zu widmen. Auch da hilft wahrscheinlich nur Üben.

Fazit


Vielleicht stimmt es wirklich, dass es in der Welt größeren Frieden gäbe, wenn mehr Menschen meditierten. Ich bin da ziemlich sicher. Und auch wenn man Meditation äußerlich betrachtet als sehr Ich-bezogen beurteilen mag, so profitieren doch am Ende die Mitmenschen auch davon. Ich erinnere mich, dass ich mich früher über Menschen lustig gemacht habe, die meditiert haben, weil ich den Sinn dahinter einfach nicht verstanden habe. Insofern kann ich nur jedem empfehlen, es auszuprobieren, denn diese Erfahrung ist nicht erklärbar. Zwar gibt es inzwischen viele wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit von Meditation, die braucht es für mich persönlich aber gar nicht, weil ich die Wirksamkeit ganz deutlich an mir selber spüre. Dieses Gefühl von Freiheit, diesen Flow kann ich aber nicht beschreiben, weil das, was da passiert, jenseits von Worten ist.



Kommentare

  1. Liebe Lene,

    das Wort Esoterik hat einen negativen Beigeschmack. Im populären Sprachgebrauch versteht man unter Esoterik vielfach „Geheimlehren“ und seine Anhänger fühlen sich als etwas Besonderes, obwohl doch jeder Mensch etwas Besonderes ist. Häufig wird unter dem Deckmantel der Esoterik unbedarften Menschen mit falschen Versprechungen Geld aus der Tasche gezogen. Andere wiederum übergeben ihre Selbstverantwortung an Scharlatane und falsche Heilsversprecher ab.

    Esoterik in der ursprünglichen Wortbedeutung ist jedoch eine philosophische Lehre und bezieht sich auf einen inneren, spirituellen Erkenntnisweg, etwa synonym mit Mystik. Mich hat die Esoterik auf meinen Weg gebracht und das bedeutete für mich zuerst einmal die Verantwortung für mein Leben selbst zu übernehmen.

    Mit der Esoterik kam nach einem Irrjahr auch die Meditation in mein Leben. Anfangs ist mir das sehr schwer gefallen. Später habe ich immer mehr gelernt, mein Leben mit anderen Augen zu sehen. Meditation heißt beobachten ohne zu urteilen - auch sich selber nicht. Meditation bedeutet geschehen lassen und sich selber anzunehmen, wie man ist. Meditation ist lieben lernen und bei sich selber anzufangen.

    Mich haben lange Jahre der Meditation verändert. Ich bin mit mir zufrieden geworden und ich weiß, dass auch stürmische Zeiten ihren Sinn haben. Im Nachhinein habe ich vieles verstehen gelernt, worüber ich einmal sehr unglücklich war. Heute möchte ich keinen Augenblick in meinem Leben mehr missen. Alles Erlebte und auch Erlittene hat mich zu dem gemacht, der ich bin. Und ich bin zufrieden mit mir und meinem Leben.

    Liebe Grüße
    Rainer

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