Montag, 16. Oktober 2017

Lene im Hamsterrad der Zipperlein

Meine Schwester hat letzte Woche etwas zu mir gesagt, was in Gedanken in mir immernoch nachschwingt. Wir haben uns getroffen und ich erzählte ihr von meiner extremen Müdigkeit und den Schwierigkeiten, die ich im Moment habe. Sie meinte, dass wir, egal welche Erfolge wir schon erzielt haben, egal wieviel wir begriffen und gelernt haben, wir trotzdem immer wieder vor dieser Herausforderung des Lebens stehen und niemals an einem Punkt ankommen, an dem wir völlig zufrieden sind. Und die Enttäuschung rührt daher, dass wir eigentlich erwarten, dass wir uns eines Tages mal auf unseren Lorbeeren ausruhen können.


Genauso ist es bei mir. Ich habe erwartet, dass es mir besser gehen wird, wenn ich verstehe, was mir mir los ist, liebevoller mit mir umgehe, einfach begreife und mir viel Mühe gebe, mein Leben nach meinen Bedürfnissen auszurichten. Ich warte seit ein paar Jahren auf den Moment, in dem ich wieder sagen kann: "Mir geht es total gut!" Aber in der ganzen Zeit rumort etwas in mir, ständig habe ich irgendwelche körperlichen Beschwerden, meistens Bauch- und Kopfschmerzen, Haut-Ausschläge, aktuell diese bleierne Müdigkeit, die mich daran hindert, die Dinge zu tun, die ich tun möchte. Hilft es tatsächlich, sich zu fragen, woher das alles kommt? Ich glaube nicht. Es hilft auch nicht, sich darüber aufzuregen. Aber ich muss ehrlich sagen, dass es mich ganz schön schafft. Ich bin so stolz, dass sich meine Trinkmenge wieder komplett reguliert hat, dass sich auch mein Essverhalten auf einem Niveau eingependelt hat, mit dem ich gut leben kann. Aber ich habe erwartet, dass ich mich damit besser fühlen werde. Ich habe erwartet, dass ich abnehme, wenn ich normal esse. Dass ich mich erleichtert fühle, im wahrsten Sinne des Wortes. Stattdessen krampft mir ständig der Bauch und ich spiele "Finde den Fehler". Ich fühle mich, als hätte ich irgendwo ein Leck, aus dem die Energie beständig herausfließt.

Es scheint eine lebenslange, oft unangenehme Aufgabe zu sein, an sich selbst zu lernen und zu wachsen. Und egal wie weit wir damit kommen, welche Durchbrüche wir erleben, das Schicksal wird uns immer wieder einen bedeutenden Stein in den Weg legen und uns vor neue Herausforderungen stellen. Und was in einem Moment richtig erscheint, kann im nächsten schon wieder völlig schwachsinnig sein. Möglicherweise kann ich das in der Rückschau alles viel besser begreifen - irgendwann.

Neulich bin ich mitten in der Nacht aufgewacht und habe spontan gedacht: "Ich hasse mein Leben." Darüber habe ich mich selbst erschrocken. Und dann wurde mir klar, dass nichts Gutes dabei herauskommen kann, wenn ich mein Hirn mit negativen Gedanken füttere.

Gestern saß ich auf einer Bank auf einem Spielplatz, in der Sonne, alles herum war perfekt. Und in mir drin war dieses altbekannte Gefühl der Unzufriedenheit, des Sich-Weg-Wünschens, des Sich-anders-Fühlen-Wollens. Ich glaube, ich wollte mich selbst und meine Stimmung einfach anders haben. Es ist so ärgerlich, wenn die perfekten Bedingungen da sind und man sie nicht ganz annehmen und davon profitieren kann.


Und manchmal denke ich: "Das kann doch alles nicht wahr sein! Wann hört das endlich auf? Ich tue doch schon alles dafür, dass es mir gut geht und trotzdem wird es immer schlimmer." Und ich fühle mich so kraftlos, dass ich abends eben nichts mehr für mich tue. Dass ich mit Widerwillen die Dinge mache, die ich machen muss, damit der Laden am Laufen gehalten wird. Kein Wunder, dass ich dann denke, dass ich mein Leben hasse.

Heute sitze ich in meiner Schreib-Ecke im Schlafzimmer, viel zu müde, weil ich nachts nicht schlafen konnte. Kopfschmerzen und verspannter Nacken. Draußen glänzt der goldene Oktober wunderschön. Unten spielt mein Mann mit den Kindern. Es ist sehr friedlich. Und es ist auch in mir friedlich, trotz all der körperlichen Beschwerden. Ich spüre, dass ich tatsächlich selbst dafür sorgen kann, dass ich gute Gedanken habe. Und dass es einen Grund gibt, warum wir Menschen immer wieder an die eigenen Grenzen kommen.Tatsächlich sehe ich sogar einen Fortschritt in meiner Entwicklung. Da war ein Tag diese Woche, an dem ich auf dem Sofa eingepennt bin, nachmittags, nachdem ich die Kinder abgeholt habe. Vorher habe ich mir einen Haufen Schokolade reingehauen, dann bin ich in einen komaartigen Tiefschlaf gesunken. Am Abend merkte ich dann, dass ich absolut kein schlechtes Gewissen hatte. Es war kein von mir selbst aufgezwungener Gedanke, sondern es war einfach nicht da. Ich dachte einfach: "Das war völlig ok und anscheinend habe ich das gebraucht." Und dieses reuelose Gefühl war total neu und richtig gut. Und das ist es, worum es mir geht: Dass ich merke, dass sich die negativen Dinge nicht wie in Endlosschleife wiederholen müssen und dass ich mit viel Geduld und Spucke aus diesen zwanghaften Gedanken herauskommen kann. Das gibt mir so viel Mut und Hoffnung!

Ich bin eben ein zutiefst emotionaler Mensch, meine Gefühle und ich, wir fahren ständig Achterbahn. Ich rebelliere heute weniger als früher dagegen und weiß, dass nach diesen mühseligen Zeiten auch wieder bessere kommen. Und mein Optimismus ist einfach auch nicht unterzukriegen, selbst wenn das in diesem Post gerade nicht so durchkommt. Ich habe schon wieder viele Ideen, wie ich mir selbst helfen kann. Und wer weiß, vielleicht fruchtet irgendwann eine von ihnen.