Update zum Update: Was heißt hier eigentlich "Ess-Störung"?

Ich habe das Gefühl, ich sollte zu meinem letzten Post noch etwas ergänzen. Die Reaktionen - nicht nur auf diesen Post - waren teilweise irritiert, überrascht oder besorgt und so möchte ich dazu noch etwas schreiben.

Also: Möglicherweise sind depressive Elemente in mir vorhanden. Ich glaube aber nicht, dass ich tatsächlich an einer waschechten Depression leide, ganz im Gegenteil.

Zu meiner "Ess-Störung": Viele Menschen, die mich kennen, können mit dieser Begrifflichkeit im Zusammenhang mit mir nichts anfangen und sind der Meinung, dass  sie mich einfach nicht betrifft. Ich kotze nicht, ich hungere nicht, ich bin "normalgewichtig". Ich wirke nicht sonderlich gestört, esse nicht im Verborgenen, gehe offen mit meinem Thema um und möchte es auch immer mit der nötigen Portion Humor und Selbstkritik betrachten.

Das sind nur Begriffe. Vielleicht provokant gewählt, vielleicht zutreffend, vielleicht auch nicht.

Warum ich mich als essgestört bezeichne: Eine so triviale Sache wie Nahrungsaufnahme hat in meinem Leben eine Bedeutung, die weit darüber hinausgeht. Sie ist verknüpft mit meinem Selbstbild, meinem Selbstwert, auf dieser Bühne spielen sich alle möglichen psychischen Dramen und Spielchen ab.

Mit Abstand betrachtet und auch für Menschen, die ein sehr viel gesünderes Verhältnis zu Essen haben, mögen meine Gedanken völlig überflüssig und sinnfrei erscheinen. Was juckt es die Welt, wieviel Gewicht ich auf die Waage bringe? Was juckt es mich? Ich muss mich niemandem beweisen, mit niemandem konkurrieren. Und wenn ich über mein Leben und alles, was mir wichtig ist, reflektiere, so sind das auch ganz andere Dinge. Meine Körperlichkeit an sich ist unglaublich trivial und unbedeutend. Was ich aber hineinprojiziere und welches Leid das in mir auslöst, ist eine ganz andere Frage. Diejenigen unter euch, die diese Kämpfe auch manchmal mit sich selbst kämpfen, werden das möglicherweise verstehen.

Und trotz dieser inneren Zweifel und Qualen, die mich immer wieder überfallen und mehr oder weniger konstant mein Leben begleiten, bin ich kein depressiver und verzweifelter Mensch. Vielleicht ist es für Außenstehende auch deshalb so erschreckend, was in meinem Kopf manchmal vorgeht, weil sie mich als einen lebenslustigen Menschen kennen, der das alles nicht in Dauerschleife thematisiert.

Manchmal schäme ich mich auch dafür, dass das Thema für mich so groß ist. Ich weiß ganz genau, dass der Weltfrieden, Umweltschutz, das Vorankommen unserer sozialen Gesellschaft, viele andere Dinge so viel wichtiger sind als wieviele Kilos ich gerade auf die Waage bringe. Luxusprobleme halt. Der Punkt bei Luxusproblemen ist aber, dass sie eben doch auch Probleme sind. Und selbst wenn ich an der Lösung meiner Probleme arbeite und darin Fortschritte mache, so sind doch immer wieder Hindernisse da. Und Situationen, in denen ich nicht weiter weiß oder frustriert bin. Und wisst ihr was? Das wird auch immer so bleiben. Wir sollten nicht meinen, dass wir eines Tages ohne jedwedes Problem auskommen. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Ich möchte hier nicht ein Image propagieren, das nicht meiner Wahrheit entspricht, sondern im Gegenteil so ehrlich wie nur irgend möglich damit umgehen, was mit mir los ist. Dass man da als Außenstehender manchmal mit dem Kopf schüttelt und sich fragt, warum ich mir all diese Gedanken mache, kann ich sehr gut verstehen. Und ich finde es auch gut, dass ich darauf angesprochen werde. Weil ich dadurch einen Abstand dazu gewinne und merke, wie unbedeutend das alles doch eigentlich ist.



Mein Fazit: Vielleicht habe ich an einem Tag eine Ess-Störung und am nächsten wieder nicht. Vielleicht habe ich depressive Phasen. Vielleicht trifft nichts davon zu. Das sind tatsächlich auch wieder "nur" Schubladen, die uns helfen sollen, unsere Zustände irgendwo einzusortieren. Ich befreie mich aber langsam davon, mich selbst immer nur in dem einen Licht zu betrachten. Heute ist es so und morgen kann es schon wieder ganz anders sein. Und glaubt mir, ich habe so viel Glück, Freude und Liebe in mir, dass ich oft das Gefühl habe, zu zerspringen! Ich bin extrem emotional und Gefühle bestimmen mein Leben. Es geht mir auf diesem Blog allerdings um die Herausforderungen des Lebens und nicht darum, mein Glück überall hinauszuposaunen und die dunklen Seiten zu verbergen. Ich verstehe, dass diese Herausforderungen manch einem nichtig, klein, unbedeutend erscheinen. Mir geht das oft sogar selbst so. Wenn ich aber die Bewertung weglasse, offenbart sich mir, was alles dahintersteckt. Und manchmal hilft es auch einfach, das Lächerliche aufzuschreiben: "Ich wäre gerne schlanker". Who cares? Es ist so banal und dennoch trifft es zu und löst etwas in mir aus. Weil ich - selbst wenn ich das längst durchschaut habe - so strukturiert, dass ich mir davon einen Vorteil verspreche. Oder mehrere. Wie dem auch sei, es ist und bleibt eine Lernaufgabe. Wenn ich überlege, wie verstrickt ich in diese Gedankenkonstrukte früher war und wie wenig davon heute noch übrig ist, dann bin ich unendlich dankbar für die neu gewonnene Lebensqualität.

Meine Lieben, ich danke euch so sehr, dass ihr an meinem Weg teilhabt, dass ihr mich bereichert und unterstützt, mir eure ehrliche und hilfreiche Rückmeldung gebt und auf eine gewisse Art auch ein Spiegel für mich seid. Zum Glück einer, in dem ich mich mit Liebe und Wertschätzung betrachten kann ;-). Danke dafür!

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