Donnerstag, 21. September 2017

Update zum Update: Was heißt hier eigentlich "Ess-Störung"?

Ich habe das Gefühl, ich sollte zu meinem letzten Post noch etwas ergänzen. Die Reaktionen - nicht nur auf diesen Post - waren teilweise irritiert, überrascht oder besorgt und so möchte ich dazu noch etwas schreiben.

Also: Möglicherweise sind depressive Elemente in mir vorhanden. Ich glaube aber nicht, dass ich tatsächlich an einer waschechten Depression leide, ganz im Gegenteil.

Zu meiner "Ess-Störung": Viele Menschen, die mich kennen, können mit dieser Begrifflichkeit im Zusammenhang mit mir nichts anfangen und sind der Meinung, dass  sie mich einfach nicht betrifft. Ich kotze nicht, ich hungere nicht, ich bin "normalgewichtig". Ich wirke nicht sonderlich gestört, esse nicht im Verborgenen, gehe offen mit meinem Thema um und möchte es auch immer mit der nötigen Portion Humor und Selbstkritik betrachten.

Das sind nur Begriffe. Vielleicht provokant gewählt, vielleicht zutreffend, vielleicht auch nicht.

Warum ich mich als essgestört bezeichne: Eine so triviale Sache wie Nahrungsaufnahme hat in meinem Leben eine Bedeutung, die weit darüber hinausgeht. Sie ist verknüpft mit meinem Selbstbild, meinem Selbstwert, auf dieser Bühne spielen sich alle möglichen psychischen Dramen und Spielchen ab.

Mit Abstand betrachtet und auch für Menschen, die ein sehr viel gesünderes Verhältnis zu Essen haben, mögen meine Gedanken völlig überflüssig und sinnfrei erscheinen. Was juckt es die Welt, wieviel Gewicht ich auf die Waage bringe? Was juckt es mich? Ich muss mich niemandem beweisen, mit niemandem konkurrieren. Und wenn ich über mein Leben und alles, was mir wichtig ist, reflektiere, so sind das auch ganz andere Dinge. Meine Körperlichkeit an sich ist unglaublich trivial und unbedeutend. Was ich aber hineinprojiziere und welches Leid das in mir auslöst, ist eine ganz andere Frage. Diejenigen unter euch, die diese Kämpfe auch manchmal mit sich selbst kämpfen, werden das möglicherweise verstehen.

Und trotz dieser inneren Zweifel und Qualen, die mich immer wieder überfallen und mehr oder weniger konstant mein Leben begleiten, bin ich kein depressiver und verzweifelter Mensch. Vielleicht ist es für Außenstehende auch deshalb so erschreckend, was in meinem Kopf manchmal vorgeht, weil sie mich als einen lebenslustigen Menschen kennen, der das alles nicht in Dauerschleife thematisiert.

Manchmal schäme ich mich auch dafür, dass das Thema für mich so groß ist. Ich weiß ganz genau, dass der Weltfrieden, Umweltschutz, das Vorankommen unserer sozialen Gesellschaft, viele andere Dinge so viel wichtiger sind als wieviele Kilos ich gerade auf die Waage bringe. Luxusprobleme halt. Der Punkt bei Luxusproblemen ist aber, dass sie eben doch auch Probleme sind. Und selbst wenn ich an der Lösung meiner Probleme arbeite und darin Fortschritte mache, so sind doch immer wieder Hindernisse da. Und Situationen, in denen ich nicht weiter weiß oder frustriert bin. Und wisst ihr was? Das wird auch immer so bleiben. Wir sollten nicht meinen, dass wir eines Tages ohne jedwedes Problem auskommen. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Ich möchte hier nicht ein Image propagieren, das nicht meiner Wahrheit entspricht, sondern im Gegenteil so ehrlich wie nur irgend möglich damit umgehen, was mit mir los ist. Dass man da als Außenstehender manchmal mit dem Kopf schüttelt und sich fragt, warum ich mir all diese Gedanken mache, kann ich sehr gut verstehen. Und ich finde es auch gut, dass ich darauf angesprochen werde. Weil ich dadurch einen Abstand dazu gewinne und merke, wie unbedeutend das alles doch eigentlich ist.



Mein Fazit: Vielleicht habe ich an einem Tag eine Ess-Störung und am nächsten wieder nicht. Vielleicht habe ich depressive Phasen. Vielleicht trifft nichts davon zu. Das sind tatsächlich auch wieder "nur" Schubladen, die uns helfen sollen, unsere Zustände irgendwo einzusortieren. Ich befreie mich aber langsam davon, mich selbst immer nur in dem einen Licht zu betrachten. Heute ist es so und morgen kann es schon wieder ganz anders sein. Und glaubt mir, ich habe so viel Glück, Freude und Liebe in mir, dass ich oft das Gefühl habe, zu zerspringen! Ich bin extrem emotional und Gefühle bestimmen mein Leben. Es geht mir auf diesem Blog allerdings um die Herausforderungen des Lebens und nicht darum, mein Glück überall hinauszuposaunen und die dunklen Seiten zu verbergen. Ich verstehe, dass diese Herausforderungen manch einem nichtig, klein, unbedeutend erscheinen. Mir geht das oft sogar selbst so. Wenn ich aber die Bewertung weglasse, offenbart sich mir, was alles dahintersteckt. Und manchmal hilft es auch einfach, das Lächerliche aufzuschreiben: "Ich wäre gerne schlanker". Who cares? Es ist so banal und dennoch trifft es zu und löst etwas in mir aus. Weil ich - selbst wenn ich das längst durchschaut habe - so strukturiert, dass ich mir davon einen Vorteil verspreche. Oder mehrere. Wie dem auch sei, es ist und bleibt eine Lernaufgabe. Wenn ich überlege, wie verstrickt ich in diese Gedankenkonstrukte früher war und wie wenig davon heute noch übrig ist, dann bin ich unendlich dankbar für die neu gewonnene Lebensqualität.

Meine Lieben, ich danke euch so sehr, dass ihr an meinem Weg teilhabt, dass ihr mich bereichert und unterstützt, mir eure ehrliche und hilfreiche Rückmeldung gebt und auf eine gewisse Art auch ein Spiegel für mich seid. Zum Glück einer, in dem ich mich mit Liebe und Wertschätzung betrachten kann ;-). Danke dafür!

Samstag, 16. September 2017

Update zu Ess-Störung & Co.

Nachdem ich mir über meine Körper-Problematik klarer geworden bin, während ich darüber geschrieben habe, habe ich das Thema hier auf dem Blog gar nicht mehr so ausführlich behandelt. Wie geht es mir inzwischen? Konnte ich meine positiven Gedanken zu meiner eigenen unperfekten Körperlichkeit bewahren? Was passiert, wenn ich mich im Spiegel sehe? Wie steht's mit den Fressanfällen?

Manchmal denke ich, dass ich schon viel zu alt für dieses Thema bin. Und fange wieder mit dem Vergleichen an: Wie kommt es bloß, dass es so vielen Frauen leichtfällt, schlank zu sein? Wieviele von denen, die ich im Vorbeigehen beobachte, kämpfen mit sich, wieviele sind wirklich frei davon? Muss ich mich mit 37 Jahren wirklich noch damit befassen?


Was ich über die letzten Monate sagen kann ist, dass ich nicht mehr so of verzweifelt wegen meines Körpers war. In meiner Erinnerung gibt es auch weniger Fressanfälle und insgesamt einen ausgewogeneren, intuitiveren Umgang mit Essen. Vor einem Jahr habe ich noch ganz krampfhaft versucht, so "clean" wie möglich zu essen. Heute stehe ich immernoch sehr auf gesundes Essen, kann aber viel besser auch mal Fünfe gerade sein lassen, kann in der Kantine im Büro zu Mittag essen, kann ein Stück Kuchen genießen und es müssen nicht unbedingt zwei daraus werden. Das klingt nicht nach viel, für mich ist es aber ein ziemlicher Meilenstein. 

Äußerlich merkt man mir das alles nicht an, glaube ich. Gewogen habe ich mich schon lange nicht mehr und ich bin ziemlich sicher, dass mich mein aktuelles Gewicht verunsichern würde. Als ich vor ein paar Wochen beim Arzt war, musste ich dort auf die Waage - nicht schön.


Aber wie ich in meinem Post über Krankheit und Verantwortung schon geschrieben habe, stehen körperliche und seelische Gesundheit nicht nur in Zusammenhang miteinander, sie sind eigentlich ein und dasselbe. Diese Erkenntnis hat mich auf eine interessante Reise geführt, durch die ich mir selbst viel näher gekommen bin. Nach meiner Odyssee durch Arztpraxen und Krankenhäuser habe ich für mich selbst ein paar sehr sinnige Lösungen gefunden, die meine Ärzte mir alle nicht angeboten haben:
  1. Ich bin überzeugt davon, völlig gesund zu sein.  
  2. Regelmäßige Ruhezeiten und Rituale sind Grundvoraussetzung für einen stabilen gesundheitlichen Zustand. Yoga, Bewegung, Entspannung und Sport sind kein nettes Beiwerk, das ich in meinen Alltag integriere, falls ich es schaffe, sondern essentielle Bestandteile meines Lebens und stehen deshalb für mich nun ganz oben auf der Liste, direkt hinter dem Punkt "Zeit mit der Familie verbringen". 
  3. Ich habe die Pille abgesetzt. Des öfteren wurde das Thema Hormone in Gesprächen mit Ärzten gestreift, niemand hat sich aber dafür interessiert, dass ich die Pille nehme und ob das evtl. Auswirkungen auf meinen körperlichen Zustand haben könnte. Auf einmal ist mir bewusst geworden, dass ich diese Hormone nicht mehr zu mir nehmen möchte. Mir wurde klar, wie sehr sie meinen Körper manipulieren und daran hindern, so zu funktionieren, wie er gedacht ist. Darüber hinaus bin ich auch überzeugt, dass sie sich negativ auf meine Darmflora ausgewirkt haben. 
  4. Bakterien! Meine Bauchschmerzen, meine Kopfschmerzen, meine Stimmungsschwankungen, die ich nicht immer einem konkreten Ereignis zuordnen konnte, haben mit meiner angegriffenen Darmflora zu tun. Jetzt nehme regelmäßig  Bakterien und fermentierte Lebensmittel zu mir, die mir helfen, mich viel besser zu fühlen. Der Einfluss einer gesunden Darmflora auf Stimmung, allgemeines Wohlbefinden, Gewicht etc. ist riesig. Ich bin sicher, dass sich mein Zustand durch regelmäßige Einnahme von Bakterien weiter sukzessive verbessern wird.  
  5. Keine Rebellion mehr gegen mein Leben, das ich mir selbst gewählt habe! Alles, was mich umgibt, habe ich erschaffen. Die Menschen, die mich in meinem Leben begleiten, habe ich mir ausgesucht, meine Arbeit habe ich selbst gewählt. Ich stehe zu meinen Entscheidungen und flüchte mich nicht in Traumwelten. Ich gebe niemandem die Schuld, falls ich unzufrieden sein sollte.  
  6. Wenn ich mich mies fühle, lasse ich das Gefühl zu und warte ab, was sich daraus entwickelt. Meistens kann ich im Nachhinein dann sagen, warum der Schuh wo gedrückt hat und eine sinnvolle Erkenntnis daraus für mich ableiten. Unangenehme Gefühle haben ihre Daseinsberechtigung und auch wenn man sie gerne ignorieren möchte, sollte man versuchen, sie zu akzeptieren. Mit ein bisschen Distanz klappt das erstaunlich gut. Wenn man mittendrin in einem negativen Gefühlschaos steckt, kann man natürlich nicht klar denken. Aber man kann abwarten. Und dann geht es irgendwann einfach vorüber. So ist es immer.
 
Unterm Strich würde ich sagen, dass ich wirklich große Schritte nach vorne gemacht habe. Ich fühle mich nicht mehr so getrieben, mein innerer Stress hat sich vermindert. Und ja, ich fühle mich immernoch zu fett. Wenn ich in den ungünstig beleuchteten Aufzügen im Büro meinem Spiegelbild gegenüberstehe, ist der Kritiker in mir immernoch sehr laut. Nicht nur sehe ich einen Körper, der mir nicht gefällt, ich sehe auch, dass ich älter werde. Dass ich schlecht gekleidet bin, unvorteilhaft, nicht schick genug fürs Büro... aber hauptsächlich stört mich mein Körper. Oder besser gesagt der Anblick meines Körpers. Vielleicht würde es mir guttun, für eine Weile mal allen Spiegeln aus dem Weg zu gehen. Ich stelle mir oft vor, wie es wäre, mich nicht mehr zu schminken. Vielleicht komme ich eines Tages dahin, dass ich das alles nicht mehr brauche. 

Aktuell gibt es eine Art Zwiespalt in mir: Wünsche ich mir, abzunehmen oder sollte ich lieber versuchen, mit mir so wie ich bin klarzukommen? Eigentlich trifft beides zu. Ich wünsche mir so sehr, dass ich ein paar Kilo weniger wiegen würde, dass ich mich dadurch einfach wohler in meinem Körper fühlen könnte. Und genauso sehr wünsche ich mir, mich zu akzeptieren. Ich weiß ja auch, dass ich nicht jünger werde und nur mit der größten Anstrengung gegen Cellulite & Co. ankämpfen könnte. Das will ich gar nicht. Ich will mich würdevoll meinem Alter ergeben, mich nicht dagegen auflehnen und das Ganze auch einfach nicht so wichtig nehmen. 

Für den Moment bin ich einfach froh, dass ich einen guten alltäglichen Umgang mit meinem Essverhalten gefunden habe, dass mich kein schlechtes Gewissen plagt und mich dieses Thema nicht verzweifeln lässt. Ich bedaure nur, dass mein Umgang damit nicht automatisch zu einem schlankeren Körper führt. Aber vielleicht muss ich auch nur noch ein bisschen Geduld haben. Oder vielleicht schaffe ich es wirklich eines Tages, dass es mir vollkommen gleichgültig ist, wie ich aussehe. Die Vorstellung, dass es so sein könnte, klingt sehr verlockend.

Ich denke, ich bin ganz gut gewappnet für die dunkle Jahreszeit mit all ihren Herausforderungen...