Mittwoch, 16. August 2017

Yoga - von gescheiterten Annäherungsversuchen und hilfreichen Antworten

Es ist wirklich ein Zufall, dass ich zu Yoga doch noch einen Zugang gefunden habe. Meine erste Yogastunde ist nämlich für lange Zeit auch meine letzte geblieben. Warum das so ist, dem möchte ich hier auf den Grund gehen und dabei aufzeigen, was einen guten Yogalehrer ausmacht.


Zweifel und Unsicherheit

Jemand hatte mir während meiner ersten Schwangerschaft einen Yogakurs empfohlen, der angeblich all meine Verspannungen lösen und mir guttun sollte. Ich erinnere mich wie gestern, wie ich in meinem ausgeleierten Tchibo-Samtanzug in die Südstadt geflitzt bin, keinen Parkplatz finden konnte und deswegen zu spät kam. Die Klingel störte den ganzen Kurs bei der Eingangs-Entspannung, was schonmal ein schlechter Start war. Von Entspannung keine Spur bei mir, ganz im Gegenteil fühlte ich mich maximal unwohl. Ich musste irgendwie zusehen, dass ich mir eine Matte organisierte und im hinterletzten Eckchen des Studios noch einen Platz bekam. Es fühlte sich nicht gut an, so nah bei den anderen Kursteilnehmern zu sein, ihnen auf die Pelle zu rücken. Im schlabbrigen Samt-Anzug neben den perfekt gestylten, schlanken, fitten anderen Schwangeren, die offenbar alle genau wussten, womit sie es hier zu tun hatten und vor allem, was sie selbst zu tun hatten. Ich war zu dem Zeitpunkt körperlich nicht gerade fit und wollte wieder einen Zugang zu meinem Körper finden. Es demotivierte mich ungemein, dass ich bei den Asanas überhaupt nicht mitkam. Selbst die Atem-Übungen gelangen nicht. Es war ein einziger Stress. Als am Ende noch die Hälfte all der Schwangeren auf dem Kopf oder im Schulterstand war, fühlte ich mich nur noch klein, fett, unfähig.

Mich wunderte schon damals, dass die Lehrerin sich nicht aus der Ruhe bringen ließ und es nicht für notwendig hielt, mir als Anfängerin ein paar Hinweise zu geben, wie die Übungen ausgeführt werden sollten, geschweige denn, ein bisschen dabei geholfen hat. Die End-Entspannung, die ich damals noch gar nicht kannte, setzte allem die Krone auf: Die Lehrerin begann auf Sanskrit (glaube ich) zu singen, was ich als völlig fehl am Platz empfand - da war ein Fremdschämen in mir drin, das ich kaum aushalten konnte. Ich verstand überhaupt nicht, welchen Mehrwert dieser Gesang den Schülern für die ziemlich teure Stunde geben sollte. Später machte sie eine Art geführte Meditation mit uns und verlangte, dass wir uns wie ein vor Liebe sprudelnder Brunnen fühlen sollten. Die Tonlage ihrer Stimme machte es mir vollkommen unmöglich, sie ernst zu nehmen.

Heute, wo ich ein bisschen mehr über Yoga und den klassischen Ablauf einer Yoga-Stunde weiß, kann ich damit natürlich mehr anfangen und wäre wahrscheinlich auch in der Lage, mich in so einer Stunde zu entspannen. Die Lehrerin in diesem Kurs war sehr erfahren und strahlte das auch aus. Das hat mich leider irgendwie abgeschreckt. Sie ist mit Sicherheit eine sehr gute Yogini und es geht mir nicht darum, sie zu kritisieren. Es geht mir darum, zu beschreiben, was einem verunsicherten Menschen passieren kann, wenn er sich dem Thema zum ersten Mal annähert.

Und dass ich damit nicht alleine bin, zeigen auch die Erfahrungen anderer Menschen, z.B. dieser sehr amüsante Facebook-Post von Laura Mazza vom Blog The Mum on the Run, der aktuell fast 50.000 Likes hat und indem sie erzählt, wie sich ihre Blähungen in ihrer ersten Yogastunde entladen haben und was das in ihr ausgelöst hat.

Ich ging also aus dem Kurs raus und mir war klar, dass Yoga nichts für mich ist. Es schien überhaupt nicht meinem Wesen zu entsprechen, war viel zu vergeistigt, ja in seiner Esoterik irgendwie lächerlich und die Lehrerin sowie auch die Schülerinnen empfand ich als überheblich, weil mich keine von ihnen als Teil der Gemeinschaft angenommen und versucht hat, mir Yoga näherzubringen. In meinem Empfinden feierten sie ihr eigenes kleines Yoga-Fest und ich war ein Störfaktor.  Möglicherweise würde ich heute anders an so etwas herangehen, weil ich nicht mehr ganz so klein bin, weil ich nicht mehr in einen Kurs gehe, weil jemand ihn mir empfohlen hat, sondern weil ich mir gezielt das heraussuche, was mich interessiert. Weil ich mich einfach auch daran gewöhnt habe, mich in neue und unbekannte Situationen zu begeben und mich dann ganz darauf einlassen kann, was da passiert. Das ist allerdings bereits eine wichtige Lektion, die ich im Yoga gelernt habe.

Ich erinnere mich auch noch, dass ich ein paar Tage nach dieser Stunde eine der Kursteilnehmerinnen in der Stadt traf und mein Impuls war, mich zu verstecken. In diesem Moment wusste ich, dass ich da nie wieder hingehen würde. Diese Erfahrung hat genau das Gegenteil von dem in mir ausgelöst, wofür Yoga eigentlich steht und mich, die eigentlich sehr offen für neue Ideen ist, zu einer Skeptikerin gemacht. Ich habe noch nichtmal im Ansatz verstanden, was Yoga ist. Für mich war es damals esoterisches Getue und das Zelebrieren einer heilen Welt, die ich so nicht empfinden konnte. Das machte das Ganze für mich unglaubwürdig und funktionierte einfach nicht.

Auf der Suche

Warum ich schließlich doch wieder zum Yoga gegangen bin? Das habe ich auch in diesem Post über meine Yogalehrerin Anjuly beschrieben. Ich hatte einen Punkt in meinem Leben erreicht, in dem ich maximal angespannt war und merkte, dass ich einen Weg finden musste, zur Ruhe zu kommen und von meinen Alltagssorgen Abstand zu gewinnen. Dafür war mir sozusagen jedes Mittel recht.

Damit Yoga funktioniert, muss man sich darauf einlassen, das stimmt. Ich glaube allerdings, dass oft die Bereitschaft zwar da ist, es aber auch Zweifel gibt und sehr viele Unsicherheiten. Die mögen für jemanden, der sich schon lange mit Yoga beschäftigt, unbedeutend erscheinen, für einen Lehrer sind sie aber extrem wichtig und sollten unbedingt thematisiert werden.

Wenn wir davon ausgehen, dass viele Menschen, die einen Zugang zu sich und ihrer Körperlichkeit bekommen möchten, nicht automatisch mit einem sicheren Selbstwertgefühl ausgestattet sind, dann müssen wir darauf am Anfang all unser Augenmerk legen. Dann dürfen wir nicht erwarten, dass ein Neuling sich fließend in die Abläufe einfügt und es keiner Erklärungen bedarf.


Vertrauen

Ich will mal versuchen zu zeigen, was passiert, wenn man in diesen wertfreien Raum eintritt und sich ohne Scham auf neue Dinge und neue Menschen einlassen kann. Vor ein paar Wochen schlug Anjuly uns plötzlich in einer gewöhnlichen Stunde vor, dass wir uns gegenseitig massieren sollten. Wir waren verschwitzt, wir kannten uns nicht und wir berührten uns. Wir nahmen den Kopf des anderen in unsere Hände, wir legten uns aufeinander, wir taten Dinge, die man normalerweise nicht mit fremden Menschen macht. Danach waren wir uns nicht mehr fremd und es gab eine ganz andere Stimmung in der Gruppe. Dabei haben wir nicht die Grenzen des anderen überschritten, weil wir das Vertrauen hatten, dass hier nur Gutes passiert. Wir haben eher unsere eigenen gedanklichen Grenzen überschritten, weil wir es vorher nicht für möglich gehalten hätten, dass wir uns auf so etwas einlassen und davon profitieren könnten.

Was aber war die Voraussetzung dafür, dass dieses Experiment gelingen konnte? Wir mussten das Gefühl vermittelt bekommen, dass wir in diesem Kurs nicht beurteilt werden und dass wir selbst nicht beurteilen. Dass es nicht um eklige Schweißfüße geht oder um einen peinlich dicken Hintern, sondern um eine Nähe, die wir hier erfahren dürfen und die uns guttut. Dass wir in einem wertfreien Raum sind, in dem niemand uns schaden möchte und in dem alles erlaubt ist. Dieses Gefühl zu vermitteln, ist eine hohe Kunst, die für einen guten Yogalehrer in meinen Augen sehr wichtig ist.

Fragen an eine Expertin

Weil ich mit Anjuly Rudolph einen sehr weisen und erfahrenen Menschen kenne, den genau dieses Gespür für die Kursteilnehmer und ihre Unsicherheiten auszeichnet, habe ich ihr ein paar Fragen zu diesem Thema gestellt. Ihre sehr wertvollen und persönlichen Antworten könnt ihr in dem folgenden Interview nachlesen. 



Wie gehst du mit dem Thema Scham in deinen Yogastunden um und welche Möglichkeiten gibt es, die Kursteilnehmer davon zu befreien?

"Was ist Scham? Scham ist, wenn wir uns selbst mit den Augen der anderen betrachten. Wenn wir uns vorstellen, was die anderen von uns halten, ob sie uns vielleicht kritisieren, dann empfinden wir Scham oder Peinlichkeit. So gesehen ist es am einfachsten, den Blickwinkel zu ändern. Das Ziel meiner Yogastunden ist es, den Teilnehmern einen Zugang zu sich selbst zu ermöglichen, auf das Atmen, auf eigene Gedanken und Empfindungen acht zu geben, ohne sie zu bewerten. Das Bewusstsein, das dadurch entsteht, löst die Knoten ganz von alleine.

Die Aufgabe eines Yogalehrers ist nicht, die körperlichen Haltungen/Asanas perfekt vorzuführen und auch, diese den Schülern beizubringen ist zweitrangig. Die Körpersprache der Teilnehmer erzählt einiges. Es geht vielmehr darum, einen Röntgenblick zu haben und in der Lage zu sein, zu unterscheiden: Ist der Teilnehmer ein blutiger Anfänger, etwas erfahrener oder ein fortgeschrittener Yogi? Anhand seiner Haltung, seiner Bewegungen und Kompromiss-Bewegungen kann man seine körperlichen und seelischen Beschwerden erkennen oder zumindest erraten. Ist Angst, Unsicherheit oder Scham wahrzunehmen? 


Das und viel mehr kann ein Lehrer erkennen, ohne dass ein einziges Wort gesagt wird. Natürlich kann der Lehrer (wenn möglich) am Anfang der Yogastunde die neuen Schüler danach fragen. Ich frage immer, ob sie bereits Yoga gemacht haben, ob sie Schmerzen, Vorerkrankungen oder bestimmte Themen haben, die sie in der Stunde angesprochen haben wollen. 


Zudem haben sie bei empfindlichen Themen die Möglichkeit, mir von ihrem Anliegen vor oder nach der Stunde unter vier Augen zu berichten.

Nichtsdestotrotz kommen viele unvorhersehbare Themen, z.B. Sex, Potenz, Darmschwäche usw. vor. In diesem Fällen sollte man eben offen darüber reden, als wäre es ein reiner Zufall, am besten mit Humor. Ein guter Lehrer erklärt, dass es normal ist, bei bestimmten Haltungen „den Wind frei zu setzen“, dass die meisten Frauen nach den Umkehrhaltungen Scheidenfürze ablassen und dass es anatomisch nicht anders geht und daher auch nicht peinlich sein soll. "

Wie bringst du jemandem, der Vorurteile gegenüber Yoga hat näher, worum es dabei geht?

"Vorurteile kommen von Unwissen. Bei richtigem und vollständigem Wissen haben Vorurteile keinen Platz. Ich schaffe meinen Schülern den sicheren, bewertungsfreien Raum, um einfach nur zu sein und zu erfahren. Der Rest geschieht ganz von alleine.

Das, was wir nie erlebt haben, das, was uns nur erzählt worden ist, ohne Raum für Neugier, begründet Vorurteile. Ein Beispiel ist das “Om”/Mantra-Singen in den Yogastunden. Alle, die die Sprache nicht verstehen, die nicht wissen, was das Mantra ist und wofür es gut sein soll, haben einen guten Grund zu glauben, dass es esoterischer Hokuspokus ist. Wenn man aber versteht, dass die Mantras auf Klangwellen basieren und man die Möglichkeit hat, die Auswirkung dieser Klangwellen mit geschlossenen Augen und/oder geschlossenen Ohren zu erfahren, braucht man keine Bedeutung damit in Verbindung zu bringen. Genau wie in der Musik und der Liebe ist diese Erfahrung bedeutender als jegliche Sprache."




Was tust du, wenn du während einer Stunde merkst, dass jemand sich unwohl fühlt?

"Fragen, verstehen, helfen - das sind meine Strategien. Erst frage ich mich selbst: Was könnte es sein? Würde ich dem Teilnehmer zu nahe treten, wenn ich ihn frage? Wenn, nicht einfach danach erkundigen.

Neulich war eine Schülerin im Kurs den Tränen nah. Ich habe mich gefragt, ob ich etwas gemacht oder erwähnt habe, das sie verletzt haben könnte? Dann habe ich sie gefragt. Sie hatte schlimme Rückenschmerzen. Ab diesem Zeitpunkt habe ich ein paar rückenfreundliche Haltungen angeboten und sie etwas massiert, sodass sie dankbar und schmerzfrei aus der Stunde ging.

Manchmal sehen die Teilnehmer etwas verloren aus oder sind sichtbar enttäuscht, weil sie nicht auf einem Bein stehen können oder wie die anderen die Hände hinter dem Rücken zusammenbinden können. Da frage ich, ohne die Person direkt anzusprechen, ob das so wichtig ist. “Habt ihr schon mal einen Grabstein gesehen, auf dem stand: „Frau Soundso konnte die Hände hinter dem Rücken zusammenbinden"? Da wird der Stress mit lautem Gelächter in Luft aufgelöst und die Botschaft deutlich übertragen.

Sätze wie “Mach das, was für dich heute möglich ist” oder “Der Weg ist das Ziel” sind sehr aussagekräftig und hilfreich. Das Gefühl, dass ich heute schon weiter bin als gestern und morgen weiter sein werde als heute, ist wesentlich. Der einzige Vergleich, den ich mir erlaube, ist der mit mir selbst von gestern. Alles andere wäre ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen.

Wenn ich feststelle, dass meine Schüler sich mit bestimmten Haltungen unwohl fühlen, erkläre ich die Anatomie der Haltung etwas gründlicher. Nicht jeder kann die Kobra so machen, wie die toll aussehenden Yogis in den Yoga-Zeitschriften. Hier ist es angebracht, die Variationen für verschiedene Körper-Typen zu erklären oder mögliche Hilfsmittel anzubieten. Aber auf alle Fälle, die Teilnehmer mit einem Erfolgserlebnis zu verabschieden."



Wie reagierst du, wenn die Schüler eine bestimmte Erwartungshaltung mitbringen, der du nicht entsprechen kannst oder willst?

"Meine Aufgabe besteht darin, die Teilnehmer da zu treffen, wo sie sich gerade befinden. In Deutschland kommt es öfter vor, dass die Teilnehmer beim Yoga Powerprogramm erwarten und am liebsten die Entspannung ausfallen lassen wollen. Da ist Widerstand zwecklos. Hier macht es manchmal sogar Sinn, genau das zu tun, nämlich die Teilnehmer aus der Puste zu bringen, auch wenn es nicht wirklich mein Weg ist. Nach so einer Stunde lernt man den Wert der Entspannung umso mehr zu schätzen.

Gleichzeitig ist es wichtig, authentisch zu bleiben und wie eine liebevolle Mutter dem Kind die richtigen Wege zu zeigen. Die eigene Ruhe zu bewahren und eine ausgewogene Stunde mit Rücksicht auf alle Teilnehmer zu gestalten. Die meisten Teilnehmer lernen, es mit der Zeit zu genießen. Falls sie es nicht tun, heißt das, dass die Zeit für Yoga für sie noch nicht reif ist. Wir als Lehrer pflanzen einen Samen, der mit Sicherheit seinen Weg zur Sonne findet. Ein guter Bauer weiß sich zu gedulden."

Welche sind deine Gründe, Yogalehrerin zu sein?

"Interessanterweise habe auch ich meine Zeit gebraucht, den Weg zum Yoga zu finden. Ich bin in eine indische Familie hineingeboren worden, mit einer weltbekannten Yogalehrerin als Mutter und sechs Geschwistern, die alle Yogalehrer sind. Ich habe lange behauptet, dass ich das schwarze Schaf der Familie sei und dass Yoga nicht mein Ding wäre. Bis ich mich in einer gescheiterten Ehe mit meinen vier Kindern weit weg von meiner Familie und meinen Freunden in einem kleinem afrikanischen Land befand. Kein Zuhause, kein Geld und keine Hoffnung. Mir blieb im wortwörtlichen Sinne die Luft weg. Auf einmal wurde mir klar, dass kein Weg am Yoga vorbeigehen kann. Tennis konnte nur ein Ventil für meinen Zorn sein, Schwimmen und Laufen halfen mir auch nur wenig.  Welche Sportarten helfen bei Enttäuschung, Hilflosigkeit und Selbstzweifeln? In den schlimmsten Stunden meines Lebens habe ich verstanden, dass ich mit Yoga die Fähigkeit habe, anderen Menschen aus ihrem Kummer heraus zu helfen und das allein konnte mich aus meinem befreien. Das war der erste Tag, an dem ich nicht nur Sport gemacht habe, sondern die erste wirkliche Begegnung mit Yoga hatte."



Habt ihr Fragen an Anjuly oder möchtet ihr mehr über Yoga wissen? Dann schreibt ihr gerne an yoganjuly@gmail.com! Mehr Infos zu ihr findet ihr auch bei Facebook und auf ihrer Homepage.

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