Dienstag, 1. August 2017

Krankheit und Verantwortung

Seit einigen Wochen macht mir ein körperliches Problem zu schaffen: Ich habe unbändigen Durst. Als ich gemerkt habe, dass ich am Tag mehr als zehn Liter trinke, bin ich zum Arzt gegangen, der ganz besorgt reagiert hat. Nach etlichen Untersuchungen und Vermutungen, was dahinter stecken könnte, stellt sich nun wohl heraus, dass es keine körperlichen Ursachen hat. Das ist zwar abschließend noch nicht geklärt, aber ich muss mich davon unabhängig machen, was die weiteren Ergebnisse zeigen. Denn was ich einmal mehr und diesmal sehr deutlich gemerkt habe: Ich muss die Verantwortung für meine Gesundheit selbst tragen. Und das ist leichter gesagt als getan. Mein Körper spielt mir immer wieder üble Streiche und reagiert mit extremen Symptomen, die keine Ursache zu haben scheinen. Nachdem ich einige Zeit versucht habe, diesen Dingen auf den Grund zu gehen, bin ich heute der Meinung, dass das gar nichts nützt.




Jemand hat mir neulich gesagt, dass immer alles ok ist und wir alle völlig gesund geboren wurden. Alles, was an Krankheit zu uns kommt, kommt aus uns selbst und unserem Kopf heraus. Ich habe gespürt, dass das wahr ist. Und deswegen freue ich mich auch darüber, dass ich körperlich ganz gesund bin und möchte mich meiner seelischen Gesundheit umso mehr widmen.

Es schockt mich doch ziemlich, dass ich so einen Durst verspüre, obwohl körperlich alles in Ordnung ist. Und wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, dann weiß ich auch, dass seelisch nicht alles in Ordnung ist. Ich tendiere dazu, meine Probleme nicht ernst zu nehmen und alles, was auf der seelischen Ebene stattfindet, sowieso schonmal nicht. Seelische Probleme haben so etwas von "selbst Schuld" an sich. Ich weiß zwar nicht, was mit mir los ist, fühle mich aber schuldig. Habe ein schlechtes Gewissen, dass es keine einfache organische Ursache hat, die man dafür verantwortlich machen kann. Sehe die Leute mit dem Finger auf mich zeigen und "Hypochonder" rufen. Schäme mich.


Und wenn ich noch tiefer in mich hineinhöre, finde ich Antworten auf die Frage, was nicht in Ordnung ist. Ich merke, dass mein Stress-Level dauerhaft viel zu hoch ist und ich es nicht schaffe, davon herunterzukommen. Ich gestatte es mir selbst nicht, mich wohlzufühlen und zu entspannen. Davon bin ich inzwischen ziemlich erschöpft. Aktuell merke ich auch sehr stark, wie sehr ich das kompensieren möchte, indem ich Dinge kaufe oder esse. Oder rauchen möchte oder Alkohol trinken. 

Dem, was ich alles möchte, stehen viele Dinge, die ich muss, gegenüber. Oder vermeintlich muss. Ich ertappe mich ständig dabei, dass ich meinen Kiefer ganz fest aufeinanderbeiße, dass ich die Schultern hochgezogen habe und ganz grimmig dreinschaue. Ich ärgere mich extrem über mich selbst, wenn meine Kinder mir auf die Nerven gehen und ich es nicht schaffe, mich auf ein Spiel mit ihnen einzulassen. Ich ärgere mich, dass ich sowohl morgens als auch abends zu müde bin, um ein bisschen laufen zu gehen oder dass ich mich nicht traue, weil ich denke, ich müsste bei meiner Familie bleiben. Ich ärgere mich, dass ich mich ärgere, weil ich weiß, dass positive Gedanken helfen und eine optimistischere Einstellung alles verändern kann.

Ich ärgere mich, weil ich weiß, dass die Verantwortung für das alles ganz allein bei mir liegt und ich niemanden dafür beschuldigen kann. Ich ärgere mich, weil ich keinen Weg hinaus finde. Ich weiß, es muss etwas geschehen, aber ich weiß nicht was. Oder wie. Keiner kann mir den Schlüssel geben, weil ich das selbst herausfinden muss.



So ist das auch mit den Krankheiten. Ich kann von Arzt zu Arzt laufen und jeder wird eine andere Idee dazu haben, was mit mir los sein könnte. Am Ende kennt mich aber niemand so gut wie ich mich selbst und daher ist es meine Pflicht, auf meinen Körper zu achten, so gut ich kann. Und auf meine Seele zu achten, so gut ich kann. Es wird niemand kommen und mir den Weg zeigen. Niemand wird mir sagen, wie es geht. Die Schokoladen-Fressattacke liegt in meinen Händen genauso wie die Entscheidung, heute mal ohne dieses Ablenkungsmanöver auszukommen und den Schmerz, der sich dann breitmacht, einfach auszuhalten. 

Es werden Leute kommen und mir mit besorgtem Blick eine Therapie ans Herz legen oder einen anderen Tipp auf Lager haben. Sie werden der Meinung sein, genau zu wissen, wie es funktioniert. Der eine wird dies sagen, der andere das. Und sie werden sich widersprechen. Deshalb ist es so wichtig, sich von alldem nicht beirren zu lassen. Was los ist, weiß nur ich. Zu welchen Schritten ich bereit bin, um daran etwas zu ändern, kann auch nur ich entscheiden. Und Schuld hat daran auch niemand. Es spielt keine Rolle, wer an mich glaubt, wer mich ernstnimmt und wer über mich heimlich lacht.

Aber was nützt all das? Ich bin mein eigener Lehrmeister und kenne mich. Ich muss den Widerständen nachspüren und schauen, was da los ist, ohne zu verzweifeln. Verzweiflung ist bequem, weil sie Aufgeben bedeutet. Ich werde nicht aufgeben. Ich werde immer und immer wieder versuchen, so ehrlich zu mir selbst zu sein, wie ich nur irgend kann. Und ich werde jeden Tag aufs Neue versuchen, die beste Version meiner selbst zu sein. Ich werde jeden Morgen aufstehen und versuchen, das beste aus ihm herauszuholen.

Wonach durste ich? Nach Freiheit! Und was beschränkt meine Freiheit? Meine Gedanken! Wieso tue ich nicht all das, was ich tun möchte? Weil ich den Glauben daran, dass nur Gutes in meinem Leben ist, nicht mehr habe. Ich habe gelernt, dass das gar nicht sein kann. Dass eine Portion Unglück immer dazugehört. So langsam merke ich, dass das nicht so sein muss. Aber ich habe nicht immer die Kraft, alles in meinem Leben zu verändern. Mein Leben ist so verwoben mit dem Leben der Menschen, die ich liebe und die ich auf diesem Weg nicht mitnehmen kann. Aber ich muss meinen Weg trotzdem gehen. Und ich muss mich arrangieren. Und ich muss sie mitnehmen. Auch wenn das gar nicht geht. Das ist mein unauflösbarer Knoten. Und der macht, dass ich Durst habe. 


 Ich lerne durch diese ganzen Schwierigkeiten so viel! Was mich dabei beeindruckt ist, wie stark mein Körper auf seelische Befindlichkeiten reagiert. Eigentlich reagiert er nicht, er ist damit verbunden, es gibt gar keine Trennung. Ich bin kein esoterischer Mensch, ich glaube nicht an Hokuspokus. Aber was mir mit meinem Körper passiert, beweist mir jetzt, dass alles miteinander zusammenhängt. Ich habe nur sehr lange gebraucht, bis ich das jetzt endlich richtig verstanden habe und ich habe vor allem auch gegen diese Vorstellung rebelliert, weil sie für mich gleichbedeutend war mit Schuld. Es ist aber nicht Schuld, sondern Verantwortung, um die es geht. 

Und das bringt mich gleich einen Schritt weiter: Zum Essen. Wenn ich mich aufgebläht und schwer fühle, wenn ich morgens total schlapp bin, wenn ich Pickel bekomme und Kopfschmerzen, wenn meine Haut anfängt zu jucken, dann sollte ich sehen, dass ich meinem Körper Dinge zuführe, die gut für ihn sind. Einerseits übe ich mich darin, es laufen zu lassen, wenn mein Körper nicht "mitspielt", abzuwarten, bis es wieder besser wird, mich nicht aufzuregen und es damit noch schlimmer zu machen. Das ist aber nur der eine Teil. Der andere ist, dass ich so gut es irgend geht mit mir selbst umgehen sollte. Es gibt keinen Grund, das nicht zu tun. Und doch neige ich dazu, mich auch noch zu bestrafen, wenn ich mich unwohl fühle. Mir die Schuld zu geben, weil ich fett bin, das Falsche gegessen habe, es einfach nicht hinkriege, mich viel zu wenig bewege und all die Dinge, von denen ich weiß, dass sie gut für mich sind, nicht umsetze. Ich kann mich immer wieder verzweifelt fragen, warum ich das tue. Das wird mir aber nicht helfen. Womöglich tue ich es nur, weil ich es mir angewöhnt habe, weil es die einfachste Möglichkeit ist, auf frustrierende Dinge zu reagieren.

Mir ist heute morgen erst klar geworden, dass Hindernisse nicht im Weg liegen, sondern dass sie selbst der Weg sind. Wenn mein Körper mir Rätsel aufgibt, was will er mir damit sagen? Wie kann ich damit umgehen? Es geht mir hier nicht um eine Ursachenforschung, damit ich die Symptome dann aus dem Weg zu räumen kann. Es geht darum, auf mich selbst zu hören und mitzukriegen, was mit mir los ist. Eigentlich ist es sogar ganz einfach. Ich weiß und beklage doch immer, dass ich zu wenig Zeit für mich selbst habe. Mein Körper fordert das ein! Er braucht die morgendliche Meditation, er braucht die Bewegung und er braucht das gute Essen. Viel mehr ist es gar nicht. Diese Elemente bilden das Fundament, auf dem es sich gut leben lässt und sollten daher das Wichtigste sein. Wenn ich mich von diesem Weg durch andere abbringen lasse, so liegt die Verantwortung dafür bei mir. Dieser Weg ist meiner und nur für mich in dieser Form genau richtig. Das muss niemand verstehen. Aber ich muss mich so weit abgrenzen können, dass ich es schaffe, sie regelmäßig in mein Leben zu integrieren.


Kommentare:

  1. Liebe Lene,

    es ist lustig, ich bin auf diese Seite gelangt, weil ich Recherchen über Anjuly betrieben habe und nun fühle ich mich, als hätte ich jemanden getroffen, den ich schon seit langer Zeit kenne - irgendwie auch, als würde ich mich selbst gefunden haben...

    Zu erst einmal möchte ich mich bei Dir bedanken für die Ehrlichkeit, die Du in Deinem Blog Preis gibst. Ich glaube, ich habe in dem überdimensionalen Dschungel aus Milliarden Blogsites mit Deinem genau den einen gefunden, der wirklich „echt" ist und nicht nur vorgibt etwas zu sein.
    Durch Deine durchaus private Sicht auf die Dinge, die ja oftmals speziell Dein Leben betreffen, bin ich mir nun zwar nicht sicher, ob ich befugt bin, dir als fremde Person zu schreiben. Doch möchte ich Dich einfach wissen lassen, dass mich die Art wie Du schreibst, die Art, wie Du zu denken scheinst und die Art, wie Du Dich damit der Öffentlichkeit stellst, sehr berührt. Die meiste Zeit kann ich mich selbst in Deinen Worten wieder erkennen und daher werde ich dir wohl weiterhin treu ergeben sein.
    Ausserdem finde ich es geradezu revolutionär, wie Du es schaffst, in der heutigen Zeit von vor Künstlichkeit strotzenden Selbstdarstellern, gefaketen Profilen und gekauften friends, wie Du es da schaffst, einen Raum zu kreieren, der ehrlicher ist, als man ihm im realen Leben begegnen könnte..

    Gern würde ich mit Dir (via private Messages, wenn möglich) über bsplws. das Thema Gesundheit und über das Thema Yoga weiter schreiben, da ich sehr ähnliche Symptome und einen Weg für mich gefunden habe. Falls Du Interesse daran hast, würde ich mich freuen.

    Liebe Grüße
    Katharina

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  2. Liebe Katharina,
    wow, ich bin sehr berührt von deinen Worten! Und einmal mehr zeigt es mir, dass es richtig war, mit meinen Gedanken in die Öffentlichkeit zu gehen, weil es da draußen Menschen gibt, denen ich dadurch begegnen kann und das ist wunderschön! Es war ein großer Schritt für mich und ein sehr heilsamer. Ich werde dir noch per Email ausführlicher antworten. Liebe Grüße, Lene

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