Sonntag, 27. August 2017

Spätsommer-Gedanken

Sommerende. Ich fürchte mich immer davor, noch bevor der Sommer richtig losgegangen ist. Habe das Gefühl, die schöne Jahreszeit nicht genug ausgekostet zu haben. Habe ich alles schon verpasst? Wie oft habe ich gemütlich draußen im Café gesessen und die Sonne genossen? Wie oft bin ich schwimmen gegangen? Wieviele laue Sommerabende habe ich im Garten gesessen und die Stimmung in mich hineingesogen? Warum sind diese magischen Sommernächte heutzutage so spärlich gesät?


Nach einem wundervoll entspannten Urlaub in diesem Sommer, in dem ich all das haben durfte und für den ich unendlich dankbar bin, den ich für immer zu meinen kostbaren Erinnerungen zählen werde, bin ich in die unperfekte sommerliche deutsche Realität zurückgeworfen worden. Ich bin selbst erschrocken, wie schnell ich wieder unentspannt, fremdbestimmt, gestresst, traurig geworden bin. Kann niemandem dafür die Schuld geben. Frage mich, warum ich so müde bin? Wo läuft die Zeit hin und warum komme ich nicht hinterher?

Meine Suche nach der Zeit. Ich muss gestehen, dass in meinem Leben viel Zeit vergeht, die ich nicht genießen kann. Das Gedankenkarussell rattert fast ununterbrochen. Heute morgen beim Laufen im Wald ist mir immer wieder aufgefallen, dass ich mich in komplizierte Gedankenkonstrukte verstrickt habe und ich musste mich selbst ein ums andere Mal zurück in den Moment holen, in dem ich einfach nur durch den Wald laufe und nichts anderes zählt. 

Es liegt nicht an den einzelnen Bestandteilen meines Lebens, es liegt an mir. Ich habe bereits das Leben, das ich immer wollte und habe trotzdem Mühe, es anzunehmen. Hinterfrage und zweifle. Tue Dinge, von denen ich glaube, dass sie von mir erwartet werden, anstatt mich daran zu orientieren, was für mich selbst das Beste wäre. Ich muss klarere Entscheidungen treffen. Entspannter mit der Erwartungshaltung anderer umgehen. Meine eigene Erwartung hinterfragen. Aufhören, so viel zu denken. 

Der Sommer wird sich bald verabschieden. Ich liebe diese vergängliche spätsommerliche Atmosphäre! Es liegt so eine Art Vorwarnung in der Luft: "Koste es noch einmal aus, bevor es zu spät ist!" Das schwingt in jedem Lüftchen, das etwas kühler ist, schon mit. Daran erinnern mich die langsam gelber werdenden Blätter. Das einzige, was ich daraus machen kann ist: genießen! Ich bin jetzt hier, so jung, wie ich nie wieder sein werde und ich kann nichts zurückholen. Also muss ich doch mit voller Kraft im Hier und Jetzt leben, alles in mich aufnehmen, blühen, bis ich nicht mehr kann. Als mir das gestern klar geworden ist, bin ich sehr glücklich gewesen. Erst die Vergänglichkeit macht das Leben so wertvoll.

Vielleicht ist es für mich deswegen so schwer, mir meine trägen, faulen, antriebslosen Momente zu verzeihen. Vielleicht bedaure ich deswegen, dass ich den Tag nicht besser genutzt habe. Oder dass meine Stimmung nicht gut war. Ich kann mich einfach nicht immer wohlfühlen. Aber ich kann an meinem grundsätzlichen Mindset arbeiten. Ich füttere meinen Geist regelmäßig mit guten Gedanken und langsam, langsam wächst der Glaube daran, dass sich nicht alles immer wiederholen muss. 


Diesen Sommer habe ich meinen Glauben entdeckt. Ich habe verstanden, dass ich mit einem guten Glauben meine Realität formen und gestalten kann. Und jetzt möchte ich diesen Glauben manifestieren, möchte damit stärker sein als in meiner Verzweiflung. Ich möchte darauf vertrauen, dass das Leben viele schöne Überraschungen für mich bereithält und dass ich in meiner Entwicklung den richtigen Weg eingeschlagen habe. Manchmal übermannt mich aus einem Hinterhalt der Zweifel und alles, was ich mir da so schön zurechtkonstruiert habe, scheint zusammenzustürzen. In diesen Momenten mache ich mir klar, dass ich nicht meine Gedanken bin und auch nicht meine Gefühle. Ich bin auch nicht mein Körper. Ich bin nicht gut und nicht schlecht. Ich bin einfach nur da. Wenn ich mir das klarmache, muss ich nur meine Augen öffnen und schauen. Und der ganze Stress ist wie weggeblasen. Ich bin nicht auf dieser Welt, um zu arbeiten. Ich bin nicht auf dieser Welt, um Geld zu haben. Ich bin vielleicht sogar völlig grundlos hier. Aber das bedeutet auch, dass alles unbedeutend wird, was an Anforderungen auf mich einprasselt.


Mittwoch, 16. August 2017

Yoga - von gescheiterten Annäherungsversuchen und hilfreichen Antworten

Es ist wirklich ein Zufall, dass ich zu Yoga doch noch einen Zugang gefunden habe. Meine erste Yogastunde ist nämlich für lange Zeit auch meine letzte geblieben. Warum das so ist, dem möchte ich hier auf den Grund gehen und dabei aufzeigen, was einen guten Yogalehrer ausmacht.


Zweifel und Unsicherheit

Jemand hatte mir während meiner ersten Schwangerschaft einen Yogakurs empfohlen, der angeblich all meine Verspannungen lösen und mir guttun sollte. Ich erinnere mich wie gestern, wie ich in meinem ausgeleierten Tchibo-Samtanzug in die Südstadt geflitzt bin, keinen Parkplatz finden konnte und deswegen zu spät kam. Die Klingel störte den ganzen Kurs bei der Eingangs-Entspannung, was schonmal ein schlechter Start war. Von Entspannung keine Spur bei mir, ganz im Gegenteil fühlte ich mich maximal unwohl. Ich musste irgendwie zusehen, dass ich mir eine Matte organisierte und im hinterletzten Eckchen des Studios noch einen Platz bekam. Es fühlte sich nicht gut an, so nah bei den anderen Kursteilnehmern zu sein, ihnen auf die Pelle zu rücken. Im schlabbrigen Samt-Anzug neben den perfekt gestylten, schlanken, fitten anderen Schwangeren, die offenbar alle genau wussten, womit sie es hier zu tun hatten und vor allem, was sie selbst zu tun hatten. Ich war zu dem Zeitpunkt körperlich nicht gerade fit und wollte wieder einen Zugang zu meinem Körper finden. Es demotivierte mich ungemein, dass ich bei den Asanas überhaupt nicht mitkam. Selbst die Atem-Übungen gelangen nicht. Es war ein einziger Stress. Als am Ende noch die Hälfte all der Schwangeren auf dem Kopf oder im Schulterstand war, fühlte ich mich nur noch klein, fett, unfähig.

Mich wunderte schon damals, dass die Lehrerin sich nicht aus der Ruhe bringen ließ und es nicht für notwendig hielt, mir als Anfängerin ein paar Hinweise zu geben, wie die Übungen ausgeführt werden sollten, geschweige denn, ein bisschen dabei geholfen hat. Die End-Entspannung, die ich damals noch gar nicht kannte, setzte allem die Krone auf: Die Lehrerin begann auf Sanskrit (glaube ich) zu singen, was ich als völlig fehl am Platz empfand - da war ein Fremdschämen in mir drin, das ich kaum aushalten konnte. Ich verstand überhaupt nicht, welchen Mehrwert dieser Gesang den Schülern für die ziemlich teure Stunde geben sollte. Später machte sie eine Art geführte Meditation mit uns und verlangte, dass wir uns wie ein vor Liebe sprudelnder Brunnen fühlen sollten. Die Tonlage ihrer Stimme machte es mir vollkommen unmöglich, sie ernst zu nehmen.

Heute, wo ich ein bisschen mehr über Yoga und den klassischen Ablauf einer Yoga-Stunde weiß, kann ich damit natürlich mehr anfangen und wäre wahrscheinlich auch in der Lage, mich in so einer Stunde zu entspannen. Die Lehrerin in diesem Kurs war sehr erfahren und strahlte das auch aus. Das hat mich leider irgendwie abgeschreckt. Sie ist mit Sicherheit eine sehr gute Yogini und es geht mir nicht darum, sie zu kritisieren. Es geht mir darum, zu beschreiben, was einem verunsicherten Menschen passieren kann, wenn er sich dem Thema zum ersten Mal annähert.

Und dass ich damit nicht alleine bin, zeigen auch die Erfahrungen anderer Menschen, z.B. dieser sehr amüsante Facebook-Post von Laura Mazza vom Blog The Mum on the Run, der aktuell fast 50.000 Likes hat und indem sie erzählt, wie sich ihre Blähungen in ihrer ersten Yogastunde entladen haben und was das in ihr ausgelöst hat.

Ich ging also aus dem Kurs raus und mir war klar, dass Yoga nichts für mich ist. Es schien überhaupt nicht meinem Wesen zu entsprechen, war viel zu vergeistigt, ja in seiner Esoterik irgendwie lächerlich und die Lehrerin sowie auch die Schülerinnen empfand ich als überheblich, weil mich keine von ihnen als Teil der Gemeinschaft angenommen und versucht hat, mir Yoga näherzubringen. In meinem Empfinden feierten sie ihr eigenes kleines Yoga-Fest und ich war ein Störfaktor.  Möglicherweise würde ich heute anders an so etwas herangehen, weil ich nicht mehr ganz so klein bin, weil ich nicht mehr in einen Kurs gehe, weil jemand ihn mir empfohlen hat, sondern weil ich mir gezielt das heraussuche, was mich interessiert. Weil ich mich einfach auch daran gewöhnt habe, mich in neue und unbekannte Situationen zu begeben und mich dann ganz darauf einlassen kann, was da passiert. Das ist allerdings bereits eine wichtige Lektion, die ich im Yoga gelernt habe.

Ich erinnere mich auch noch, dass ich ein paar Tage nach dieser Stunde eine der Kursteilnehmerinnen in der Stadt traf und mein Impuls war, mich zu verstecken. In diesem Moment wusste ich, dass ich da nie wieder hingehen würde. Diese Erfahrung hat genau das Gegenteil von dem in mir ausgelöst, wofür Yoga eigentlich steht und mich, die eigentlich sehr offen für neue Ideen ist, zu einer Skeptikerin gemacht. Ich habe noch nichtmal im Ansatz verstanden, was Yoga ist. Für mich war es damals esoterisches Getue und das Zelebrieren einer heilen Welt, die ich so nicht empfinden konnte. Das machte das Ganze für mich unglaubwürdig und funktionierte einfach nicht.

Auf der Suche

Warum ich schließlich doch wieder zum Yoga gegangen bin? Das habe ich auch in diesem Post über meine Yogalehrerin Anjuly beschrieben. Ich hatte einen Punkt in meinem Leben erreicht, in dem ich maximal angespannt war und merkte, dass ich einen Weg finden musste, zur Ruhe zu kommen und von meinen Alltagssorgen Abstand zu gewinnen. Dafür war mir sozusagen jedes Mittel recht.

Damit Yoga funktioniert, muss man sich darauf einlassen, das stimmt. Ich glaube allerdings, dass oft die Bereitschaft zwar da ist, es aber auch Zweifel gibt und sehr viele Unsicherheiten. Die mögen für jemanden, der sich schon lange mit Yoga beschäftigt, unbedeutend erscheinen, für einen Lehrer sind sie aber extrem wichtig und sollten unbedingt thematisiert werden.

Wenn wir davon ausgehen, dass viele Menschen, die einen Zugang zu sich und ihrer Körperlichkeit bekommen möchten, nicht automatisch mit einem sicheren Selbstwertgefühl ausgestattet sind, dann müssen wir darauf am Anfang all unser Augenmerk legen. Dann dürfen wir nicht erwarten, dass ein Neuling sich fließend in die Abläufe einfügt und es keiner Erklärungen bedarf.


Vertrauen

Ich will mal versuchen zu zeigen, was passiert, wenn man in diesen wertfreien Raum eintritt und sich ohne Scham auf neue Dinge und neue Menschen einlassen kann. Vor ein paar Wochen schlug Anjuly uns plötzlich in einer gewöhnlichen Stunde vor, dass wir uns gegenseitig massieren sollten. Wir waren verschwitzt, wir kannten uns nicht und wir berührten uns. Wir nahmen den Kopf des anderen in unsere Hände, wir legten uns aufeinander, wir taten Dinge, die man normalerweise nicht mit fremden Menschen macht. Danach waren wir uns nicht mehr fremd und es gab eine ganz andere Stimmung in der Gruppe. Dabei haben wir nicht die Grenzen des anderen überschritten, weil wir das Vertrauen hatten, dass hier nur Gutes passiert. Wir haben eher unsere eigenen gedanklichen Grenzen überschritten, weil wir es vorher nicht für möglich gehalten hätten, dass wir uns auf so etwas einlassen und davon profitieren könnten.

Was aber war die Voraussetzung dafür, dass dieses Experiment gelingen konnte? Wir mussten das Gefühl vermittelt bekommen, dass wir in diesem Kurs nicht beurteilt werden und dass wir selbst nicht beurteilen. Dass es nicht um eklige Schweißfüße geht oder um einen peinlich dicken Hintern, sondern um eine Nähe, die wir hier erfahren dürfen und die uns guttut. Dass wir in einem wertfreien Raum sind, in dem niemand uns schaden möchte und in dem alles erlaubt ist. Dieses Gefühl zu vermitteln, ist eine hohe Kunst, die für einen guten Yogalehrer in meinen Augen sehr wichtig ist.

Fragen an eine Expertin

Weil ich mit Anjuly Rudolph einen sehr weisen und erfahrenen Menschen kenne, den genau dieses Gespür für die Kursteilnehmer und ihre Unsicherheiten auszeichnet, habe ich ihr ein paar Fragen zu diesem Thema gestellt. Ihre sehr wertvollen und persönlichen Antworten könnt ihr in dem folgenden Interview nachlesen. 



Wie gehst du mit dem Thema Scham in deinen Yogastunden um und welche Möglichkeiten gibt es, die Kursteilnehmer davon zu befreien?

"Was ist Scham? Scham ist, wenn wir uns selbst mit den Augen der anderen betrachten. Wenn wir uns vorstellen, was die anderen von uns halten, ob sie uns vielleicht kritisieren, dann empfinden wir Scham oder Peinlichkeit. So gesehen ist es am einfachsten, den Blickwinkel zu ändern. Das Ziel meiner Yogastunden ist es, den Teilnehmern einen Zugang zu sich selbst zu ermöglichen, auf das Atmen, auf eigene Gedanken und Empfindungen acht zu geben, ohne sie zu bewerten. Das Bewusstsein, das dadurch entsteht, löst die Knoten ganz von alleine.

Die Aufgabe eines Yogalehrers ist nicht, die körperlichen Haltungen/Asanas perfekt vorzuführen und auch, diese den Schülern beizubringen ist zweitrangig. Die Körpersprache der Teilnehmer erzählt einiges. Es geht vielmehr darum, einen Röntgenblick zu haben und in der Lage zu sein, zu unterscheiden: Ist der Teilnehmer ein blutiger Anfänger, etwas erfahrener oder ein fortgeschrittener Yogi? Anhand seiner Haltung, seiner Bewegungen und Kompromiss-Bewegungen kann man seine körperlichen und seelischen Beschwerden erkennen oder zumindest erraten. Ist Angst, Unsicherheit oder Scham wahrzunehmen? 


Das und viel mehr kann ein Lehrer erkennen, ohne dass ein einziges Wort gesagt wird. Natürlich kann der Lehrer (wenn möglich) am Anfang der Yogastunde die neuen Schüler danach fragen. Ich frage immer, ob sie bereits Yoga gemacht haben, ob sie Schmerzen, Vorerkrankungen oder bestimmte Themen haben, die sie in der Stunde angesprochen haben wollen. 


Zudem haben sie bei empfindlichen Themen die Möglichkeit, mir von ihrem Anliegen vor oder nach der Stunde unter vier Augen zu berichten.

Nichtsdestotrotz kommen viele unvorhersehbare Themen, z.B. Sex, Potenz, Darmschwäche usw. vor. In diesem Fällen sollte man eben offen darüber reden, als wäre es ein reiner Zufall, am besten mit Humor. Ein guter Lehrer erklärt, dass es normal ist, bei bestimmten Haltungen „den Wind frei zu setzen“, dass die meisten Frauen nach den Umkehrhaltungen Scheidenfürze ablassen und dass es anatomisch nicht anders geht und daher auch nicht peinlich sein soll. "

Wie bringst du jemandem, der Vorurteile gegenüber Yoga hat näher, worum es dabei geht?

"Vorurteile kommen von Unwissen. Bei richtigem und vollständigem Wissen haben Vorurteile keinen Platz. Ich schaffe meinen Schülern den sicheren, bewertungsfreien Raum, um einfach nur zu sein und zu erfahren. Der Rest geschieht ganz von alleine.

Das, was wir nie erlebt haben, das, was uns nur erzählt worden ist, ohne Raum für Neugier, begründet Vorurteile. Ein Beispiel ist das “Om”/Mantra-Singen in den Yogastunden. Alle, die die Sprache nicht verstehen, die nicht wissen, was das Mantra ist und wofür es gut sein soll, haben einen guten Grund zu glauben, dass es esoterischer Hokuspokus ist. Wenn man aber versteht, dass die Mantras auf Klangwellen basieren und man die Möglichkeit hat, die Auswirkung dieser Klangwellen mit geschlossenen Augen und/oder geschlossenen Ohren zu erfahren, braucht man keine Bedeutung damit in Verbindung zu bringen. Genau wie in der Musik und der Liebe ist diese Erfahrung bedeutender als jegliche Sprache."




Was tust du, wenn du während einer Stunde merkst, dass jemand sich unwohl fühlt?

"Fragen, verstehen, helfen - das sind meine Strategien. Erst frage ich mich selbst: Was könnte es sein? Würde ich dem Teilnehmer zu nahe treten, wenn ich ihn frage? Wenn, nicht einfach danach erkundigen.

Neulich war eine Schülerin im Kurs den Tränen nah. Ich habe mich gefragt, ob ich etwas gemacht oder erwähnt habe, das sie verletzt haben könnte? Dann habe ich sie gefragt. Sie hatte schlimme Rückenschmerzen. Ab diesem Zeitpunkt habe ich ein paar rückenfreundliche Haltungen angeboten und sie etwas massiert, sodass sie dankbar und schmerzfrei aus der Stunde ging.

Manchmal sehen die Teilnehmer etwas verloren aus oder sind sichtbar enttäuscht, weil sie nicht auf einem Bein stehen können oder wie die anderen die Hände hinter dem Rücken zusammenbinden können. Da frage ich, ohne die Person direkt anzusprechen, ob das so wichtig ist. “Habt ihr schon mal einen Grabstein gesehen, auf dem stand: „Frau Soundso konnte die Hände hinter dem Rücken zusammenbinden"? Da wird der Stress mit lautem Gelächter in Luft aufgelöst und die Botschaft deutlich übertragen.

Sätze wie “Mach das, was für dich heute möglich ist” oder “Der Weg ist das Ziel” sind sehr aussagekräftig und hilfreich. Das Gefühl, dass ich heute schon weiter bin als gestern und morgen weiter sein werde als heute, ist wesentlich. Der einzige Vergleich, den ich mir erlaube, ist der mit mir selbst von gestern. Alles andere wäre ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen.

Wenn ich feststelle, dass meine Schüler sich mit bestimmten Haltungen unwohl fühlen, erkläre ich die Anatomie der Haltung etwas gründlicher. Nicht jeder kann die Kobra so machen, wie die toll aussehenden Yogis in den Yoga-Zeitschriften. Hier ist es angebracht, die Variationen für verschiedene Körper-Typen zu erklären oder mögliche Hilfsmittel anzubieten. Aber auf alle Fälle, die Teilnehmer mit einem Erfolgserlebnis zu verabschieden."



Wie reagierst du, wenn die Schüler eine bestimmte Erwartungshaltung mitbringen, der du nicht entsprechen kannst oder willst?

"Meine Aufgabe besteht darin, die Teilnehmer da zu treffen, wo sie sich gerade befinden. In Deutschland kommt es öfter vor, dass die Teilnehmer beim Yoga Powerprogramm erwarten und am liebsten die Entspannung ausfallen lassen wollen. Da ist Widerstand zwecklos. Hier macht es manchmal sogar Sinn, genau das zu tun, nämlich die Teilnehmer aus der Puste zu bringen, auch wenn es nicht wirklich mein Weg ist. Nach so einer Stunde lernt man den Wert der Entspannung umso mehr zu schätzen.

Gleichzeitig ist es wichtig, authentisch zu bleiben und wie eine liebevolle Mutter dem Kind die richtigen Wege zu zeigen. Die eigene Ruhe zu bewahren und eine ausgewogene Stunde mit Rücksicht auf alle Teilnehmer zu gestalten. Die meisten Teilnehmer lernen, es mit der Zeit zu genießen. Falls sie es nicht tun, heißt das, dass die Zeit für Yoga für sie noch nicht reif ist. Wir als Lehrer pflanzen einen Samen, der mit Sicherheit seinen Weg zur Sonne findet. Ein guter Bauer weiß sich zu gedulden."

Welche sind deine Gründe, Yogalehrerin zu sein?

"Interessanterweise habe auch ich meine Zeit gebraucht, den Weg zum Yoga zu finden. Ich bin in eine indische Familie hineingeboren worden, mit einer weltbekannten Yogalehrerin als Mutter und sechs Geschwistern, die alle Yogalehrer sind. Ich habe lange behauptet, dass ich das schwarze Schaf der Familie sei und dass Yoga nicht mein Ding wäre. Bis ich mich in einer gescheiterten Ehe mit meinen vier Kindern weit weg von meiner Familie und meinen Freunden in einem kleinem afrikanischen Land befand. Kein Zuhause, kein Geld und keine Hoffnung. Mir blieb im wortwörtlichen Sinne die Luft weg. Auf einmal wurde mir klar, dass kein Weg am Yoga vorbeigehen kann. Tennis konnte nur ein Ventil für meinen Zorn sein, Schwimmen und Laufen halfen mir auch nur wenig.  Welche Sportarten helfen bei Enttäuschung, Hilflosigkeit und Selbstzweifeln? In den schlimmsten Stunden meines Lebens habe ich verstanden, dass ich mit Yoga die Fähigkeit habe, anderen Menschen aus ihrem Kummer heraus zu helfen und das allein konnte mich aus meinem befreien. Das war der erste Tag, an dem ich nicht nur Sport gemacht habe, sondern die erste wirkliche Begegnung mit Yoga hatte."



Habt ihr Fragen an Anjuly oder möchtet ihr mehr über Yoga wissen? Dann schreibt ihr gerne an yoganjuly@gmail.com! Mehr Infos zu ihr findet ihr auch bei Facebook und auf ihrer Homepage.

Dienstag, 1. August 2017

Krankheit und Verantwortung

Seit einigen Wochen macht mir ein körperliches Problem zu schaffen: Ich habe unbändigen Durst. Als ich gemerkt habe, dass ich am Tag mehr als zehn Liter trinke, bin ich zum Arzt gegangen, der ganz besorgt reagiert hat. Nach etlichen Untersuchungen und Vermutungen, was dahinter stecken könnte, stellt sich nun wohl heraus, dass es keine körperlichen Ursachen hat. Das ist zwar abschließend noch nicht geklärt, aber ich muss mich davon unabhängig machen, was die weiteren Ergebnisse zeigen. Denn was ich einmal mehr und diesmal sehr deutlich gemerkt habe: Ich muss die Verantwortung für meine Gesundheit selbst tragen. Und das ist leichter gesagt als getan. Mein Körper spielt mir immer wieder üble Streiche und reagiert mit extremen Symptomen, die keine Ursache zu haben scheinen. Nachdem ich einige Zeit versucht habe, diesen Dingen auf den Grund zu gehen, bin ich heute der Meinung, dass das gar nichts nützt.




Jemand hat mir neulich gesagt, dass immer alles ok ist und wir alle völlig gesund geboren wurden. Alles, was an Krankheit zu uns kommt, kommt aus uns selbst und unserem Kopf heraus. Ich habe gespürt, dass das wahr ist. Und deswegen freue ich mich auch darüber, dass ich körperlich ganz gesund bin und möchte mich meiner seelischen Gesundheit umso mehr widmen.

Es schockt mich doch ziemlich, dass ich so einen Durst verspüre, obwohl körperlich alles in Ordnung ist. Und wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, dann weiß ich auch, dass seelisch nicht alles in Ordnung ist. Ich tendiere dazu, meine Probleme nicht ernst zu nehmen und alles, was auf der seelischen Ebene stattfindet, sowieso schonmal nicht. Seelische Probleme haben so etwas von "selbst Schuld" an sich. Ich weiß zwar nicht, was mit mir los ist, fühle mich aber schuldig. Habe ein schlechtes Gewissen, dass es keine einfache organische Ursache hat, die man dafür verantwortlich machen kann. Sehe die Leute mit dem Finger auf mich zeigen und "Hypochonder" rufen. Schäme mich.


Und wenn ich noch tiefer in mich hineinhöre, finde ich Antworten auf die Frage, was nicht in Ordnung ist. Ich merke, dass mein Stress-Level dauerhaft viel zu hoch ist und ich es nicht schaffe, davon herunterzukommen. Ich gestatte es mir selbst nicht, mich wohlzufühlen und zu entspannen. Davon bin ich inzwischen ziemlich erschöpft. Aktuell merke ich auch sehr stark, wie sehr ich das kompensieren möchte, indem ich Dinge kaufe oder esse. Oder rauchen möchte oder Alkohol trinken. 

Dem, was ich alles möchte, stehen viele Dinge, die ich muss, gegenüber. Oder vermeintlich muss. Ich ertappe mich ständig dabei, dass ich meinen Kiefer ganz fest aufeinanderbeiße, dass ich die Schultern hochgezogen habe und ganz grimmig dreinschaue. Ich ärgere mich extrem über mich selbst, wenn meine Kinder mir auf die Nerven gehen und ich es nicht schaffe, mich auf ein Spiel mit ihnen einzulassen. Ich ärgere mich, dass ich sowohl morgens als auch abends zu müde bin, um ein bisschen laufen zu gehen oder dass ich mich nicht traue, weil ich denke, ich müsste bei meiner Familie bleiben. Ich ärgere mich, dass ich mich ärgere, weil ich weiß, dass positive Gedanken helfen und eine optimistischere Einstellung alles verändern kann.

Ich ärgere mich, weil ich weiß, dass die Verantwortung für das alles ganz allein bei mir liegt und ich niemanden dafür beschuldigen kann. Ich ärgere mich, weil ich keinen Weg hinaus finde. Ich weiß, es muss etwas geschehen, aber ich weiß nicht was. Oder wie. Keiner kann mir den Schlüssel geben, weil ich das selbst herausfinden muss.



So ist das auch mit den Krankheiten. Ich kann von Arzt zu Arzt laufen und jeder wird eine andere Idee dazu haben, was mit mir los sein könnte. Am Ende kennt mich aber niemand so gut wie ich mich selbst und daher ist es meine Pflicht, auf meinen Körper zu achten, so gut ich kann. Und auf meine Seele zu achten, so gut ich kann. Es wird niemand kommen und mir den Weg zeigen. Niemand wird mir sagen, wie es geht. Die Schokoladen-Fressattacke liegt in meinen Händen genauso wie die Entscheidung, heute mal ohne dieses Ablenkungsmanöver auszukommen und den Schmerz, der sich dann breitmacht, einfach auszuhalten. 

Es werden Leute kommen und mir mit besorgtem Blick eine Therapie ans Herz legen oder einen anderen Tipp auf Lager haben. Sie werden der Meinung sein, genau zu wissen, wie es funktioniert. Der eine wird dies sagen, der andere das. Und sie werden sich widersprechen. Deshalb ist es so wichtig, sich von alldem nicht beirren zu lassen. Was los ist, weiß nur ich. Zu welchen Schritten ich bereit bin, um daran etwas zu ändern, kann auch nur ich entscheiden. Und Schuld hat daran auch niemand. Es spielt keine Rolle, wer an mich glaubt, wer mich ernstnimmt und wer über mich heimlich lacht.

Aber was nützt all das? Ich bin mein eigener Lehrmeister und kenne mich. Ich muss den Widerständen nachspüren und schauen, was da los ist, ohne zu verzweifeln. Verzweiflung ist bequem, weil sie Aufgeben bedeutet. Ich werde nicht aufgeben. Ich werde immer und immer wieder versuchen, so ehrlich zu mir selbst zu sein, wie ich nur irgend kann. Und ich werde jeden Tag aufs Neue versuchen, die beste Version meiner selbst zu sein. Ich werde jeden Morgen aufstehen und versuchen, das beste aus ihm herauszuholen.

Wonach durste ich? Nach Freiheit! Und was beschränkt meine Freiheit? Meine Gedanken! Wieso tue ich nicht all das, was ich tun möchte? Weil ich den Glauben daran, dass nur Gutes in meinem Leben ist, nicht mehr habe. Ich habe gelernt, dass das gar nicht sein kann. Dass eine Portion Unglück immer dazugehört. So langsam merke ich, dass das nicht so sein muss. Aber ich habe nicht immer die Kraft, alles in meinem Leben zu verändern. Mein Leben ist so verwoben mit dem Leben der Menschen, die ich liebe und die ich auf diesem Weg nicht mitnehmen kann. Aber ich muss meinen Weg trotzdem gehen. Und ich muss mich arrangieren. Und ich muss sie mitnehmen. Auch wenn das gar nicht geht. Das ist mein unauflösbarer Knoten. Und der macht, dass ich Durst habe. 


 Ich lerne durch diese ganzen Schwierigkeiten so viel! Was mich dabei beeindruckt ist, wie stark mein Körper auf seelische Befindlichkeiten reagiert. Eigentlich reagiert er nicht, er ist damit verbunden, es gibt gar keine Trennung. Ich bin kein esoterischer Mensch, ich glaube nicht an Hokuspokus. Aber was mir mit meinem Körper passiert, beweist mir jetzt, dass alles miteinander zusammenhängt. Ich habe nur sehr lange gebraucht, bis ich das jetzt endlich richtig verstanden habe und ich habe vor allem auch gegen diese Vorstellung rebelliert, weil sie für mich gleichbedeutend war mit Schuld. Es ist aber nicht Schuld, sondern Verantwortung, um die es geht. 

Und das bringt mich gleich einen Schritt weiter: Zum Essen. Wenn ich mich aufgebläht und schwer fühle, wenn ich morgens total schlapp bin, wenn ich Pickel bekomme und Kopfschmerzen, wenn meine Haut anfängt zu jucken, dann sollte ich sehen, dass ich meinem Körper Dinge zuführe, die gut für ihn sind. Einerseits übe ich mich darin, es laufen zu lassen, wenn mein Körper nicht "mitspielt", abzuwarten, bis es wieder besser wird, mich nicht aufzuregen und es damit noch schlimmer zu machen. Das ist aber nur der eine Teil. Der andere ist, dass ich so gut es irgend geht mit mir selbst umgehen sollte. Es gibt keinen Grund, das nicht zu tun. Und doch neige ich dazu, mich auch noch zu bestrafen, wenn ich mich unwohl fühle. Mir die Schuld zu geben, weil ich fett bin, das Falsche gegessen habe, es einfach nicht hinkriege, mich viel zu wenig bewege und all die Dinge, von denen ich weiß, dass sie gut für mich sind, nicht umsetze. Ich kann mich immer wieder verzweifelt fragen, warum ich das tue. Das wird mir aber nicht helfen. Womöglich tue ich es nur, weil ich es mir angewöhnt habe, weil es die einfachste Möglichkeit ist, auf frustrierende Dinge zu reagieren.

Mir ist heute morgen erst klar geworden, dass Hindernisse nicht im Weg liegen, sondern dass sie selbst der Weg sind. Wenn mein Körper mir Rätsel aufgibt, was will er mir damit sagen? Wie kann ich damit umgehen? Es geht mir hier nicht um eine Ursachenforschung, damit ich die Symptome dann aus dem Weg zu räumen kann. Es geht darum, auf mich selbst zu hören und mitzukriegen, was mit mir los ist. Eigentlich ist es sogar ganz einfach. Ich weiß und beklage doch immer, dass ich zu wenig Zeit für mich selbst habe. Mein Körper fordert das ein! Er braucht die morgendliche Meditation, er braucht die Bewegung und er braucht das gute Essen. Viel mehr ist es gar nicht. Diese Elemente bilden das Fundament, auf dem es sich gut leben lässt und sollten daher das Wichtigste sein. Wenn ich mich von diesem Weg durch andere abbringen lasse, so liegt die Verantwortung dafür bei mir. Dieser Weg ist meiner und nur für mich in dieser Form genau richtig. Das muss niemand verstehen. Aber ich muss mich so weit abgrenzen können, dass ich es schaffe, sie regelmäßig in mein Leben zu integrieren.