Konsum

Ich bin ein sehr konsumorientierter Mensch. So, wie ich Essen konsumiere, konsumiere ich auch Klamotten, Fernsehen, schöne Dinge. Es ist da so ein Drang in mir, Dinge anzuschaffen, der auch damit zusammenhängt, dass mir nicht mehr gefällt, was ich schon habe.

Ein Phänomen war zum Beispiel, als ich mit 14 Jahren mal in Russland im Urlaub war. Das Essen dort hat mir überhaupt nicht geschmeckt, es gab meistens tagealtes selbstgebackenes Brot, das nur mit dick Zucker und Butter drauf erträglich war und am ersten Tag, wenn es frisch gebacken war. Anstatt mich vornehm zurückzuhalten, habe ich immer weiter gegessen und in drei Wochen Urlaub so viel zugenommen, dass meine Mutter mir nach meiner Rückkehr bei meinem Anblick versprochen hat, mit mir shoppen zu gehen, wenn ich mein Normalgewicht wieder erreicht hätte. Vielleicht war das auch der Anfang allen Übels, diese ungemütliche Erfahrung, pummelig zu werden, vom Essen nicht befriedigt zu werden, auf der Suche nach irgendeinem Genuss immer weiter zu essen. Das hat sich durch meine ganze Essens-Leidensgeschichte hindurchgezogen. Und wenn ich schon längst nicht mehr konnte, hatte ich immernoch das Gefühl, irgendetwas konsumieren zu müssen. Wurde natürlich alles immer nur schlimmer.

Ich denke, das kann auf mein allgemeines Konsumverhalten übertragen werden. Ich glotze abends Serien, bis ich einschlafe und es fällt mir extrem schwer, vorher den Fernseher auszumachen. Momentan versuche ich, ihn gar nicht erst anzuschalten und das klappt eigentlich ganz gut. Es ist aber abends nach einem anstrengenden Tag bei mir oft das Gefühl präsent, ich müsse mich entspannen, für die Mühe des Tages belohnen und alle Viere von mir strecken. Das ist so ein Muster in mir, dass es mir schwermacht, stattdessen in die Badewanne zu gehen oder ein Buch zu lesen oder etwas anderes zu machen, das mir wirklich guttun würde.

Es gibt auch eine Parallele zwischen meinem körperlichen Unwohlsein und Shopping-Gelüsten. So, wie ich mit meinem Körper unzufrieden bin, bin ich es auch mit dem Inhalt meines Kleiderschranks. Da findet sich dann nichts, was ich gerne anziehen würde. Früher habe ich echte Wutanfälle bekommen, wenn ich morgens nichts gefunden habe. Da war so viel Hass auf meinen Körper. Und aus Trotz habe ich dann geshoppt. Ich habe auch sehr oft das Gefühl, diese Dinge zu brauchen, um mich heil und ganz zu fühlen.


Am Wochenende habe ich auf einmal den Drang verspürt, den Kleiderschrank auszumisten. Das mache ich zwar regelmäßig und ich bin auch grundsätzlich ziemlich großzügig beim Wegschmeißen, aber es gab ein paar Dinge, die da noch übrig waren und die ich auf radikale Art und Weise wegwerfen musste. Erst habe ich alles in verschiedene Stapel sortiert und wollte die guten Sachen noch verkaufen oder verschenken, aber dann habe ich gemerkt, dass ich alles jetzt sofort loswerden wollte. Es hätte mich vielleicht wieder traurig gemacht, etwas an jemand anderem zu sehen, der darin besser aussieht, als ich. Es hätte mich mit großer Wahrscheinlichkeit extrem genervt, für ein paar Euro die Sachen bei Kleiderkreisel einzustellen und sie dann verschicken zu müssen. Auf einmal wusste ich, dass es mein Akt der Befreiung sein würde, alles auf einmal zur Altkleidersammlung zu bringen. Kein schlechtes Gewissen dabei zu haben, nicht an das Geld zu denken, das ich damit versenke, sondern mich einfach zu verabschieden von Dingen, die mir nicht mehr nützen, die Ballast sind und mir das Leben erschweren.



Da war ein wunderschönes dunkelblaues Kleid, das mir auch wunderbar steht, das aber so eng geschnitten ist, dass man darin kaum laufen kann. Als mir klar wurde, dass es niemals komfortabel sein wird, sich in diesem Kleid zu bewegen, konnte ich mich endlich schweren Herzens davon trennen. Ich glaube, ich habe es zweimal angehabt.

Da war ein schwarzes Designer-Hemd aus Seide, das meine Mutter mir vor ungefähr zehn Jahren zum Geburtstag geschenkt hat und das ich wahrscheinlich einmal getragen habe. Schwarz ist noch nie meine Farbe gewesen. Und Hemden sehen furchtbar an mir aus.

Da war eine Tunika, die ich in einer Boutique in Berlin gekauft habe, als ich mit meiner Freundin Patti dort unterwegs war und die ich absolut geliebt habe. Nicht nur, weil sie schön war, sondern weil ich damit Erinnerungen verbunden habe. Sie ist leider so stark eingelaufen, dass sie viel zu kurz geworden ist und ich jedes Mal, wenn ich sie wieder anziehen wollte, enttäuscht ein neues Outfit suchen musste.

Da war ein sehr hübsches gepunktetes graues Kleid, das so sehr aufgetragen hat, dass ich beim Schneider die seitlichen Taschen habe entfernen lassen. Leider hat mir die Farbe danach immernoch nicht gestanden und der Schnitt blieb unvorteilhaft.

Da waren jede Menge Jeans, die darauf warteten, dass ich eines Tages wieder in sie hineinpassen würde und deren Anblick mich jedes Mal hat unwohl fühlen lassen.

Egal wie schön oder hässlich oder zu groß, zu klein, zu eng, zu weit oder wenig kleidsam eine Klamotte ist, sie sollte nie verursachen, dass man sich schlecht fühlt oder traurig wird.

Es ist die Aufgabe von Klamotten, uns in unserer individuellen Schönheit zu bestätigen. Oder so gemütlich zu sein, dass wir darüber hinwegsehen können, dass wir unmöglich aussehen. Das funktioniert aber in den seltensten Fällen.


Ich habe mal eine Business-Stilberatung mitgemacht, wo ich gelernt habe, dass wir jedes einzelne Kleidungsstück in unserem Kleiderschrank lieben und uns jedes Mal freuen sollten, wenn wir es ansehen. Soweit bin ich leider immernoch nicht, aber ich denke oft an diesen Tipp und strebe es an, eines Tages tatsächlich nur wunderschöne, mir passende Klamotten im Schrank zu haben.

Wenn ich diese Berge, die ich so produziert habe, betrachte, finde ich es ganz schrecklich, wieviele schrottige Textilien wieder in die Altkleidersammlung wandern, wieviel Verschwendung von Material und Geld das ist und natürlich in allererster Linie, wie sehr Arbeiter in Textilfabriken dafür schuften müssen.

Von diesem Konsumverhalten möchte ich mich gerne befreien. Nachhaltiger einkaufen und weniger. Es stimmt zwar, dass Klamotten und auch Konsum glücklich machen können, aber nur, wenn man ihnen die Wertschätzung entgegenbringt, die sie verdienen. Und sich selbst natürlich auch. Ich stehe dazu, dass ich gerne shoppe. Dass ich ziemlich viel Geld in Klamotten investiere. Aber ich möchte nicht mehr viel und billig kaufen, sondern weniger und wertiger. Das ist gar nicht so einfach, denn ein höherer Preis steht weder für bessere Qualität noch für bessere Produktionsstandards. 

Für den Moment möchte ich einfach mal eine Pause einlegen. Und wenn ich das nächste Mal ein Teil sehe, bei dessen Anblick ich denke "muss ich haben", greife ich zu. Das passiert sowieso selten genug. 





So, wie ich auch beim Essen mehr darauf achten möchte, was mir gerade wirklich fehlt, was ich brauche und was ich möchte, was mir schmeckt und wonach mein Körper verlangt, so möchte ich das auch beim Shoppen halten. Es gibt so unendlich viele Versuchungen in unserer Konsumwelt, die es einem schwermachen, einen klaren Gedanken zu fassen und sich darauf zu besinnen, was man wirklich braucht, dass ich glaube, ein bisschen Abstand davon tut mir gut. Gerade finde ich es schön, alte, verborgene Schätze aus dem Schrank zu holen und ihnen mal wieder die Gelegenheit zu geben, sich zu zeigen. 

Mein Körper ist, wie er ist. Er wird durchs  Shoppen nie auch nur für einen Augenblick zu dem, was mich im Katalog an den Models anspricht, was mich dazu verleitet, die Sachen zu kaufen. Es ist die Jagd nach einem Gefühl, das ich durch Konsum aber langfristig nicht erreichen kann. Und so landen all die Klamotten, die im Katalog so toll aussahen, nach ein par wenigen Wäschen in der Ecke des Schranks, die ich frustriert zu ignorieren versuche.

Ich sitze im Schlafanzzug im Garten, an einem frühen und wunderschönen Sommermorgen. Was werde ich anziehen? Finde ich was, in dem ich mich wohlfühle? Es wird nicht leicht, glaube ich. Vielleicht versuche ich, es mir mehr egal sein zu lassen, was ich trage. Wenn das Outfit mal nicht so gelungen ist, ist das auch ok. Die wirkliche Herausforderung ist es, mit dem genügsam umzugehen, was man schon hat. Felicia von Travelicia zum Beispiel, hat mal erzählt, dass sie nur zwei Hosen hat, ihr ganzer Besitz passt in ein paar blaue Ikea-Tüten. Das ist echte Freiheit! Und wenn ich mich mal wieder so fühle, als hätte ich nichts zum Anziehen, werde ich mich daran erinnern.





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