Dienstag, 18. Juli 2017

Konsum

Ich bin ein sehr konsumorientierter Mensch. So, wie ich Essen konsumiere, konsumiere ich auch Klamotten, Fernsehen, schöne Dinge. Es ist da so ein Drang in mir, Dinge anzuschaffen, der auch damit zusammenhängt, dass mir nicht mehr gefällt, was ich schon habe.

Ein Phänomen war zum Beispiel, als ich mit 14 Jahren mal in Russland im Urlaub war. Das Essen dort hat mir überhaupt nicht geschmeckt, es gab meistens tagealtes selbstgebackenes Brot, das nur mit dick Zucker und Butter drauf erträglich war und am ersten Tag, wenn es frisch gebacken war. Anstatt mich vornehm zurückzuhalten, habe ich immer weiter gegessen und in drei Wochen Urlaub so viel zugenommen, dass meine Mutter mir nach meiner Rückkehr bei meinem Anblick versprochen hat, mit mir shoppen zu gehen, wenn ich mein Normalgewicht wieder erreicht hätte. Vielleicht war das auch der Anfang allen Übels, diese ungemütliche Erfahrung, pummelig zu werden, vom Essen nicht befriedigt zu werden, auf der Suche nach irgendeinem Genuss immer weiter zu essen. Das hat sich durch meine ganze Essens-Leidensgeschichte hindurchgezogen. Und wenn ich schon längst nicht mehr konnte, hatte ich immernoch das Gefühl, irgendetwas konsumieren zu müssen. Wurde natürlich alles immer nur schlimmer.

Ich denke, das kann auf mein allgemeines Konsumverhalten übertragen werden. Ich glotze abends Serien, bis ich einschlafe und es fällt mir extrem schwer, vorher den Fernseher auszumachen. Momentan versuche ich, ihn gar nicht erst anzuschalten und das klappt eigentlich ganz gut. Es ist aber abends nach einem anstrengenden Tag bei mir oft das Gefühl präsent, ich müsse mich entspannen, für die Mühe des Tages belohnen und alle Viere von mir strecken. Das ist so ein Muster in mir, dass es mir schwermacht, stattdessen in die Badewanne zu gehen oder ein Buch zu lesen oder etwas anderes zu machen, das mir wirklich guttun würde.

Es gibt auch eine Parallele zwischen meinem körperlichen Unwohlsein und Shopping-Gelüsten. So, wie ich mit meinem Körper unzufrieden bin, bin ich es auch mit dem Inhalt meines Kleiderschranks. Da findet sich dann nichts, was ich gerne anziehen würde. Früher habe ich echte Wutanfälle bekommen, wenn ich morgens nichts gefunden habe. Da war so viel Hass auf meinen Körper. Und aus Trotz habe ich dann geshoppt. Ich habe auch sehr oft das Gefühl, diese Dinge zu brauchen, um mich heil und ganz zu fühlen.


Am Wochenende habe ich auf einmal den Drang verspürt, den Kleiderschrank auszumisten. Das mache ich zwar regelmäßig und ich bin auch grundsätzlich ziemlich großzügig beim Wegschmeißen, aber es gab ein paar Dinge, die da noch übrig waren und die ich auf radikale Art und Weise wegwerfen musste. Erst habe ich alles in verschiedene Stapel sortiert und wollte die guten Sachen noch verkaufen oder verschenken, aber dann habe ich gemerkt, dass ich alles jetzt sofort loswerden wollte. Es hätte mich vielleicht wieder traurig gemacht, etwas an jemand anderem zu sehen, der darin besser aussieht, als ich. Es hätte mich mit großer Wahrscheinlichkeit extrem genervt, für ein paar Euro die Sachen bei Kleiderkreisel einzustellen und sie dann verschicken zu müssen. Auf einmal wusste ich, dass es mein Akt der Befreiung sein würde, alles auf einmal zur Altkleidersammlung zu bringen. Kein schlechtes Gewissen dabei zu haben, nicht an das Geld zu denken, das ich damit versenke, sondern mich einfach zu verabschieden von Dingen, die mir nicht mehr nützen, die Ballast sind und mir das Leben erschweren.



Da war ein wunderschönes dunkelblaues Kleid, das mir auch wunderbar steht, das aber so eng geschnitten ist, dass man darin kaum laufen kann. Als mir klar wurde, dass es niemals komfortabel sein wird, sich in diesem Kleid zu bewegen, konnte ich mich endlich schweren Herzens davon trennen. Ich glaube, ich habe es zweimal angehabt.

Da war ein schwarzes Designer-Hemd aus Seide, das meine Mutter mir vor ungefähr zehn Jahren zum Geburtstag geschenkt hat und das ich wahrscheinlich einmal getragen habe. Schwarz ist noch nie meine Farbe gewesen. Und Hemden sehen furchtbar an mir aus.

Da war eine Tunika, die ich in einer Boutique in Berlin gekauft habe, als ich mit meiner Freundin Patti dort unterwegs war und die ich absolut geliebt habe. Nicht nur, weil sie schön war, sondern weil ich damit Erinnerungen verbunden habe. Sie ist leider so stark eingelaufen, dass sie viel zu kurz geworden ist und ich jedes Mal, wenn ich sie wieder anziehen wollte, enttäuscht ein neues Outfit suchen musste.

Da war ein sehr hübsches gepunktetes graues Kleid, das so sehr aufgetragen hat, dass ich beim Schneider die seitlichen Taschen habe entfernen lassen. Leider hat mir die Farbe danach immernoch nicht gestanden und der Schnitt blieb unvorteilhaft.

Da waren jede Menge Jeans, die darauf warteten, dass ich eines Tages wieder in sie hineinpassen würde und deren Anblick mich jedes Mal hat unwohl fühlen lassen.

Egal wie schön oder hässlich oder zu groß, zu klein, zu eng, zu weit oder wenig kleidsam eine Klamotte ist, sie sollte nie verursachen, dass man sich schlecht fühlt oder traurig wird.

Es ist die Aufgabe von Klamotten, uns in unserer individuellen Schönheit zu bestätigen. Oder so gemütlich zu sein, dass wir darüber hinwegsehen können, dass wir unmöglich aussehen. Das funktioniert aber in den seltensten Fällen.


Ich habe mal eine Business-Stilberatung mitgemacht, wo ich gelernt habe, dass wir jedes einzelne Kleidungsstück in unserem Kleiderschrank lieben und uns jedes Mal freuen sollten, wenn wir es ansehen. Soweit bin ich leider immernoch nicht, aber ich denke oft an diesen Tipp und strebe es an, eines Tages tatsächlich nur wunderschöne, mir passende Klamotten im Schrank zu haben.

Wenn ich diese Berge, die ich so produziert habe, betrachte, finde ich es ganz schrecklich, wieviele schrottige Textilien wieder in die Altkleidersammlung wandern, wieviel Verschwendung von Material und Geld das ist und natürlich in allererster Linie, wie sehr Arbeiter in Textilfabriken dafür schuften müssen.

Von diesem Konsumverhalten möchte ich mich gerne befreien. Nachhaltiger einkaufen und weniger. Es stimmt zwar, dass Klamotten und auch Konsum glücklich machen können, aber nur, wenn man ihnen die Wertschätzung entgegenbringt, die sie verdienen. Und sich selbst natürlich auch. Ich stehe dazu, dass ich gerne shoppe. Dass ich ziemlich viel Geld in Klamotten investiere. Aber ich möchte nicht mehr viel und billig kaufen, sondern weniger und wertiger. Das ist gar nicht so einfach, denn ein höherer Preis steht weder für bessere Qualität noch für bessere Produktionsstandards. 

Für den Moment möchte ich einfach mal eine Pause einlegen. Und wenn ich das nächste Mal ein Teil sehe, bei dessen Anblick ich denke "muss ich haben", greife ich zu. Das passiert sowieso selten genug. 





So, wie ich auch beim Essen mehr darauf achten möchte, was mir gerade wirklich fehlt, was ich brauche und was ich möchte, was mir schmeckt und wonach mein Körper verlangt, so möchte ich das auch beim Shoppen halten. Es gibt so unendlich viele Versuchungen in unserer Konsumwelt, die es einem schwermachen, einen klaren Gedanken zu fassen und sich darauf zu besinnen, was man wirklich braucht, dass ich glaube, ein bisschen Abstand davon tut mir gut. Gerade finde ich es schön, alte, verborgene Schätze aus dem Schrank zu holen und ihnen mal wieder die Gelegenheit zu geben, sich zu zeigen. 

Mein Körper ist, wie er ist. Er wird durchs  Shoppen nie auch nur für einen Augenblick zu dem, was mich im Katalog an den Models anspricht, was mich dazu verleitet, die Sachen zu kaufen. Es ist die Jagd nach einem Gefühl, das ich durch Konsum aber langfristig nicht erreichen kann. Und so landen all die Klamotten, die im Katalog so toll aussahen, nach ein par wenigen Wäschen in der Ecke des Schranks, die ich frustriert zu ignorieren versuche.

Ich sitze im Schlafanzzug im Garten, an einem frühen und wunderschönen Sommermorgen. Was werde ich anziehen? Finde ich was, in dem ich mich wohlfühle? Es wird nicht leicht, glaube ich. Vielleicht versuche ich, es mir mehr egal sein zu lassen, was ich trage. Wenn das Outfit mal nicht so gelungen ist, ist das auch ok. Die wirkliche Herausforderung ist es, mit dem genügsam umzugehen, was man schon hat. Felicia von Travelicia zum Beispiel, hat mal erzählt, dass sie nur zwei Hosen hat, ihr ganzer Besitz passt in ein paar blaue Ikea-Tüten. Das ist echte Freiheit! Und wenn ich mich mal wieder so fühle, als hätte ich nichts zum Anziehen, werde ich mich daran erinnern.





Dienstag, 11. Juli 2017

Jana

Meine Freundin Jana ist ein ganz besonderer Mensch. Das erste, was allen auffällt, ist ihre fröhliche, positive Art, ihre wirklich extrem sympathische Ausstrahlung. Sie lacht viel. Sie fragt viel. Sie fühlt mit. Kaum jemand kann sich so sehr mit einem freuen wie sie. Genauso kann sie sehr einfühlsam über Probleme sprechen. Sie ist eine Super-Mama, eine Karriere-Frau, eine Kämpferin, ein Männertraum. 


Wir kennen uns schon sehr lange und ich bin wirklich glücklich darüber, dass wir uns über all die Jahre verbunden geblieben sind. Heute empfinde ich unsere Freundschaft tiefer als je zuvor, wenngleich wir in unserem stressigen Alltag leider viel zu wenig Zeit füreinander haben. Jana und ich waren gleichzeitig mit unseren ersten Kindern schwanger, sie war in Zeiten großer Isolation, Unsicherheit und Verzweiflung mein Fels in der Brandung. Sie hat meine Brustentzündungen kuriert, mich mit Globuli versorgt, auf meine Kinder aufgepasst, wenn ich einfach mal in Ruhe zum Frisör gehen wollte. In meinem Freundeskreis gab es damals außer ihr kaum andere Mütter und das hat uns irgendwie sehr zusammengeschweißt.

Ich bin voll tiefer Bewunderung für ihre positive Kraft, mit der sie sich aus tiefen Lebenskrisen alleine herausgeholfen hat und immer und immer wieder zu ihrem fröhlichen Lachen und ihrer positiven Lebenseinstellung zurückgefunden hat. 

Jana ist der lebendige Beweis dafür, dass wir unsere Träume leben sollten. Wieviele Menschen neiden ihr die Fähigkeit, sich einfach das zu nehmen, was sie möchte. Sich nicht zufrieden zu geben damit, als Mutter eben nicht mehr alles machen zu können, wonach einem der Sinn steht. Sie ist eine wundervolle Mutter, sie ist eine tolle und wichtige Freundin für viele, sie hat Hobbies und eine Karriere. Ich meine nicht, dass wir alle all diese Elemente in unserem Leben miteinander vereinen müssen und es ist total ok, wenn jemand - vielleicht auch nur für eine Zeit - z.B. einfach nur Mutter sein möchte. Ich meine aber, dass an uns moderne Frauen so viele Anforderungen gestellt werden und wir wirklich mit mehr Themen beschäftigt sind, als das frühere Generationen von Frauen in unserer Gesellschaft waren. Und Jana ist ein Vorbild für mich, weil sie emanzipiert ist, unabhängig, erfolgreich und dabei alles auf eine glaubhafte Art und Weise unter einen Hut bringt. 

Was ich mir mehr von ihr abschauen möchte: Das Lachen! Ich liebe ihr Lachen. Fleiß und Disziplin. Sie erscheint mir oft wie ein Stehaufmännchen, das noch spät abends den Staubsauger rausholt, wenn ich mich einfach nur noch vor den Fernseher fläzen würde.

Ich erinnere mich so gerne an unsere Urlaube in Holland, als wir ziemlich spontan unsere Kinder eingepackt haben und losgefahren sind. Wie einfach es war, sich abzustimmen, sich die Aufgaben zu teilen, die Kinder der anderen einfach mitzuversorgen. Ich liebe es, wenn solche Dinge unkompliziert funktionieren. Am liebsten denke ich an unsere abendlichen Gespräche zurück, wenn die Kinder im Bett waren und wir mit einer Flasche Wein oder Prosecco im Garten gesessen haben. Und endlich mal Zeit hatten für jede Art von Gossip und Albernheiten, für Seelenstriptease, für Offenbarungen, Erinnerungen, gemeinsame Erkenntnisse. Dafür, der anderen jeweils Mut zu machen und sie auf ihrem eigenen Weg zu bestärken. Irgendwann habe ich beschlossen, dass ich ihr einfach alles sagen kann, was mich bewegt und bedrückt und dass es keinen Grund für irgendwelche Geheimnisse gibt. Das habe ich nie bereut.


Gerade heute habe ich noch darüber nachgedacht, dass es Menschen gibt, die mich nicht mögen. Das ist ihr gutes Recht und ich habe sogar Verständnis dafür. Ich bin ein ziemlich lebhafter und lauter Mensch, rede unheimlich viel, erzähle auch sehr viel von mir selbst. Es kommt glaube ich öfter mal vor, dass ich Menschen mit meiner Art auf die Nerven falle. Oder dass Menschen, die mich nicht allzu gut kennen, mich für arrogant halten. Womöglich habe ich manchmal einfach eine große Klappe. Früher habe ich mich dafür geschämt, wenn ich gemerkt habe, dass jemand hinter meinem Rücken über mich herzieht oder ich den Eindruck hatte, ich komme gerade nicht besonders gut an. Aber Menschen wie Jana, die mit meiner Art überhaupt kein Problem haben, haben mich gelehrt, das nicht mehr zu tun. Ich bin nicht Everybody's Darling. Ich bin die Freundin der Menschen, die mögen, wie ich bin. Und diese Freunde dürfen mir immer sagen, wenn sie etwas an mir stört und ich bitte sie sogar darum. Es ist wichtig, einen Hinweis zu bekommen, damit man nicht immer wieder in dieselbe Falle hineintappt.

Jana, du bist mein Spiegel und viele Erkenntnisse über mich selbst habe ich durch dich gewonnen. Es ist wundervoll, jemanden zu haben, bei dem man ungebremst man selbst sein darf. Jemanden zu haben, der meine Schwächen ganz genau kennt. Du darfst dich darüber sehr gerne lustig machen, weil ich ganz genau weiß, dass du mich lieb hast. 

Ich möchte dir besonders dafür danken, dass du auch meine Kinder in ihrer Einzigartigkeit erkennen und so sein lassen kannst, wie sie sind. Es ist wunderschön zu sehen, dass sie bei dir so sein und sich so frei fühlen dürfen. Jeder Moment mit dir ist eine Bereicherung für mein Leben. Auf meiner Liste noch zu erledigender Dinge steht ziemlich weit oben ein weiterer Trip mit dir und den Kids nach Holland. Und einer ganz ohne sie - irgendwohin - eines Tages.