Von Konflikten und enttäuschten Erwartungen

In Konflikten mit anderen Menschen, die ab und an unausweichlich in unserem Leben eine Rolle spielen, sehen wir uns oft einer gewissen Ratlosigkeit ausgesetzt. Wie kommt man am besten da heraus? Wenn andere Personen involviert sind, ist es viel schwieriger, als wenn man sich "nur" mit sich selbst konfrontiert. Hinter die Stirn eines anderen kann man nicht schauen und man muss das interpretieren, was einem entgegengebracht wird. Wie schnell ist man verletzt, weil die Erwartungen, die man sich selbst vielleicht gar nicht so bewusst gemacht hat, enttäuscht wurden. Mein Vater sagt immer:  

"Wer Erwartungen hat, der wird im wahrsten Sinne des Wortes ent-täuscht werden." 

 

Es ist ein Leitsatz für mich geworden, an den ich mich immer wieder erinnere, wenn ich in schwierige zwischenmenschliche Situationen gerate. Ich bin gar nicht sicher, ob es sich in verbindlichen Beziehungen tatsächlich ohne jegliche Erwartungshaltung leben lässt. Vermutlich nicht. Und so ist regelmäßige Enttäuschung vorprogrammiert. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch und meine Gefühle dominieren mein Leben. Im Positiven wie im Negativen beeinflussen sie mich so stark, dass ich oft selbst sehr überwältigt davon bin, wie unfassbar mies ich mich fühlen kann oder wie extrem glücklich. Zum Glück hat meine Schwester mich oft daran erinnert, dass meine Wirklichkeit sich mit meinen Gefühlsschwankungen komplett ändern kann und darauf muss ich vertrauen, wenn ich mal wieder in ein tiefes Loch stürze. Denn dieses Loch fühlt sich dann so unausweichlich und katastrophal an, dass ich in diesem Moment nicht fühlen kann, wie glücklich ich im Allgemeinen mit meinem Leben doch bin. 

Wenn ich gerade in einer sensiblen Phase bin, pusten mich die kleinsten lieblosen Gesten völlig um. Umgekehrt kann ich ganz souverän damit umgehen, wenn ich mich gut fühle. 

 

Verletzungen

 

Ich habe mir die Frage gestellt, warum wir andere Menschen regelmäßig verletzen. Wir alle tun das, immer wieder. Und das, obwohl wir danach streben, gute Menschen zu sein und uns meistens selbst auch für solche halten. Und nicht immer fällt uns auf, dass wir nicht fair sind oder ein bisschen gemein - oder vielleicht sogar sehr gemein.

Wenn es mir passiert, dass jemand, den ich sehr gerne mag, mich verletzt (das funktioniert ja auch nur bei Menschen, die mir nahestehen und wichtig sind), bin ich meist ziemlich ratlos. Deswegen habe ich mich gefragt, was wohl dahinterstecken mag. Es ist ziemlich sicher, dass man das nicht herausbekommen kann, vor allem nicht, wenn die Situation konflikreich und kompliziert ist. Wir ticken alle anders, verarbeiten unsere Themen auf die unterschiedlichsten Arten. Wie sollen wir jemals erraten können, was genau den anderen jetzt dazu veranlasst hat, sich auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten? Oft interpretieren wir pure Börsartigkeit hinein: Jemand tut uns weh, weil er böse zu uns sein will. Und ich glaube inzwischen, dass das ganz falsch ist. Selbst wenn derjenige selbst es so artikuliert, steckt dahinter meist doch eine eigene Verletzung. Manchmal schafft man es gemeinsam, diesen Dingen auf den Grund zu gehen und dann kommt meistens dabei heraus, dass es genau darum geht.  

Interpretationen 

 

Ich bin ja selbst auch so eine Hobby-Psychologin, die sich gerne in andere Menschen hineindenkt und daran heruminterpretiert, wie sie sich verhalten. Mein Vater hat mir, als ich mich mal über jemanden ganz fürchterlich aufgeregt habe, gesagt, dass wir mit diesen Interpretationen in aller Regel total daneben liegen. Und wenn wir nicht komplett falsch liegen, dann treffen wir den Kern des Ganzen doch so gut wie nie. Egal, für wie genial wir uns halten. Ich habe gegen diesen Gedanken ganz lange rebelliert und wollte weiter denken können, dass Menschen absichtlich böse zu mir sind, aber ich bin immer wieder dahin zurückgekehrt und heute hilft es mir, wenn ich in einen Konflikt gerate. Es ist so abgedroschen und doch so richtig, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat, ohne Ausnahme. Und jeder geht damit so unterschiedlich um, dass es unmöglich ist, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Was wir aber tun können - und das liegt auch sehr nahe, wenn man sich ein bisschen damit beschäftigt - ist: Wir können davon ausgehen, dass das Gegenüber nicht die Absicht hatte, uns fertigzumachen. Wir können einfach annehmen, dass derjenige nicht wusste, was er anrichtet. Dass niemand eigentlich in seinem tiefsten Innern böse ist. Ich bin davon überzeugt, dass das wahr ist. Aber selbst wenn nicht: Hilft uns dieses Denken nicht trotzdem, mit einer Verletzung fertig zu werden? Selbst wenn derjenige die schwärzeste aller Seelen hätte und nur um sich schlagen würde, könnte er uns nicht allzu viel anhaben, wenn wir davon ausgingen, dass er im Grunde seines Herzens gut ist. 

Augen auf!

 

Zu dieser Haltung gehört eine gewisse Portion Reflektion und die bringen wir nicht immer auf, wenn wir impulsiv auf etwas reagieren. Und in meinem Fall umnebeln meine Emotionen das Ganze noch zusätzlich. Also muss ich warten, bis der Staub sich gelegt hat und ich wieder etwas klarer sehen kann. Dann bin ich auch wieder in der Lage, mir klarzumachen, dass meine Erwartungen enttäuscht wurden. Und dass ich nur die Augen aufmachen und hinsehen muss, um zu sehen, wieviel Gutes da ist. Was ich erwarte und was tatsächlich da ist, ist meist nicht das Gleiche. Aber das bedeutet nicht, dass da nichts ist. Ich muss nur meine Scheuklappen abnehmen und alles sehen.

Ich will damit nicht sagen, dass man nicht traurig oder verletzt sein darf, wenn jemand einen angeht. Das ist die natürlichste Reaktion auf der Welt und die sollte man nicht nur empfinden dürfen, sondern auch zeigen und seine Verletzung artikulieren. Allein daran hapert es ja schon allzu oft. Wer redet gerne über sowas? Das tut immer weh und ist immer schwierig. Aber wie grauenvoll ist es, wenn wir solchen Frust in uns hineinfressen? 

Zurück zu mir

 

Ich kann nicht beeinflussen, wie andere Menschen sich verhalten. Ich kann lediglich üben, damit umzugehen. Ich kann mir Gedanken über die Intention des anderen machen und davon ausgehen, dass es ihm nicht darum ging, mich zu ärgern. Vielleicht vordergründig, aber es steckt doch immer etwas anderes dahinter. Und wenn man dann das große Ganze betrachtet, findet man bei sich selbst oft genug Anhaltspunkte dafür, dass man selbst auch ein paar kleine Pfeile abgeschossen hat. Vielleicht ganz unbewusst, vielleicht unterschwellig, vielleicht, um den anderen zu bewegen, auf eine bestimmte Art zu reagieren. Das ist übrigens ein recht hoffnungsloses Unterfangen und ich bin ganz überzeugt, dass es nicht funktioniert. Trotzdem tun wir all das natürlich immer wieder.

Vielleicht, wenn man sich in dieser Haltung übt und Menschen damit begegnet, vielleicht ist es dann möglich, mit jedem Menschen eine gute Beziehung einzugehen? Ist die Ablehnung von Eigenschaften anderer Menschen nicht eigentlich immer eine Antwort auf etwas, was wir selbst in uns tragen? Und dann ist es doch unsere Aufgabe, uns mit dem zu befassen, was da in uns selbst ist und wo wir noch nicht ganz im Reinen sind.

Es ist eine schmerzvolle Lehre für mich, aber auch eine sehr heilsame, dass ich mich bei jedem Konflikt immer auf mich selbst und meinen Beitrag dazu besinnen muss. All das führt mich immer wieder zu mir selbst zurück und zeigt einmal mehr, dass die Beziehung zu mir selbst die wichtigste ist. Wenn ich die einigermaßen auf die Reihe bekomme, ist es mit meinen Mitmenschen sehr viel leichter. 

Ich danke meinem Vater, dass er mir geholfen hat, die Menschen in diesem positiven Licht zu sehen!


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