Meine Gefühle und ich

Erinnerungen


Neulich habe ich alte, im Keller vergrabene Kisten mit Erinnerungen wiederentdeckt und war so berührt von dem, was ich darin über mich selbst erfahren konnte. Heute habe ich mal die alten CDs durchgeforstet und alte Lieblingslieder wiederentdeckt. Natürlich strömen sofort die Tränen aus mir raus und ich bin erstaunt, wie gut ich das alles noch kenne, obwohl es so lange verschüttet war.


Die alten Briefe und Fotos, die Tagebücher, alles zeigt mir, wer ich bin und schon immer war und ich kann mich so gut darin erkennen! Da ist etwas, was mich im Kern ausmacht. Ich denke, es sind meine Gefühle. Meine Art zu fühlen, ist irgendwie extrem. Mein Leben, meine Leidenschaften, alles, was ich tue, ist immer begleitet von so vielen Gefühlen! Ich könnte irgendwie gar nicht schreiben, ohne dabei meine Gefühle mit einfließen zu lassen, glaube ich. Es sind jedenfalls die Gefühle, die das Ganze in den Fluss bringen.

 

Sehnsucht


Meine Kindheit und Jugend war geprägt von einer großen Sehnsucht nach etwas anderem. Ich weiß noch ganz genau, wie ich in der Hängematte lag und den Flugzeugen nachgeschaut habe, mir vorgestellt habe, wer darin sitzt und wohin derjenige fliegt. Ich wollte immer weg, war überzeugt, dass das echte Leben an einem anderen Ort stattfindet, dass die Menschen, die ich suche, woanders sind. Ich habe gar keine Möglichkeit gesehen, in meiner Wirklichkeit so etwas zu erleben. Und dabei gab es durchaus sehr magische Momente. Ich erinnere mich daran, dass wir mit der Klasse am Fluss gezeltet haben, ums Lagerfeuer gesessen haben und all das gemacht haben, wovon ich immer geträumt habe und dass ich dabei doch immer das Gefühl hatte, nicht dazu zu gehören. Ich habe mir selbst in solchen Momenten gewünscht, dass ich wirklich mit dabei bin. Später habe ich erst gemerkt, dass ich es die ganze Zeit war, dass keiner außer mir das so empfunden hat, dass ich niemals ein Außenseiter war. Meine Melancholie und meine negative Einstellung zum Leben und zu mir selbst haben mich dazu gemacht und ich konnte deswegen die schönsten Momente nicht wirklich genießen. Selbst wenn ich meine Freunde zu mir nachhause eingeladen habe und sogar der Mittelpunkt des Geschehens war, habe ich mich irgendwie nicht zugehörig gefühlt. 




Ich wusste immer, dass diese Sehnsucht ein Teil meines Lebens ist und immer sein wird. Eine schmerzhafte, bittersüße Melancholie, das Wissen um die Tatsache, dass man die Uhr nicht zurückdrehen kann, dass es so viele Möglichkeiten gibt und ich sie nicht alle auf einmal wahrnehmen kann. Dass ich manche von ihnen niemals wahrnehmen kann. Der Gedanke an den Tod und das Älterwerden, das Größerwerden meiner wundervollen Kinder, nie mehr mein eigenes Baby im Arm halten und mehr und mehr vergessen, wie sich das anfühlt. Es hat zwei Seiten: Ich feiere damit das Leben und seinen Lauf, mein Glück, soweit überhaupt gekommen zu sein und ich spüre auf diese Weise seinen Wert. Nichts davon ist selbstverständlich und ich bin unendlich dankbar. Aber ich kann es nicht festhalten, muss es weiterziehen lassen, muss mich auf das Neue einlassen. Muss akzeptieren, dass ich nicht für immer hier bin. Dass es Momente im Leben gibt und immer geben wird, die sich scheußlich anfühlen, die unendlich weh tun und in denen alles hoffnungslos scheint.

 

Schmerz


Dieser Schmerz ist unwahrscheinlich wichtig, er lässt mich spüren, wer ich bin und was ich will. Er lässt mich wertschätzen, was ich habe. Durch ihn kann ich erst wieder glücklich sein.

Meine Sehnsucht ist heute auch noch da. Aber etwas hat sich verändert und das ist entscheidend: Ich weigere mich nicht mehr, meine Wirklichkeit anzunehmen. Ich habe sie gestaltet und daraus etwas gemacht, womit ich gut leben kann. Sie ist angefüllt mit wundervollen Dingen, die mir wichtig sind, die mich ausmachen. Da sind jeden Tag meine Lieblingsmenschen, die mich um den Verstand bringen, mir den letzten Nerv rauben und mich zu mir selbst zurückführen.

Gestern habe ich diesen Satz in einer Serie aufgeschnappt:

"Wir haben im Leben zwei Aufgaben: zu lernen und irgendwie klarzukommen." 

 

Das ist es. Wir sind niemals am Ziel und sollten zusehen, dass wir so viel Input bekommen können, wie irgend möglich. Wenn wir nicht mehr dazulernen, sind wir verloren. Und das zweite ist, dass wir alle unseren Kampf ausfechten müssen. Es gibt niemanden auf der Welt, der das nicht muss. Mit dem, was uns aufgebürdet wurde oder was wir uns selbst aufbürden, müssen wir zurechtkommen. Einen Weg finden, auf dem wir weitergehen können. Beide Aufgaben sind größte Herausforderungen und wir werden für den Rest unseres Lebens damit beschäftigt sein. Selbst wenn wir es gar nicht wollen, wenn wir uns passiv an den Lauf des Lebens anpassen, werden wir auf diese Weise lernen und mit ebendiesem Lauf klarkommen müssen.

Und es wird niemals aufhören, weh zu tun. Das ist völlig in Ordnung so, wenn man es zulässt und dem Schmerz den Raum gibt, den er verdient. Wenn man ihn nicht wegdrückt, sondern durch sich hindurchfließen lässt. Dann wird er irgendwann abebben und einem noch größeren Gefühl Raum geben: Frieden.


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