Samstag, 24. Juni 2017

Meine Gefühle und ich

Erinnerungen


Neulich habe ich alte, im Keller vergrabene Kisten mit Erinnerungen wiederentdeckt und war so berührt von dem, was ich darin über mich selbst erfahren konnte. Heute habe ich mal die alten CDs durchgeforstet und alte Lieblingslieder wiederentdeckt. Natürlich strömen sofort die Tränen aus mir raus und ich bin erstaunt, wie gut ich das alles noch kenne, obwohl es so lange verschüttet war.


Die alten Briefe und Fotos, die Tagebücher, alles zeigt mir, wer ich bin und schon immer war und ich kann mich so gut darin erkennen! Da ist etwas, was mich im Kern ausmacht. Ich denke, es sind meine Gefühle. Meine Art zu fühlen, ist irgendwie extrem. Mein Leben, meine Leidenschaften, alles, was ich tue, ist immer begleitet von so vielen Gefühlen! Ich könnte irgendwie gar nicht schreiben, ohne dabei meine Gefühle mit einfließen zu lassen, glaube ich. Es sind jedenfalls die Gefühle, die das Ganze in den Fluss bringen.

 

Sehnsucht


Meine Kindheit und Jugend war geprägt von einer großen Sehnsucht nach etwas anderem. Ich weiß noch ganz genau, wie ich in der Hängematte lag und den Flugzeugen nachgeschaut habe, mir vorgestellt habe, wer darin sitzt und wohin derjenige fliegt. Ich wollte immer weg, war überzeugt, dass das echte Leben an einem anderen Ort stattfindet, dass die Menschen, die ich suche, woanders sind. Ich habe gar keine Möglichkeit gesehen, in meiner Wirklichkeit so etwas zu erleben. Und dabei gab es durchaus sehr magische Momente. Ich erinnere mich daran, dass wir mit der Klasse am Fluss gezeltet haben, ums Lagerfeuer gesessen haben und all das gemacht haben, wovon ich immer geträumt habe und dass ich dabei doch immer das Gefühl hatte, nicht dazu zu gehören. Ich habe mir selbst in solchen Momenten gewünscht, dass ich wirklich mit dabei bin. Später habe ich erst gemerkt, dass ich es die ganze Zeit war, dass keiner außer mir das so empfunden hat, dass ich niemals ein Außenseiter war. Meine Melancholie und meine negative Einstellung zum Leben und zu mir selbst haben mich dazu gemacht und ich konnte deswegen die schönsten Momente nicht wirklich genießen. Selbst wenn ich meine Freunde zu mir nachhause eingeladen habe und sogar der Mittelpunkt des Geschehens war, habe ich mich irgendwie nicht zugehörig gefühlt. 




Ich wusste immer, dass diese Sehnsucht ein Teil meines Lebens ist und immer sein wird. Eine schmerzhafte, bittersüße Melancholie, das Wissen um die Tatsache, dass man die Uhr nicht zurückdrehen kann, dass es so viele Möglichkeiten gibt und ich sie nicht alle auf einmal wahrnehmen kann. Dass ich manche von ihnen niemals wahrnehmen kann. Der Gedanke an den Tod und das Älterwerden, das Größerwerden meiner wundervollen Kinder, nie mehr mein eigenes Baby im Arm halten und mehr und mehr vergessen, wie sich das anfühlt. Es hat zwei Seiten: Ich feiere damit das Leben und seinen Lauf, mein Glück, soweit überhaupt gekommen zu sein und ich spüre auf diese Weise seinen Wert. Nichts davon ist selbstverständlich und ich bin unendlich dankbar. Aber ich kann es nicht festhalten, muss es weiterziehen lassen, muss mich auf das Neue einlassen. Muss akzeptieren, dass ich nicht für immer hier bin. Dass es Momente im Leben gibt und immer geben wird, die sich scheußlich anfühlen, die unendlich weh tun und in denen alles hoffnungslos scheint.

 

Schmerz


Dieser Schmerz ist unwahrscheinlich wichtig, er lässt mich spüren, wer ich bin und was ich will. Er lässt mich wertschätzen, was ich habe. Durch ihn kann ich erst wieder glücklich sein.

Meine Sehnsucht ist heute auch noch da. Aber etwas hat sich verändert und das ist entscheidend: Ich weigere mich nicht mehr, meine Wirklichkeit anzunehmen. Ich habe sie gestaltet und daraus etwas gemacht, womit ich gut leben kann. Sie ist angefüllt mit wundervollen Dingen, die mir wichtig sind, die mich ausmachen. Da sind jeden Tag meine Lieblingsmenschen, die mich um den Verstand bringen, mir den letzten Nerv rauben und mich zu mir selbst zurückführen.

Gestern habe ich diesen Satz in einer Serie aufgeschnappt:

"Wir haben im Leben zwei Aufgaben: zu lernen und irgendwie klarzukommen." 

 

Das ist es. Wir sind niemals am Ziel und sollten zusehen, dass wir so viel Input bekommen können, wie irgend möglich. Wenn wir nicht mehr dazulernen, sind wir verloren. Und das zweite ist, dass wir alle unseren Kampf ausfechten müssen. Es gibt niemanden auf der Welt, der das nicht muss. Mit dem, was uns aufgebürdet wurde oder was wir uns selbst aufbürden, müssen wir zurechtkommen. Einen Weg finden, auf dem wir weitergehen können. Beide Aufgaben sind größte Herausforderungen und wir werden für den Rest unseres Lebens damit beschäftigt sein. Selbst wenn wir es gar nicht wollen, wenn wir uns passiv an den Lauf des Lebens anpassen, werden wir auf diese Weise lernen und mit ebendiesem Lauf klarkommen müssen.

Und es wird niemals aufhören, weh zu tun. Das ist völlig in Ordnung so, wenn man es zulässt und dem Schmerz den Raum gibt, den er verdient. Wenn man ihn nicht wegdrückt, sondern durch sich hindurchfließen lässt. Dann wird er irgendwann abebben und einem noch größeren Gefühl Raum geben: Frieden.


Dienstag, 20. Juni 2017

Nachhilfelehrerin in Sachen Selbstliebe: meine Käte

Allerliebstes Herzens-Kätchen, dir möchte ich besonders danke sagen, weil du eigentlich diejenige bist, die mir gezeigt hat, wie das geht, einfach loszulassen. Ich weiß nicht, ob es in der Sauna war oder im Freibad, jedenfalls hast du dich so frei und natürlich mit deinem Körper verhalten, dass es mir auf einmal leicht fiel, das auch zu tun. Es hat mich wirklich sehr befreit, eine Freundin zu haben, bei der ich mir keine Mühe geben muss, den Bauch einzuziehen oder meine Oberschenkel-Dellen zu verbergen oder sonst irgendeinen Makel vor dir zu verstecken. Es ist schön und macht Spaß, sich auch über sich selbst lustig zu machen, das Ganze mit Humor zu betrachten und sich darüber auszutauschen. Das habe ich mich vorher nicht getraut. 


Und ich denke daran, wenn ich irgendwo den Strand entlanggehe und mich dabei ertappe, wie ich überlege, wie meine Hinteransicht jetzt wohl aussehen mag. Du bist der lebende Beweis dafür, dass es mich nicht unattraktiver macht, so zu sein und dazu zu stehen, wie ich bin. Niemand wird mich weniger lieben, weil ich Celullite habe - ganz im Gegenteil. Diese Erfahrung habe ich gemacht, als ich damals so viel abgenommen habe und plötzlich mit einem nach außen möglicherweise perfekt wirkenden Körper daherkam. Das hat die Leute so irritiert, dass ich viele negative Kommentare einstecken musste. Es fällt den Menschen offenbar leichter, anderen zu sagen, dass sie zu dünn sind, als zu dick (das wurde mir allerdings auch schon gesagt).

Du sagst sowas nie, über niemanden. Wenn du dabei bist, wenn jemand etwas Gemeines über einen anderen sagt, hast du den Anstand, das anzuprangern. Ich bin manchmal selbst diejenige, die ganz unbewusst einen Menschen aburteilt und dann sagst du mir ganz klar und deutlich, dass sich sowas nicht gehört. Du hast ein richtiges Störgefühl dabei, wenn über andere Menschen hergezogen wird. 

Und du bist immer bereit, für deine Meinung einzustehen und sie klar und deutlich zu artikulieren, auch wenn dir viel Gegenwind entgegenkommt. Tatsächlich bist du ein absolutes Vorbild, weil du zu dir stehst und dich nicht umpusten lässt. Das ist in einer Welt voller Ja-Sager und Fähnchen-nach-dem-Wind-Dreher und Schmeichler nicht immer angenehm und bequem, aber es ist unglaublich wichtig. Bei dir muss niemand fürchten, dass du hinter verschlossener Tür über ihn herziehst, weil du keine Scheu hast, Unangenehmes auch offen auszusprechen. Mir rückt das oft den Blick wieder gerade, wenn ich mich über etwas oder jemanden aufrege und mich dabei möglicherweise zu unfairen Tiraden versteige.

Ich bin so froh für dich, wenn ich sehe, wie unbeirrt du deinen Weg gehst, der auch nicht immer einfach ist. Es gibt so viel Kompliziertes in deinem Leben, das du mit viel Anstand und Selbstverständlichkeit trägst, als wäre es nichts. Klopf dir dafür bitte selbst jeden Tag auf die Schulter, das ist großartig! Ich erinnere mich, dass du schon früher, als ganz junge Frau in dem Dschungel, der einen in diesem Alltag nunmal umgibt, bewundernswert unbeirrt voran gegangen bist. Da gab es viele Menschen, die dich versucht haben, zu irritieren und wenn man jünger ist, gelingt das oft. Trotzdem wusstest du immer, was du wolltest und heute hast du es erreicht und mehr als verdient (du weißt, was ich meine).

Danke, dass du mir geholfen hast, authentischer zu werden. Danke für deine Fähigkeit, Menschen im richtigen Licht zu betrachten und danke, dass du jeden Tag für mich da bist und meinen Anker darstellst, bei dem ich mich für eine kleine Weile ausruhen darf.



Samstag, 17. Juni 2017

Yoga ist...

...nicht für die Fitten, die Gelenkigen, diejenigen, die mit sich selbst im Einklang sind, die mit den trendigen Klamotten, die in den Lifestyle-Yogastudios, diejenigen, denen wir hinterherschauen und denken: So bin ich nicht und das schaffe ich nie. Yoga ist für uns alle. Für die Dicken, die Dünnen, die Kranken, die Gesunden, für die Sportlichen und die Unsportlichen. Ich besuche seit anderthalb Jahren den fortlaufenden Kurs von Anjuly, ohne dass ich das Gefühl habe, es wiederhole sich etwas oder ich würde auf der Stelle treten und mich nicht weiterentwickeln. Es spielt keine Rolle, wieviele Anfänger den Kurs besuchen, wenn ich offen genug bin, Yoga immer wieder aufs Neue zu lernen. Jeder kann die Asanas auf seine Weise durchführen. Und ich bin niemals fortgeschritten genug, um mich auch nur eine Sekunde zu langweilen. Denn im Yoga geht es nicht um den ständigen Fortschritt. In jeder Wiederholung kann eine ganz neue Erkenntnis stecken, in jeder Bewegungsabfolge kann ich selbst mich beobachten und schauen, was passiert. 


 Yoga ist kein Wettkampf und wir müssen nicht gut darin sein. Wir müssen nichts erreichen und dürfen alles. Yoga ist viel mehr eine Einstellung als alles andere. Lasst los und euch darauf ein, denn es spricht unsere ureigenen Bedürfnisse an und harmonisiert uns. Wir müssen nicht erst fit werden, bevor wir loslegen oder abnehmen oder schicke Yogaklamotten kaufen. Wir brauchen noch nichtmal eine Matte. Wir brauchen nichts. Wir dürfen frei sein, im Garten, am Strand, beim Zähneputzen, im Bett, unter der Dusche. An der Supermarktkasse, mit Kind auf dem Arm, im Stau. Überall ist Yoga möglich. Was wir brauchen, ist eine Offenheit dem Neuen gegenüber. Wenn wir die mitbringen, offenbart sich ins uns selbst eine ganz neue Welt. Ich weiß noch, wie ich das erste Mal bei einer Vorbeuge mit der Nase meine Zehen berührt habe und festgestellt habe, dass ich niemals zuvor meinen Füßen so nah war und sie aus dieser Perspektive betrachtet habe. Es war ein grandioses Gefühl, meinen eigenen Körper auf eine ganz neue und andere Art wahrzunehmen. 

Anjuly sagt, dass wir nicht gelenkig sein müssen, um Yoga zu machen. Das wirkt oft so, wenn wir auf Instagram die beeindruckenden Posen unserer Vorbilder bewundern oder es uns schwerfällt, eine Haltung einzunehmen. Das Gegenteil ist der Fall. Unsere Gelenke wollen bewegt werden und bedanken sich für jeden Versuch, den wir in diese Richtung unternehmen. Und tatsächlich kann sogar ich behaupten, dass ich nach einem Jahr "gelenkiger" geworden bin und Dinge machen kann, die vorher undenkbar waren. Und trotzdem gilt für mich: Ich liebe Yoga, weil ich damit keine Medaillen gewinnen kann, weil es nicht nötig ist, gut darin zu sein. Weil gut und schlecht an sich überhaupt keine Kriterien im Yoga sind. Und allein das ist eine so große Entlastung im Vergleich zu der Welt da draußen, in der wir ständig Leistung bringen müssen, dass jeder von uns sich täglich seine Dosis davon verabreichen sollte. Es wird auf Dauer auch darauf abfärben, wie wir uns von den Dingen stressen lassen, die uns herausfordern. Und dann werden sie uns leichter fallen als je zuvor. Wenn wir es schaffen können, loszulassen, sind wir frei. Und das Gefühl ist unbeschreiblich.

Sonntag, 11. Juni 2017

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Von Konflikten und enttäuschten Erwartungen

In Konflikten mit anderen Menschen, die ab und an unausweichlich in unserem Leben eine Rolle spielen, sehen wir uns oft einer gewissen Ratlosigkeit ausgesetzt. Wie kommt man am besten da heraus? Wenn andere Personen involviert sind, ist es viel schwieriger, als wenn man sich "nur" mit sich selbst konfrontiert. Hinter die Stirn eines anderen kann man nicht schauen und man muss das interpretieren, was einem entgegengebracht wird. Wie schnell ist man verletzt, weil die Erwartungen, die man sich selbst vielleicht gar nicht so bewusst gemacht hat, enttäuscht wurden. Mein Vater sagt immer:  

"Wer Erwartungen hat, der wird im wahrsten Sinne des Wortes ent-täuscht werden." 

 

Es ist ein Leitsatz für mich geworden, an den ich mich immer wieder erinnere, wenn ich in schwierige zwischenmenschliche Situationen gerate. Ich bin gar nicht sicher, ob es sich in verbindlichen Beziehungen tatsächlich ohne jegliche Erwartungshaltung leben lässt. Vermutlich nicht. Und so ist regelmäßige Enttäuschung vorprogrammiert. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch und meine Gefühle dominieren mein Leben. Im Positiven wie im Negativen beeinflussen sie mich so stark, dass ich oft selbst sehr überwältigt davon bin, wie unfassbar mies ich mich fühlen kann oder wie extrem glücklich. Zum Glück hat meine Schwester mich oft daran erinnert, dass meine Wirklichkeit sich mit meinen Gefühlsschwankungen komplett ändern kann und darauf muss ich vertrauen, wenn ich mal wieder in ein tiefes Loch stürze. Denn dieses Loch fühlt sich dann so unausweichlich und katastrophal an, dass ich in diesem Moment nicht fühlen kann, wie glücklich ich im Allgemeinen mit meinem Leben doch bin. 

Wenn ich gerade in einer sensiblen Phase bin, pusten mich die kleinsten lieblosen Gesten völlig um. Umgekehrt kann ich ganz souverän damit umgehen, wenn ich mich gut fühle. 

 

Verletzungen

 

Ich habe mir die Frage gestellt, warum wir andere Menschen regelmäßig verletzen. Wir alle tun das, immer wieder. Und das, obwohl wir danach streben, gute Menschen zu sein und uns meistens selbst auch für solche halten. Und nicht immer fällt uns auf, dass wir nicht fair sind oder ein bisschen gemein - oder vielleicht sogar sehr gemein.

Wenn es mir passiert, dass jemand, den ich sehr gerne mag, mich verletzt (das funktioniert ja auch nur bei Menschen, die mir nahestehen und wichtig sind), bin ich meist ziemlich ratlos. Deswegen habe ich mich gefragt, was wohl dahinterstecken mag. Es ist ziemlich sicher, dass man das nicht herausbekommen kann, vor allem nicht, wenn die Situation konflikreich und kompliziert ist. Wir ticken alle anders, verarbeiten unsere Themen auf die unterschiedlichsten Arten. Wie sollen wir jemals erraten können, was genau den anderen jetzt dazu veranlasst hat, sich auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten? Oft interpretieren wir pure Börsartigkeit hinein: Jemand tut uns weh, weil er böse zu uns sein will. Und ich glaube inzwischen, dass das ganz falsch ist. Selbst wenn derjenige selbst es so artikuliert, steckt dahinter meist doch eine eigene Verletzung. Manchmal schafft man es gemeinsam, diesen Dingen auf den Grund zu gehen und dann kommt meistens dabei heraus, dass es genau darum geht.  

Interpretationen 

 

Ich bin ja selbst auch so eine Hobby-Psychologin, die sich gerne in andere Menschen hineindenkt und daran heruminterpretiert, wie sie sich verhalten. Mein Vater hat mir, als ich mich mal über jemanden ganz fürchterlich aufgeregt habe, gesagt, dass wir mit diesen Interpretationen in aller Regel total daneben liegen. Und wenn wir nicht komplett falsch liegen, dann treffen wir den Kern des Ganzen doch so gut wie nie. Egal, für wie genial wir uns halten. Ich habe gegen diesen Gedanken ganz lange rebelliert und wollte weiter denken können, dass Menschen absichtlich böse zu mir sind, aber ich bin immer wieder dahin zurückgekehrt und heute hilft es mir, wenn ich in einen Konflikt gerate. Es ist so abgedroschen und doch so richtig, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat, ohne Ausnahme. Und jeder geht damit so unterschiedlich um, dass es unmöglich ist, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Was wir aber tun können - und das liegt auch sehr nahe, wenn man sich ein bisschen damit beschäftigt - ist: Wir können davon ausgehen, dass das Gegenüber nicht die Absicht hatte, uns fertigzumachen. Wir können einfach annehmen, dass derjenige nicht wusste, was er anrichtet. Dass niemand eigentlich in seinem tiefsten Innern böse ist. Ich bin davon überzeugt, dass das wahr ist. Aber selbst wenn nicht: Hilft uns dieses Denken nicht trotzdem, mit einer Verletzung fertig zu werden? Selbst wenn derjenige die schwärzeste aller Seelen hätte und nur um sich schlagen würde, könnte er uns nicht allzu viel anhaben, wenn wir davon ausgingen, dass er im Grunde seines Herzens gut ist. 

Augen auf!

 

Zu dieser Haltung gehört eine gewisse Portion Reflektion und die bringen wir nicht immer auf, wenn wir impulsiv auf etwas reagieren. Und in meinem Fall umnebeln meine Emotionen das Ganze noch zusätzlich. Also muss ich warten, bis der Staub sich gelegt hat und ich wieder etwas klarer sehen kann. Dann bin ich auch wieder in der Lage, mir klarzumachen, dass meine Erwartungen enttäuscht wurden. Und dass ich nur die Augen aufmachen und hinsehen muss, um zu sehen, wieviel Gutes da ist. Was ich erwarte und was tatsächlich da ist, ist meist nicht das Gleiche. Aber das bedeutet nicht, dass da nichts ist. Ich muss nur meine Scheuklappen abnehmen und alles sehen.

Ich will damit nicht sagen, dass man nicht traurig oder verletzt sein darf, wenn jemand einen angeht. Das ist die natürlichste Reaktion auf der Welt und die sollte man nicht nur empfinden dürfen, sondern auch zeigen und seine Verletzung artikulieren. Allein daran hapert es ja schon allzu oft. Wer redet gerne über sowas? Das tut immer weh und ist immer schwierig. Aber wie grauenvoll ist es, wenn wir solchen Frust in uns hineinfressen? 

Zurück zu mir

 

Ich kann nicht beeinflussen, wie andere Menschen sich verhalten. Ich kann lediglich üben, damit umzugehen. Ich kann mir Gedanken über die Intention des anderen machen und davon ausgehen, dass es ihm nicht darum ging, mich zu ärgern. Vielleicht vordergründig, aber es steckt doch immer etwas anderes dahinter. Und wenn man dann das große Ganze betrachtet, findet man bei sich selbst oft genug Anhaltspunkte dafür, dass man selbst auch ein paar kleine Pfeile abgeschossen hat. Vielleicht ganz unbewusst, vielleicht unterschwellig, vielleicht, um den anderen zu bewegen, auf eine bestimmte Art zu reagieren. Das ist übrigens ein recht hoffnungsloses Unterfangen und ich bin ganz überzeugt, dass es nicht funktioniert. Trotzdem tun wir all das natürlich immer wieder.

Vielleicht, wenn man sich in dieser Haltung übt und Menschen damit begegnet, vielleicht ist es dann möglich, mit jedem Menschen eine gute Beziehung einzugehen? Ist die Ablehnung von Eigenschaften anderer Menschen nicht eigentlich immer eine Antwort auf etwas, was wir selbst in uns tragen? Und dann ist es doch unsere Aufgabe, uns mit dem zu befassen, was da in uns selbst ist und wo wir noch nicht ganz im Reinen sind.

Es ist eine schmerzvolle Lehre für mich, aber auch eine sehr heilsame, dass ich mich bei jedem Konflikt immer auf mich selbst und meinen Beitrag dazu besinnen muss. All das führt mich immer wieder zu mir selbst zurück und zeigt einmal mehr, dass die Beziehung zu mir selbst die wichtigste ist. Wenn ich die einigermaßen auf die Reihe bekomme, ist es mit meinen Mitmenschen sehr viel leichter. 

Ich danke meinem Vater, dass er mir geholfen hat, die Menschen in diesem positiven Licht zu sehen!