Samstag, 20. Juli 2019

Körperakzeptanz nach der Schwangerschaft

Vielleicht ist das Thema inzwischen langweilig geworden... mir zumindest geht es oft so, dass ich nicht glauben kann, dass ich mich damit immernoch befasse. Nach der Schwangerschaft gab es immer wieder Schockmomente, in denen ich nicht glauben konnte, was ich im Spiegel sah. Und das Verrückte daran: Gäbe es diese Spiegel gar nicht, würde ich mich nicht messen und vergleichen und immer wieder versuchen, in meine alten Klamotten reinzupassen, ich würde mich großartig fühlen. "Eigentlich" fühle ich mich großartig. Mein Körper hat zu seiner Kraft und seinem Wohlbefinden zurückgefunden. Ich fühle mich derartig viel besser als in der Schwangerschaft, dass ich jeden Tag froh und erleichtert darüber bin. Aber da sind diese Fotos... von früher. Auf denen war ich dünner und viel jünger und ja, es ist mir sehr bewusst, dass ich den Zenit meiner Schönheit auf jeden Fall überschritten habe. Und manchmal schleicht sich da auch wieder der Gedanke an den Tod ein und daran, dass ich mich kontinuierlich darauf zubewege. Und immer mehr spüre ich, wie fundamental wichtig es für mich ist, mich von diesen Äußerlichkeiten zu lösen, wirklich zu lösen und sie einfach zu vergessen. Denn dann geht es mir gut. Aber das ist leichter gesagt als getan und es gibt Tage, an denen fühle ich mich einfach nur beschämt und weiß nicht, was ich anziehen soll. Ich selbst finde dieses Problem so lächerlich, dass ich es am liebsten ignorieren würde. Stattdessen warte ich ab und versuche, mich nicht fertigzumachen.


Was ich jetzt viel besser kann als früher: Mir nicht mehr die Schuld geben und mich für mein Aussehen zu hassen. Ich steigere mich nicht mehr rein, atme lieber mal tief durch und sage mir, dass vieles einfach auch mehr Zeit braucht. Zwei Monate nach einer Geburt muss ich noch gar nichts. Und eigentlich muss ich sowieso gar nichts. Ich stehe trotzdem aus freien Stücken jeden Morgen hochmotiviert auf und rolle meine Matte aus, so oft es geht. Ich spüre, wie meine Kraft zurückkommt und wie sehr ich es liebe. Ich höre meine innere Stimme laut und deutlich - manchmal ignoriere ich sie, manchmal nicht. Um es mir leichter zu machen, habe ich mir einen Haufen neuer Klamotten gekauft, in die ich reinpasse und ich verbiete es mir selbst, abfällige Kommentare zu meinem Körper zu machen. 

Wie ich mich fühle, hat immer ganz viel mit meinem inneren Zustand zu tun. Wenn ich mich motiviert und fit fühle, gibt es für mich kein Halten und heute bin ich ganz bewusst in einer sehr kurzen Hose zum Einkaufen gegangen. Weil ich inzwischen überzeugt davon bin, dass wir alle das dürfen und sollen. Die Gedanken der anderen, die mich sehen, kann ich nicht lesen und wenn ich mir darüber gar keinen Kopf mache, sondern stattdessen einfach einen schönen Spaziergang draußen an der frischen Luft genieße, ist so viel gewonnen.

Diese Dinge wurden sicherlich schon tausendmal gesagt, von mir und so vielen anderen. Aber vielleicht ist es gut, sich an dieser Stelle immer und immer wieder zu wiederholen, solange wir uns doch ab und zu noch unsicher fühlen in diesem Thema. Selbstakzeptanz ist kein Dauerzustand, der, einmal erreicht, für immer da ist. Wir brauchen viel Liebe, Aufmerksamkeit, das passende Umfeld und den dauerhaft richtigen Umgang mit uns selbst. Wir brauchen die Akzeptanz und das Hinnehmen von beschissenen Tagen, an denen wir in unser Schneckenhaus zurückkriechen und abwarten, bis der Sturm da draußen vorüber ist. Auch wenn es sich in einem akuten Moment absolut nicht so anfühlt: Es geht immer wieder vorbei und wir sind nicht dauerhaft beherrscht von diesen fiesen Gefühlen und Gedanken. 

Ich habe so viel gelernt in den letzten Jahren und spüre jetzt, wie gut das ist. Ich bin befreit vom Diätenwahn und auch wenn mich hin und wieder die Ungeduld packt und ich gerne auf einen Knopf drücken und für immer von meinen Figur-Problemen befreit sein würde, so kehre ich inzwischen doch an einen Ort zurück, an dem ich mich sicher fühle. An diesem Ort gibt es keine Verbote, keine Waagen, keine Diäten und kein richtig und falsch. Da hängt der Wert einer Person nicht von ihrem Äußeren ab, weder von der Figur noch vom Alter oder sonstwas.

Hier sitze ich also mit meiner Post-Partum-Plautze und spüre deutlich, dass ich nicht dem Trugschluss aufsitzen sollte, dass ich ohne sie viel besser dran wäre. Wieviel Leben verpasse ich denn, wenn ich darauf warte, dass es endlich besser wird? Und selbst wenn ich sie eines Tages los sein sollte, was kann ich ohne sie mehr genießen und erleben? Wie lange habe ich mir eingeredet, dass bestimmte schöne Dinge des Lebens den Schlanken und Schönen vorbehalten sind. Und jetzt merke ich, dass das kompletter Schwachsinn ist. Aber es ist ein ziemlicher Schritt, die kurzen Hosen anzuziehen und sich den Blicken auszusetzen und dieses tief verankerte Tabu zu brechen. Es ist ein bisschen so wie ungeschminkt vor die Tür gehen für jemanden, der das jahrelang nicht gemacht hat.

In den Momenten, in denen ich kapiere, wie frei ich eigentlich bin und wieviele Möglichkeiten ich habe, fühle ich mich so großartig! Ich muss überhaupt nichts erreichen, bevor ich mein Leben genießen kann. Ich kann auf der Stelle damit anfangen. Und wenn dieser ganze Gedanken-Ballast von mir abfällt, fühlt sich das einfach nur himmlisch an. 

Es ist wie in der Meditation, in der ich ganz bewusst meine Gedanken ziehen lassen kann und ganz im Moment entspannen darf. Da stört mich dann nichts mehr und ich bin von jetzt auf gleich völlig frei. 

Und wenn ich dann meine Tochter ansehe und merke, dass ich ihr absoluter Fixstern bin und diese Art von Dingen für sie einfach mal vollkommen unwichtig sind, dann weiß ich: Es hat sich so gelohnt und ich nehme jede Konsequenz dafür in Kauf! Die materiellen Einschränkungen, die so eine Elternzeit nunmal für mich mit sich bringt, der ausgeleierte und aus der Form geratene Körper, die Distanz zu vielen lieben Menschen, die ich gerne öfter sehen würde, der immer wieder auftretende Hüttenkoller, der Leerlauf, die Langeweile, die Antriebslosigkeit, die Hormon- und Stimmungsschwankungen - alles. Am Ende jeden Tages bin ich erfüllt von Dankbarkeit für meine wunderschöne, nervtötende Familie, die wichtiger für mich ist, als alles andere.

Dienstag, 14. Mai 2019

Anatomie und Spiritualität im Yoga – eine Diskussion

Wieviel Spiritualität verträgt eine Yogalehrer-Ausbildung? Und kommen andere grundlegende Aspekte wie die Anatomie dadurch zu kurz?


Viele Menschen kommen über körperliche Beschwerden zum Yoga. Sie haben Rückenschmerzen, Haltungsschäden, Kopfschmerzen, verspannte Nacken… und sind auf der Suche nach einer Bewegungsform, die ihnen guttut. Das Om-Singen am Anfang und Ende der Stunde, die Entspannungsphasen… ok, daran muss man sich gewöhnen. Oder man lässt sie einfach weg. Man kann ja vorher auch rausgehen… oder stattdessen ein bisschen schlafen.

„Am Anfang scheint Yoga sehr körperlich“ hat mir mal jemand gesagt.

Die meisten unter uns allerdings, die dabei bleiben, würde ich behaupten, lernen mit der Zeit genau diese Dinge zu schätzen: Die Atemübungen, das Meditieren, das Entspannen, das Chanten. Genau das sind dann die Dinge, die uns motivieren, zum Yoga zu gehen. Warum? Was gibt uns das?


Es ist offensichtlich, dass Yoga viel für unseren Körper tun kann. Wenn wir regelmäßig praktizieren, können wir uns körperlich vollständig fit halten, gesundheitlichen Problemen vorbeugen und sie sogar beseitigen. Aber das gilt eigentlich für jede Art von sportlicher Bewegung, die einigermaßen ausgeglichen praktiziert wird.

Was also macht die Faszination für Yoga aus? Und kann man dieses Konzept beschneiden, es runterbrechen auf gymnastische Übungen, sauberes Alignment und die korrekte Atemtechnik? Ist es möglich, sich nicht mit den Ursprüngen dieser jahrtausendealten Lehre zu beschäftigen und das Konzept dennoch zu verstehen? Und ist es sinnvoll, das so zu machen? Sich zu nehmen, was man zu brauchen glaubt und den Rest zu vernachlässigen?

Was macht einen guten Yogalehrer aus? Etwa, dass er alle Asanas, deren anatomische Vor- und Nachteile, die Risiken, Varianten etc. kennt, sie perfekt in Sequenzen kombinieren kann und damit ein gutes Workout kreiert? Habt ihr euch mal gefragt, warum ihr zu euren Lieblingsyogalehrern geht und was euch davon abhält, andere Kurse zu besuchen, die euch nicht so ansprechen? Was ist es, was guten Unterricht ausmacht?

Vor Kurzem bin ich über eine Diskussion bei Facebook gestolpert (die inzwischen gelöscht wurde, sonst hätte ich sie verlinkt), in der die Frage aufgeworfen wurde, warum in den Yogalehrer-Ausbildungen in Deutschland so viel Wert auf die Vermittlung der hinduistischen Mythologie gelegt werde und dafür das Thema Anatomie viel zu kurz komme. Alle schienen darin überein zu stimmen, dass das Wichtigste im Yoga, wie es heutzutage in westlichen Ländern gelehrt wird, doch die korrekte Ausführung der Asanas sei und es ja schließlich auch durch westliche Einflüsse wie Gymnastik etc. weiterentwickelt worden sei. Entsprechend müsse ein Yogalehrer in seiner Ausbildung hauptsächlich anatomisches Wissen erlangen und seine Zeit nicht mit dem unnötigen Pauken von jahrtausendealten, realitätsfernen und zudem noch religiösen Mythen vertrödeln (denn was bitte hätte denn Religion mit Yoga zu tun?). 


Ich fragte mich, ob ich die einzige bin, die das anders sieht. Die ganze Diskussion darüber, wie bedeutend anatomische versus sprituelle Aspekte im Yoga sind, ist für mich völlig hinfällig. Denn auch Anatomie ist spirituell und Spiritualität hat einen direkten Einfluss auf unsere Anatomie. Gehen wir wirklich zu einem Yogalehrer, weil er uns korrekt ausrichtet? Ist das das einzige, was uns interessiert? Oder könnten wir dann nicht eher zu einem Physiotherapeuten oder Chiropraktiker, zu einem Sportmediziner oder Personal Trainer gehen? Warum gehen wir also zum Yoga?

Meine Antwort ist diese: Ein Lehrer lebt durch seine Persönlichkeit, durch seine ganz individuelle Schwerpunktsetzung und durch dieses gewisse Etwas, was er seinen Schülern weitergibt, das nur er hat. Eine Ausbildung kann Grundlagen schaffen und jeder, der sich mit der Frage beschäftigt, ob er Yoga unterrichten möchte, sollte sich eine Ausbildung aussuchen, die zu den eigenen persönlichen Ansätzen am besten passt. In 200 Stunden ist es absolut unmöglich, alles über Yoga zu vermitteln, was wichtig ist. Wir können in das Thema Anatomie einsteigen und die grundlegenden Dinge darüber lernen, sodass wir uns sicher fühlen und wissen, dass wir keine Fehler machen. Wenn das Thema Anatomie später dann zu etwas wird, was einen wirklich fasziniert, hat man unendliche Möglichkeiten, sich auf diesem Gebiet weiterzuentwickeln. Und dasselbe gilt für andere Aspekte des Yoga, für Chakrenarbeit, für Meditation, für Pranayama, für die Yogaphilosophie usw. 

In meiner Ausbildung habe ich gelernt, dass jede Stunde einen Bezug zu den spirituellen Ursprüngen des Yoga haben sollte und ich habe erlebt, dass es das Ganze für meine Schüler erst rund macht. Sie kommen zum Yoga, um sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und einen Ort zu finden, an dem sie sich mit ihrer Spiritualität verbinden können. Die körperliche Praxis hilft ihnen dabei. Aber das, was sie entspannt und gelassen, vielleicht glücklich, vielleicht sogar in dem Moment erleuchtet, nachhause gehen lässt, ist niemals nur der Effekt körperlicher Praxis.


Daher finde ich, sollte es keine Diskussion darüber geben, warum den spirituellen Inhalten so viel Raum in den Ausbildungen gegeben wird. Es handelt sich dabei für mich um Grundlagenwissen, das wir am besten durch eigenes Erleben verinnerlichen. Erst durch das plastische Vermitteln von Yoga-Philosophie wird eine Ausbildung zu dem, was sie ist: einer ganz unmittelbaren Erfahrung dessen, was sich auf Körper und Geist positiv auswirkt. Die Ausbildung sehe ich als eine intensive Reise zu sich selbst. Und durch das Erkennen des eigenen Selbst kommt automatisch auch die Fähigkeit, dieses Erleben weiterzugeben. 

Wenn es beim Yoga um Ganzheitlichkeit geht – und ich denke, darin stimmen wir alle überein – dann ist doch eine Diskussion über Anatomie versus Spiritualität gar nicht notwendig. Ein simples Beispiel ist die Synchronität des Chakra-Systems und der physischen Körpersysteme. Wenn wir uns wirklich in der Tiefe mit Anatomie beschäftigen, kommen wir schnell an den Punkt, an dem uns bewusst wird, wie verflochten Körper und Geist miteinander sind. Wir wissen heutzutage, dass unser Geist messbare Impulse an den Körper abgibt und damit ganz massiv körperliche Prozesse beeinflusst. Wir kennen die Zusammenhänge der Darm-Hirn-Achse, zwischen Depressionen und einer geschädigten Darmflora, zwischen Entspannungstechniken und ausbalancierten Hormonsystemen. Wir haben erkannt, dass körperliche Symptome in den allermeisten Fällen (d.h., wenn sie nicht durch ein physisches Trauma ausgelöst wurden) eine seelische Ursache haben und umgekehrt.

Anatomie ist wahnsinnig faszinierend und kann ein Schlüssel für den Zugang zu sich selbst sein. Sie ist unwidersprochen ein maßgeblicher Bestandteil der Yogalehre. Und sicher ist es nicht gut, wenn es Lehrer gibt, die zu wenig darüber wissen und dadurch möglicherweise Schaden anrichten. Für mich entsteht allerdings auch ein großer Schaden, wenn Schülern ein eher körperlich geprägtes Bild von Yoga vermittelt wird und der spirituelle Teil als unwichtiger Schnickschnack abgetan wird. Denn genau darin liegt das große und heilsame Potential von Yoga. Meine ganz persönliche Erfahrung bestätigt das und auch als selbst praktizierende Yogalehrerin überrascht es mich immer wieder, wie groß der Bedarf an Auseinandersetzung mit Spiritualität tatsächlich ist.

Meine Antwort auf die eingangs gestellte Frage ist also: Die Leute kommen zum Yoga weil sie gerade in der Spiritualität etwas finden, was ihnen woanders nicht angeboten wird. Und auch wenn sie es anfangs noch gar nicht wissen, sich auf ihrer Suche noch unklar fühlen, spirituelle Themen vielleicht sogar ablehnen, weil sie ihnen zu unwissenschaftlich und unplausibel erscheinen, so erfahren sie eben doch ganz unmittelbar, wie man sich nach einer guten Yogastunde fühlen kann.



Yoga bedeutet Einheit. Einheit von Körper und Geist. Abwesenheit von Urteilen und Kategorien wie gut und schlecht. Überlassen wir es doch jedem Yogi selbst, auf welche Weise er praktizieren möchte, welche Schwerpunkte er dabei setzen möchte und welchen Weg er beschreitet. Es erstaunt mich wirklich, dass in der Welt des Yoga eine Diskussion darüber aufkommen kann, was besser oder schlechter ist. Uns muss nicht alles gefallen, aber wir müssen auch nicht alles immer und ständig bewerten, uns eine Meinung dazu bilden und uns darüber erheben. Was nützt uns das Schimpfen über schlechte Ausbildungen? Vertrauen wir lieber darauf, dass jemand, der auf der Suche nach etwas für ihn Geeignetem ist, genau das findet, was er sucht. Und dass, falls er es nicht findet, seine Suche weitergeht. Denn niemand von uns lernt jemals aus und Voraussetzung dafür, ein guter Yogalehrer zu sein ist es immer auch, ein guter und aufmerksamer, kritischer und dennoch nicht urteilender Schüler zu sein. 

In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass wir immer neugierig bleiben und Yoga als eine jahrtausendealte Lehre mit vielfältigen Facetten und Aspekten respektieren und in diesem weiten Feld unseren eigenen, ganz persönlichen und individuellen Weg finden. Namasté.