Montag, 11. Februar 2019

6 Erkenntnisse aus den Erfahrungen des letzten Jahres

Ich sitze im neuen Kinderzimmer meines ungeborenen Babys. Im Sessel, mit Laptop auf den Knien um 8:00 Uhr morgens. Die Voraussetzungen für einen gelungenen Tag sind ebenso mäßig oder verheißungsvoll, wie sie es jeden Morgen sind. Aber in mir drin, da sind einige wunderbare Erkenntnisse herangereift, die mir Kraft geben und Zuversicht. 

Meine aktuelle Krise hat mir so vieles gezeigt und nicht zuletzt, dass sich mein Leben sehr wohl im letzten Jahr zum Guten verändert hat.

Erkenntnis Nr. 1: Die Veränderung ist schon eingetreten.

Immer und immer wieder bin ich an dem Glaubenssatz verzweifelt, dass ich nichts ändern kann. Dass sich das Rad des Schicksals so dreht, wie es das nunmal tut und dass es mich gefangen hält in einem Leben, in dem ich immer mit bestimmten Schwierigkeiten zu kämpfen habe. Rückblickend ist das gar nicht so. Es gibt neue Muster, neue Mechanismen, neue Werkzeuge, die ich angewendet habe und die langsam aber sicher ihre Wirkung entfalten. 

Erkenntnis Nr. 2: Warte nicht auf die Erlösung. 

Der ganze Komplex Essen und Gesundheit erfährt eine Wendung, weil ich verstanden habe, dass ich nicht länger auf das Eintreten dieser Gesundheit warten muss. Und dass das auch gar keinen Sinn macht. Ich nehme die Symptome an, wie sie kommen, interpretiere sie nicht, verurteile mich nicht dafür. Bei Bauchschmerzen zu meditieren, hilft enorm. Und nicht ständig nach Gründen dafür suchen zu müssen, noch viel mehr. 

Erkenntnis Nr. 3: Widerstand zwecklos

Sobald ich versuche, jemand anderem die Schuld für irgendwas zu geben, beginnt mein Leid. Sobald ich mich auf einen inneren Dialog über die Unzulänglichkeiten meiner Mitmenschen einlasse, bin ich auf verlorenem Posten. Und das ist, was gerade passiert: Ich merke, welche Gedanken mich gerade verrückt machen und halte ein.

Ich frage mich derzeit oft, wieviel Chemie in meinem Kopf Einfluss auf meine Stimmung hat und wieviel der Einfluss meiner Einstellung ausmacht. Kann am Ende die Einstellung die Chemie beeinflussen? Höchstwahrscheinlich schon. Wenn ich beobachte, wie mein Bauch entkrampft, wenn ich tief und bewusst atme oder wie meine Stimmung sich automatisch aufhellt, wenn ich mich bewege, habe ich die Antwort eigentlich schon bekommen.


Meine Erschöpfung war riesig und ich habe wieder lange gebraucht, um aus dem Tal rauszukommen. Was mir die Sache aber dieses Mal erleichtert hat, war, dass ich mich dabei beobachtet habe. Ich habe genau gemerkt, wie wenig mir das Versacken vor dem Fernseher hilft und wie sehr es mich langweilt. Ich habe genau gemerkt, dass ich mich selbst mit meinen Erwartungen unter Druck setze. Da war diese Idee von Ritualen, die mir helfen sollen, meinen Tag zu strukturieren und mir Sicherheit geben sollen. Aber was nützen sie, wenn ich sie verbinde mit einer Erwartungshaltung, die Druck ausübt?

Und genau da bewege ich mich auf einem schmalen Grat zwischen Überwindung und Entspannung. Es ist ein Ping-Pong zwischen beiden, die ganze Zeit. Ein Ausloten von Grenzen. Wie nützlich ist die Komfortzone und ab welchem Punkt fängt sie an, mir zu schaden? Und genauso das Grenzen Überwinden: Wie wichtig und hilfreich ist es, dass ich meinen Arsch hochkriege und einfach mal mache? Für jemanden, der depressiv ist, ist es entscheidend, um den Kreislauf zu durchbrechen. 

Gestern beim Yoga ist mir ganz deutlich vor Augen getreten, dass ich jegliche Erwartungshaltung von meinem Trieb, mich zu bewegen, abkoppeln sollte. Noch immer sagt meine innere Stimme zu mir: „Das reicht noch nicht, du hast noch nicht genug gearbeitet, du musst noch einen Gang höher schalten…“ Noch immer lauert in mir drin ein kleiner gemeiner Teil, der von mir verlangt, dass ich Sport mache. Stattdessen brauche ich jetzt: Bewegung um der Bewegung willen, weil sie sich gut anfühlt und nicht, weil sie verhindert, dass ich dick werde. Essen um des Essens willen, weil es köstlich ist und weil ich Hunger habe und nicht, weil Essen Auswirkungen auf mein äußeres Erscheinungsbild hat. Und das ist in beide Richtungen gemeint: Essen um des Essens willen und nicht, um mit gesundem Essen zu mehr Schönheit zu gelangen. Sondern zu mehr Wohlbefinden. Und dieses Wohlbefinden liegt jenseits von Schönheit, von Gewicht.

Alle diese Gedanken über Schönheit mache ich mir, so glaube ich, weil ich wie alle anderen Menschen auf der ständigen Suche nach Anerkennung bin. Wir alle haben gelernt, dass wir sie gratis bekommen, wenn wir schön sind und uns nur dann etwas anderes einfallen lassen müssen, wenn die Schönheit uns verlässt. Wie oft werden kluge Ratschläge erteilt, dass wir uns unabhängig vom Urteil anderer machen sollen, aber mal ganz ehrlich: Was wären wir ohne die anderen? Dauernd und immer werde ich aufgefordert, mich lediglich mit Menschen zu umgeben, die mich bereichern und unterstützen. Und selbstverständlich sind diese Menschen wichtig. Aber wie gehe ich mit den Energiefressern um, mit den Nervensägen, den Jammerern, mit diesen allgegenwärtigen Störfaktoren? Ist es richtig und hilfreich, Menschen in diese Kategorien einzuteilen? Was sagt das über mich selbst aus? Soll ich mein Umfeld wirklich säubern und alles, was mir fremd ist oder mich abstößt, weit von mir weisen? Oder lohnt es sich vielleicht viel mehr, mal genauer hinzusehen und sich zu fragen, was genau mich da triggert, was mich stört, aufregt, wütend macht? Denn das hat immer viel mehr mit einem selbst zu tun, als man sich zunächst eingesteht.

Und meine Erkenntnis Nr. 4, die wichtigste von allen, ist: Such die Antworten bei dir und nicht bei den anderen und du wirst von deinem Leid befreit. 

Geh dem Schmerz, den das verursacht, nicht impulsiv aus dem Weg, wie du es immer getan hast, sondern bleib da und sieh hin. 

Was zählt dann das Urteil eines anderen Menschen? Es ist ein Urteil. Das mag uns verletzen – und es wäre womöglich unmenschlich, wenn es das nicht täte – aber wir können erkennen, dass Urteile die Sicht auf die Dinge begrenzen und damit die Möglichkeiten, die der andere hat. Wenn wir wissen, wer wir sind, können wir mit den Urteilen der anderen besser umgehen. Wenn unser Selbstbewusstsein nicht auf dem fußt, was wir darstellen, wie wir aussehen, welchen Job wir haben und wie gut wir ihn machen und wenn wir ganz loslassen können von unserer eigenen Erwartungshaltung unserem Ego gegenüber, werden wir frei. Und genau das ist oft für die anderen ganz schwer zu ertragen. Sie verlieren ihre Macht über uns. Manche sehen sich gezwungen, sich über ihre eigenen Themen Gedanken zu machen und unbequemen Tatsachen ins Auge zu blicken. Weil wir selbst für das alte Drama nicht mehr zur Verfügung stehen. 

Was mir übrigens auch ganz oft begegnet, ist Mitleid. Wenn ich öffentlich mache, wie ich mich fühle, welche Zweifel ich habe, wie unsicher ich bin, stürzt jedes Mal eine Welle aus „Mitgefühl“ und trostspendenden Worten auf mich ein. Wenn ich ehrlich sein soll – auch wenn ich das ganz rührend und lieb finde – fühle ich mich dennoch missverstanden. Der Grund, warum ich diese Gedanken und diese Unsicherheiten teile ist, dass ich meine Erfahrungen weitergeben möchte, um zum Nachdenken anzuregen und vielleicht Impulse für das eigene Leben zu erhalten. Ich möchte gerade nicht deprimiert im Selbstmitleid baden und Applaus dafür erhalten. Ich möchte erforschen, was genau da passiert und ich möchte es teilen, damit diejenigen von uns, die sich mit meinen Themen identifizieren können, sich nicht allein fühlen. Manchmal denke ich, ich schreibe für mein pubertierendes Ich, das sich so oft ganz allein auf dieser Welt gefühlt hat und vollkommen unverstanden. Wie gut hätte es getan, da von jemandem zu hören, der ähnliche Gedanken hat und aus diesem Leid heraus seine persönliche Entwicklung vorantreibt. 

Ja, es lesen sicherlich Leute aus meinem Umfeld mit voyeuristischen Absichten mit, die es vielleicht beruhigt und tröstet, dass Menschen, die von außen oft stark erscheinen, sich eine Blöße geben, aber das ist völlig ok. Das ist der Preis und das halte ich aus. Es wird immer Menschen geben, die mich beurteilen, die sich vergleichen, die vielleicht schadenfroh sind. Wenn ich mich klein und lächerlich fühle, möchte ich ihnen aus dem Weg gehen. Wenn ich mich klein und lächerlich fühle, möchte ich meinen Instagram-Account löschen, weil er mir völlig banal und unbedeutend erscheint. Weil ich dann alles in Frage stelle und mich in Grund und Boden schäme. 

Rückblickend waren es genau die mutigen Momente, die die Veränderung bewirkt haben. Hätte ich vor fünf Jahren geglaubt, dass ich wirklich mal öffentlich über meine seelischen Zustände schreibe? Dass ich mal Yogalehrerin werde? Dass ich meine Ess-Störung besiegen kann? Dass ich monatelang ungeschminkt durch das Leben laufe und mich dabei völlig frei fühle? Hätte ich geglaubt, dass ich es akzeptieren kann, dass mich die Leistungsgesellschaft fertig macht, mir meine Kreativität, meine Kraft, mein Potential raubt? Und dass es jenseits davon für mich einen Weg gibt, der viel besser ist, bei dem ich mich nicht messen lassen muss? Bei dem Fülle und Wohlstand mehr sind als ein gut gefülltes Konto? Und das macht mir Mut, dass alles, was ich anpacke und das mich in einen Flow versetzt, etwas Gutes werden kann. Etwas Neues, etwas Schönes, etwas Erlösendes. Etwas von Dauer und Bedeutung. 


Meine Kräfte sind begrenzt und das muss ich akzeptieren. Ich bin hochschwanger und natürlich ängstigt mich manchmal das, was da noch kommen wird. Ich muss einstehen für mich selbst und das, was ich brauche. Ich muss gerade nicht beweisen, wie leistungsfähig ich noch bin. Ich erkenne an, dass meine Heilung in der Ruhe liegt, im Nichtstun, in der Meditation, im Schlaf. Darin, dass ich mich nicht mit immer neuen Erwartungen überfrachte, sondern ganz dem Moment hingebe. Sie liegt darin, dass ich mich löse von meinem Job und den Ansprüchen, die ich an mich selbst gestellt habe. Sie liegt in meiner Rolle als Mutter, die mich in letzter Zeit immer mehr erfüllt und die ich jetzt ganz annehmen kann. Wie viel wichtiger ist es mir, für meine Kinder da zu sein, als erfolgreich in irgendeinem Beruf. Das Wort Beruf klingt in meinen Ohren gerade wie ein Fremdwort. Ich möchte jetzt einfach ich selbst sein und keine dieser Rollen ausfüllen müssen. Und zu meinem Selbst gehört es auch, Mutter zu sein. 

Ich bin müde. Und das ist ok. Es bedeutet, dass ich gerade nicht alles machen kann, was früher immer ging. Vielleicht wird das nie mehr gehen, weil es früher immer schon zu viel war. Aber ich bin ganz sicher, dass ich zu meiner Kraft zurückfinde. Für den Moment muss ich sie gut einteilen und es einfach hinnehmen. Widerstand zwecklos. Das Gedankenkarussell fährt ohne mich ab – es spielt keine Rolle, was ich früher immer darüber gedacht habe. Es spielt gerade auch keine Rolle, was da alles noch kommt. 

Erkenntnis Nr. 5: Der Prozess hört niemals auf. 

Selbst wenn ich mich in der Vergangenheit schon vollkommen erleuchtet gefühlt habe und genau wusste, was mir hilft, mit mir im Reinen und glücklich zu sein, bedeutet das für den Augenblick nicht, dass ich mich nicht hundeelend fühlen kann. Man kann sich auf Erfahrungen nicht ausruhen. Was ich früher erreicht habe, muss ich nicht zwangsläufig wieder erreichen und es bleibt keinesfalls bestehen. Das Leben ist im ständigen Fluss und nimmt immer wieder ungewohnte Wendungen. Alles andere ist Illusion. Wir wissen nicht, was kommt. Jeder Moment fordert uns heraus, immer wieder neu. Meine Weisheit von gestern ist keine Garantie für mein Glück morgen. 

Das einzige, was hier wirklich funktioniert ist, immer wieder, beständig, beharrlich, in den Augenblick zurückzukehren. Aufzuwachen, während man gerade eine Orange schält und sich dabei ertappt, ungeduldig zu werden, weil man daran denkt, was noch alles erledigt werden muss. Die Orange schälen, als gäbe es nichts anderes auf der Welt. Schmerzen wahrnehmen, sich auf sie einlassen, ihnen nicht ausweichen – und beobachten, was passiert. Das Unerträgliche wird erträglich. Dem Gegenüber zuhören, dich fokussieren, obwohl du eigentlich gerade selbst etwas sagen wolltest. Eine schlaflose Nacht nutzen, um ganz bei dir zu sein, Zeit mit dir selbst zu verbringen. 

Erkenntnis Nr. 6: Füttere dein Hirn mit nützlichem Input und es ist weniger Platz für destruktiven Schrott. 

Es ist unwahrscheinlich verführerisch, sich bequem in die alten Muster fallen zu lassen. Und manchmal, in Situationen der Überforderung, ist es sogar hilfreich, jedenfalls die einzige Möglichkeit. Sich blind und taub stellen, sich als Opfer fühlen, sich suhlen im Leid. Es muss uns aber bewusst sein, dass wir dadurch das Leid vergrößern. 

Und wenn wir uns ein Herz fassen, ein richtig gutes Buch lesen, einen inspirierenden Podcast anhören, eine geführte Meditation machen, anstatt durch den Instagram-Feed zu scrollen, hebt sich unser Bewusstsein auf eine höhere Ebene und wir kommen in den Flow. Desto mehr wir uns mit diesen Inhalten beschäftigen, desto tiefer graben sie sich in unser Bewusstsein ein, formen unsere Gedanken und nehmen Einfluss auf unsere Stimmung. Wir können steuern, womit wir uns in unseren Gedanken auseinandersetzen. Und am besten ist es, wenn wir uns gerade so gar nicht danach fühlen. 


Bei mir ist es oft so, dass ich mich so fühle, als wäre ich gerade in einem minderwertigen Zustand, in dem ich nicht offen genug, nicht wach genug für gute Inhalte bin. Das macht aber nichts. Denn neben unserem wachen Bewusstsein gibt es ja auch noch unser Unterbewusstsein. Es ist sogar gut, wenn wir uns kurz vor dem Einschlafen mit diesen Themen beschäftigen, weil wir sie dann mitnehmen können in die Welt des Schlafes und sie dort ihre Wirkung nochmal ganz anders entfalten können. Ich habe schon oft die Erfahrung gemacht, dass ich bei einer tranceähnlichen geführten Meditation eingeschlafen bin und danach mit einem ganz erfrischten Gefühl wieder aufgewacht bin. Ich konnte mich zwar an die Worte nicht erinnern, hatte aber das deutliche Gefühl, dass etwas in mich eingesunken ist und in meinem Unterbewusstsein weiter wirkt. Jedenfalls hat das Beschäftigen mit relevanten Themen immer einen direkten Einfluss auf die Stimmung, das kann jeder sofort ausprobieren. 



Heute ist dieser Tag, der das Potential hat, gut oder schlecht zu werden. Oder vielleicht ist es auch einfach nur ein Tag, der vor sich hinplätschert und dem es piepegal ist, welche Gedanken ich mir dazu mache. Ich werde ihn nutzen, so gut ich das kann, ich werde meine Bedürfnisse beobachten und meine Pläne entsprechend anpassen. Die Liste der To-Do’s kürzen, wenn das nötig ist. Ich werde so oft ich kann meine Wahrnehmung auf das, was gerade ist, richten. Mehr muss ich nicht tun.

Donnerstag, 20. Dezember 2018

Schwangerschaft und Gewichtsprobleme

Mein Blog soll ehrlich sein. Und bleiben. Ich möchte nicht, dass hier jemand den Eindruck bekommt, ich habe die Weisheit mit Löffeln gefressen, mein Weg geht immer nur steil bergauf und ich habe verstanden, wie das Leben funktioniert. Ich habe an mir selbst festgestellt, wie langweilig manche Menschen mir geworden sind, die immer nur berichten, wie gut alles funktioniert. Die einmal eine Erkenntnis hatten und seitdem nie wieder einen Rückfall, die auf ihr vergangenes Leben zurückschauen als wäre es das einer anderen Person. So geläutert bin ich nicht. 

Gerade kämpfe ich extrem mit dem Essen. Und allem, was damit zusammenhängt. Gestern war so ein Tag, der nicht lief wie geplant. Ein paar Termine sind ausgefallen, ich hatte kaum geschlafen und so entschied ich, mich auf die Couch zu packen und auszuruhen. Ich hatte noch nichtmal das Bedürfnis zu essen. Und kurz war da auch der Gedanke, dass ich das nicht tun muss, sondern dass ein Tee reicht und vielleicht eine Mütze Schlaf. Und dann habe ich unsere Schränke durchwühlt. Vom Tiefkühlschrank bis rauf in den letzten Winkel der Küchenschränke. Am Ende fielen mir zwei Orangen, ein Müsli, ein Weihnachtsmann von meinem Sohn, fast alle selbstgebackenen, ergo widerlichen, Plätzchen, drei Stücke Käse und ein Sandwich zum Opfer. Am Abend habe ich noch einen wirklich ekligen Tiefkühl-Flammkuchen, etwas Salat und eine dreiviertel-Packung Merci-Schokolade hinterhergeschoben. Der Rest der Schokolade wurde nur verschont, weil ich was übrig lassen musste für die anderen. Ich denke, ich hätte noch viel mehr gegessen, wenn irgendwas da gewesen wäre. Und dieses Gefühl der Unzufriedenheit wurde nur immer größer, mit jedem Bissen. 


Es ist vielleicht nicht der geeignete Zeitpunkt, euch zu berichten, dass ich in der 20. Woche schwanger bin, allerdings trägt mein Zustand durchaus zu meiner Verwirrung bei und die Gewichtszunahme verunsichert und ängstigt mich. Seit Wochen versuche ich, cool zu bleiben, das Stirnrunzeln der Sprechstundenhilfe beim Arzt auszuhalten, wenn sie mein Gewicht in den Mutterpass einträgt und mein runder werdendes Gesicht im Spiegel nicht als abstoßend zu empfinden, wenn ich an einem Spiegel vorbeilaufe. Ich sage mir, dass es wichtigeres gibt und auch, dass ich diese Lektion wohl wirklich noch lernen muss.

Bevor ich schwanger wurde, habe ich gemerkt, dass ich gerne wirklich ein bisschen abnehmen möchte, um mich wohler zu fühlen. Dadurch, dass ich mich sehr lange von Waagen und Diäten ferngehalten hatte, hatte sich mein Gewicht weiter oben eingependelt, als früher. Und nein, ich wollte mir nicht vormachen, dass ich das schön fand. Aber ich habe mich auch nicht fertiggemacht. Und es hat auch nicht funktioniert, übrigens. Als ich dann schwanger war, war der erste Gedanke: "Dieses Mal will ich nicht so viel zunehmen". Davon war ich beherrscht und es hat mich massiv unter Druck gesetzt. Denn am Anfang der Schwangerschaft, wo die Hormone wirklich verrückt spielen und in meinem Fall gegen die Übelkeit nur essen geholfen hat (wenn auch leider nur sehr kurzfristig), ist es unmöglich, sich in dieser Hinsicht zu disziplinieren. Und als es mir endlich besser ging, habe ich mir entsprechend noch fester vorgenommen, zumindest ab jetzt wirklich aufzupassen. Und das ist ja auch der Rat, den Ärzte und Hebammen und dämliche Schwangerschafts-Apps und -Ratgeber einem geben. Zu guter letzt: Ich bin Yoga-Lehrerin. Da möchte man wenigstens ansatzweise ein Vorbild sein, sich wohlfühlen, irgendwie glaubwürdig sein. All das hat den Druck immer mehr erhöht und - das Muster habe ich inzwischen immerhin durchschaut - erhöhter Druck heißt Fressanfälle.

Da ist ein Bedürfnis nach Zuwendung, Fürsorge, eine innere Leere. Durch die Probleme mit dem Schlaf, die Aufgaben, die ich nicht geschafft bekomme, das Unwohlsein im eigenen Körper und den immer enger werdenden Klamotten suche ich nach Erleichterung. Und verschlimmere diesen Zustand noch auf der Suche nach Linderung. Denn die Fressanfälle haben wirklich ätzende Nachwirkungen. Neben den schlimmen Bauchkrämpfen plagen mich fiese Gedanken, die sich immer im Kreis drehen. Ich fühle mich als Versagerin, mutlos, antriebslos, kaputt. Und da ist ja auch noch das Baby, das ja so dringend wichtige Nährstoffe, Bewegung, frische Luft einfordert. Und natürlich meine geistige Ausgeglichenheit, denn es spürt ja, wenn es mir nicht gut geht. Puh.

Ich habe heute morgen gemerkt, dass ich darüber nachdenken musste, ob ich diesen Post wirklich veröffentlichen möchte. Es ist verlockend, sich diesen geläuterten Anstrich zu geben, einen auf erleuchteten Yogi zu machen und von überall gespiegelt zu bekommen, wie hilfreich das ist. Es ist auch richtig, dass ich meine Entwicklung dokumentiere und trotz meiner Schwierigkeiten bin ich überzeugt, dass ich weit vorangekommen bin. Aber ich muss authentisch bleiben, ich kann gar nicht anders. Und daher möchte ich mit euch auch teilen, wenn es mir nicht gut geht. Oft genug habe ich dann gar nicht die Kraft, mich auszudrücken. Aber heute, wie verkatert von dem fiesen Essen gestern, muss ich mir selbst auf diese Art Erleichterung verschaffen. 


Ich habe meine Toolbox, ich weiß, was mir hilft. Und ich weiß, dass das hier wichtig für mich ist. Ich lerne von den beschissenen Sachen, nicht von den schönen. 

Irgend etwas sehr Essgestörtes in mir drin glaubt felsenfest daran, dass ich mich in diesen Strudel immer wieder reinziehen lassen muss und dass jedes Mal, wenn es sich so anfühlt, als wäre es jetzt endlich anders, die Keule der Fress-Attacke wieder zuschlägt.

Aber da ist auch noch eine andere Stimme und die wird deutlicher: Ein Fressanfall ruiniert nicht dein Leben und er sagt nichts über die Fortschritte aus, die du erreicht hast. Ein Fressanfall ist nicht verboten, er ist nachvollziehbar unter den beschriebenen Umständen und - das klingt jetzt vielleicht schräg - er hilft mir auch irgendwie. Denn ich lerne Stück für Stück, wie das geht, ohne ein Regelwerk zu essen. Ich kann mich dabei selbst beobachten und merken, warum ich das mache, wonach ich suche und wie wenig das Essen damit eigentlich zu tun hat. Meine Strategien aus dem Chaos raus waren immer Disziplin und irgendwelche Vorsätze. Wenn es keine Diäten waren, so habe ich mich zumindest immer versucht vorzubereiten. Aber ich möchte lernen, in einer Welt voller Tiefkühpizzen und Süßigkeiten zu leben und achtsam damit umzugehen. Mich davon nicht bedroht zu fühlen und eine echte, freiwillige Entscheidung zu treffen, was das anbelangt, was ich mir zuführe. 

Ich lerne gerade so viel über Ernährung und wie sehr unsere Gesundheit davon abhängt. Und mit Gesundheit meine ich immer die seelische und die körperliche, die untrennbar miteinander verbunden sind. Aber ich möchte dieses Wissen nicht gegen mich verwenden und noch mehr Druck aufbauen: Ja, ich weiß, wie es geht und dennoch verhalte ich mich anders. Warum? Weil die Entscheidung dafür nicht aus Impulsen heraus sondern achtsam getroffen werden will. Weil Essen abgekoppelt werden will vom Befriedigen anderer Bedürfnisse als Hunger und Appetit.

So bleibt es am Ende dabei, dass die Erleichterung in einem Moment der Stille, in der Meditation, einem Spaziergang, einer Yoga-Einheit liegt. Und im Verzeihen. In der Selbstliebe. 

Was ich wirklich gerade lerne ist, dass meine Akzeptanz für mich als Mensch nicht davon abhängt, wie dick oder dünn ich bin. Oder ob ich gut aussehe. Wenn es die Menschen um mich herum verstört, wie ich aussehe, so muss das nicht mein Problem sein. Ich kehre zu der Idee zurück, dass ich das Päckchen der Vergangenheit einfach so abwerfen darf, um mich im Hier und Jetzt wohlzufühlen. Denn das alles, dieses ganze Chaos, ist in den Gedanken und nirgends sonst.

Ich bin müde, angestrengt, kaputt, genervt. Ich bin empfindlich. Und ich brauche Entlastung. Vielleicht sind solche Fressanfälle zumindest für die ersten Sekunden tatsächlich eine Erleichterung und erfüllen doch irgendwie ihren Zweck. Auch wenn die Konsequenzen das wieder wett machen. Ich lerne daraus. 

Ich schaue ratlos auf die kommenden Tage, auf Weihnachten, auf meine unaufgeräumte Küche. Und dann schaue ich vielleicht auch mal aus dem Fenster und lenke den Fokus weg vom Essen.

Ich wünsche allen, für die Weihnachten in eben dieser Hinsicht Stress bedeutet, dass es zwischendurch Momente gibt, wo Essen mal keine Rolle spielt, wo wir uns lösen können von den Gedanken über unser Aussehen und darüber, wie die anderen uns wahrnehmen. Ich wünsche uns Kraft und eine große Portion Selbstliebe, die uns blöde Kommentare und Fragen aushalten lässt. Zu viel zu essen ist nicht das Ende der Welt. Und wir müssen nicht auf die Vorsätze fürs neue Jahr warten, um uns selbst gut zu behandeln. Ich werde mich fragen, was mir in dem konkreten Moment wohl am besten hilft und mich danach richten. Vielleicht gibt es dann Situationen, in denen ich mich gegen das Essen entscheide. Oder auch dafür. Das ist eigentlich egal, solange es eine achtsame Entscheidung ist.