Samstag, 20. Juli 2019

Körperakzeptanz nach der Schwangerschaft

Vielleicht ist das Thema inzwischen langweilig geworden... mir zumindest geht es oft so, dass ich nicht glauben kann, dass ich mich damit immernoch befasse. Nach der Schwangerschaft gab es immer wieder Schockmomente, in denen ich nicht glauben konnte, was ich im Spiegel sah. Und das Verrückte daran: Gäbe es diese Spiegel gar nicht, würde ich mich nicht messen und vergleichen und immer wieder versuchen, in meine alten Klamotten reinzupassen, ich würde mich großartig fühlen. "Eigentlich" fühle ich mich großartig. Mein Körper hat zu seiner Kraft und seinem Wohlbefinden zurückgefunden. Ich fühle mich derartig viel besser als in der Schwangerschaft, dass ich jeden Tag froh und erleichtert darüber bin. Aber da sind diese Fotos... von früher. Auf denen war ich dünner und viel jünger und ja, es ist mir sehr bewusst, dass ich den Zenit meiner Schönheit auf jeden Fall überschritten habe. Und manchmal schleicht sich da auch wieder der Gedanke an den Tod ein und daran, dass ich mich kontinuierlich darauf zubewege. Und immer mehr spüre ich, wie fundamental wichtig es für mich ist, mich von diesen Äußerlichkeiten zu lösen, wirklich zu lösen und sie einfach zu vergessen. Denn dann geht es mir gut. Aber das ist leichter gesagt als getan und es gibt Tage, an denen fühle ich mich einfach nur beschämt und weiß nicht, was ich anziehen soll. Ich selbst finde dieses Problem so lächerlich, dass ich es am liebsten ignorieren würde. Stattdessen warte ich ab und versuche, mich nicht fertigzumachen.


Was ich jetzt viel besser kann als früher: Mir nicht mehr die Schuld geben und mich für mein Aussehen zu hassen. Ich steigere mich nicht mehr rein, atme lieber mal tief durch und sage mir, dass vieles einfach auch mehr Zeit braucht. Zwei Monate nach einer Geburt muss ich noch gar nichts. Und eigentlich muss ich sowieso gar nichts. Ich stehe trotzdem aus freien Stücken jeden Morgen hochmotiviert auf und rolle meine Matte aus, so oft es geht. Ich spüre, wie meine Kraft zurückkommt und wie sehr ich es liebe. Ich höre meine innere Stimme laut und deutlich - manchmal ignoriere ich sie, manchmal nicht. Um es mir leichter zu machen, habe ich mir einen Haufen neuer Klamotten gekauft, in die ich reinpasse und ich verbiete es mir selbst, abfällige Kommentare zu meinem Körper zu machen. 

Wie ich mich fühle, hat immer ganz viel mit meinem inneren Zustand zu tun. Wenn ich mich motiviert und fit fühle, gibt es für mich kein Halten und heute bin ich ganz bewusst in einer sehr kurzen Hose zum Einkaufen gegangen. Weil ich inzwischen überzeugt davon bin, dass wir alle das dürfen und sollen. Die Gedanken der anderen, die mich sehen, kann ich nicht lesen und wenn ich mir darüber gar keinen Kopf mache, sondern stattdessen einfach einen schönen Spaziergang draußen an der frischen Luft genieße, ist so viel gewonnen.

Diese Dinge wurden sicherlich schon tausendmal gesagt, von mir und so vielen anderen. Aber vielleicht ist es gut, sich an dieser Stelle immer und immer wieder zu wiederholen, solange wir uns doch ab und zu noch unsicher fühlen in diesem Thema. Selbstakzeptanz ist kein Dauerzustand, der, einmal erreicht, für immer da ist. Wir brauchen viel Liebe, Aufmerksamkeit, das passende Umfeld und den dauerhaft richtigen Umgang mit uns selbst. Wir brauchen die Akzeptanz und das Hinnehmen von beschissenen Tagen, an denen wir in unser Schneckenhaus zurückkriechen und abwarten, bis der Sturm da draußen vorüber ist. Auch wenn es sich in einem akuten Moment absolut nicht so anfühlt: Es geht immer wieder vorbei und wir sind nicht dauerhaft beherrscht von diesen fiesen Gefühlen und Gedanken. 

Ich habe so viel gelernt in den letzten Jahren und spüre jetzt, wie gut das ist. Ich bin befreit vom Diätenwahn und auch wenn mich hin und wieder die Ungeduld packt und ich gerne auf einen Knopf drücken und für immer von meinen Figur-Problemen befreit sein würde, so kehre ich inzwischen doch an einen Ort zurück, an dem ich mich sicher fühle. An diesem Ort gibt es keine Verbote, keine Waagen, keine Diäten und kein richtig und falsch. Da hängt der Wert einer Person nicht von ihrem Äußeren ab, weder von der Figur noch vom Alter oder sonstwas.

Hier sitze ich also mit meiner Post-Partum-Plautze und spüre deutlich, dass ich nicht dem Trugschluss aufsitzen sollte, dass ich ohne sie viel besser dran wäre. Wieviel Leben verpasse ich denn, wenn ich darauf warte, dass es endlich besser wird? Und selbst wenn ich sie eines Tages los sein sollte, was kann ich ohne sie mehr genießen und erleben? Wie lange habe ich mir eingeredet, dass bestimmte schöne Dinge des Lebens den Schlanken und Schönen vorbehalten sind. Und jetzt merke ich, dass das kompletter Schwachsinn ist. Aber es ist ein ziemlicher Schritt, die kurzen Hosen anzuziehen und sich den Blicken auszusetzen und dieses tief verankerte Tabu zu brechen. Es ist ein bisschen so wie ungeschminkt vor die Tür gehen für jemanden, der das jahrelang nicht gemacht hat.

In den Momenten, in denen ich kapiere, wie frei ich eigentlich bin und wieviele Möglichkeiten ich habe, fühle ich mich so großartig! Ich muss überhaupt nichts erreichen, bevor ich mein Leben genießen kann. Ich kann auf der Stelle damit anfangen. Und wenn dieser ganze Gedanken-Ballast von mir abfällt, fühlt sich das einfach nur himmlisch an. 

Es ist wie in der Meditation, in der ich ganz bewusst meine Gedanken ziehen lassen kann und ganz im Moment entspannen darf. Da stört mich dann nichts mehr und ich bin von jetzt auf gleich völlig frei. 

Und wenn ich dann meine Tochter ansehe und merke, dass ich ihr absoluter Fixstern bin und diese Art von Dingen für sie einfach mal vollkommen unwichtig sind, dann weiß ich: Es hat sich so gelohnt und ich nehme jede Konsequenz dafür in Kauf! Die materiellen Einschränkungen, die so eine Elternzeit nunmal für mich mit sich bringt, der ausgeleierte und aus der Form geratene Körper, die Distanz zu vielen lieben Menschen, die ich gerne öfter sehen würde, der immer wieder auftretende Hüttenkoller, der Leerlauf, die Langeweile, die Antriebslosigkeit, die Hormon- und Stimmungsschwankungen - alles. Am Ende jeden Tages bin ich erfüllt von Dankbarkeit für meine wunderschöne, nervtötende Familie, die wichtiger für mich ist, als alles andere.

Dienstag, 14. Mai 2019

Anatomie und Spiritualität im Yoga – eine Diskussion

Wieviel Spiritualität verträgt eine Yogalehrer-Ausbildung? Und kommen andere grundlegende Aspekte wie die Anatomie dadurch zu kurz?


Viele Menschen kommen über körperliche Beschwerden zum Yoga. Sie haben Rückenschmerzen, Haltungsschäden, Kopfschmerzen, verspannte Nacken… und sind auf der Suche nach einer Bewegungsform, die ihnen guttut. Das Om-Singen am Anfang und Ende der Stunde, die Entspannungsphasen… ok, daran muss man sich gewöhnen. Oder man lässt sie einfach weg. Man kann ja vorher auch rausgehen… oder stattdessen ein bisschen schlafen.

„Am Anfang scheint Yoga sehr körperlich“ hat mir mal jemand gesagt.

Die meisten unter uns allerdings, die dabei bleiben, würde ich behaupten, lernen mit der Zeit genau diese Dinge zu schätzen: Die Atemübungen, das Meditieren, das Entspannen, das Chanten. Genau das sind dann die Dinge, die uns motivieren, zum Yoga zu gehen. Warum? Was gibt uns das?


Es ist offensichtlich, dass Yoga viel für unseren Körper tun kann. Wenn wir regelmäßig praktizieren, können wir uns körperlich vollständig fit halten, gesundheitlichen Problemen vorbeugen und sie sogar beseitigen. Aber das gilt eigentlich für jede Art von sportlicher Bewegung, die einigermaßen ausgeglichen praktiziert wird.

Was also macht die Faszination für Yoga aus? Und kann man dieses Konzept beschneiden, es runterbrechen auf gymnastische Übungen, sauberes Alignment und die korrekte Atemtechnik? Ist es möglich, sich nicht mit den Ursprüngen dieser jahrtausendealten Lehre zu beschäftigen und das Konzept dennoch zu verstehen? Und ist es sinnvoll, das so zu machen? Sich zu nehmen, was man zu brauchen glaubt und den Rest zu vernachlässigen?

Was macht einen guten Yogalehrer aus? Etwa, dass er alle Asanas, deren anatomische Vor- und Nachteile, die Risiken, Varianten etc. kennt, sie perfekt in Sequenzen kombinieren kann und damit ein gutes Workout kreiert? Habt ihr euch mal gefragt, warum ihr zu euren Lieblingsyogalehrern geht und was euch davon abhält, andere Kurse zu besuchen, die euch nicht so ansprechen? Was ist es, was guten Unterricht ausmacht?

Vor Kurzem bin ich über eine Diskussion bei Facebook gestolpert (die inzwischen gelöscht wurde, sonst hätte ich sie verlinkt), in der die Frage aufgeworfen wurde, warum in den Yogalehrer-Ausbildungen in Deutschland so viel Wert auf die Vermittlung der hinduistischen Mythologie gelegt werde und dafür das Thema Anatomie viel zu kurz komme. Alle schienen darin überein zu stimmen, dass das Wichtigste im Yoga, wie es heutzutage in westlichen Ländern gelehrt wird, doch die korrekte Ausführung der Asanas sei und es ja schließlich auch durch westliche Einflüsse wie Gymnastik etc. weiterentwickelt worden sei. Entsprechend müsse ein Yogalehrer in seiner Ausbildung hauptsächlich anatomisches Wissen erlangen und seine Zeit nicht mit dem unnötigen Pauken von jahrtausendealten, realitätsfernen und zudem noch religiösen Mythen vertrödeln (denn was bitte hätte denn Religion mit Yoga zu tun?). 


Ich fragte mich, ob ich die einzige bin, die das anders sieht. Die ganze Diskussion darüber, wie bedeutend anatomische versus sprituelle Aspekte im Yoga sind, ist für mich völlig hinfällig. Denn auch Anatomie ist spirituell und Spiritualität hat einen direkten Einfluss auf unsere Anatomie. Gehen wir wirklich zu einem Yogalehrer, weil er uns korrekt ausrichtet? Ist das das einzige, was uns interessiert? Oder könnten wir dann nicht eher zu einem Physiotherapeuten oder Chiropraktiker, zu einem Sportmediziner oder Personal Trainer gehen? Warum gehen wir also zum Yoga?

Meine Antwort ist diese: Ein Lehrer lebt durch seine Persönlichkeit, durch seine ganz individuelle Schwerpunktsetzung und durch dieses gewisse Etwas, was er seinen Schülern weitergibt, das nur er hat. Eine Ausbildung kann Grundlagen schaffen und jeder, der sich mit der Frage beschäftigt, ob er Yoga unterrichten möchte, sollte sich eine Ausbildung aussuchen, die zu den eigenen persönlichen Ansätzen am besten passt. In 200 Stunden ist es absolut unmöglich, alles über Yoga zu vermitteln, was wichtig ist. Wir können in das Thema Anatomie einsteigen und die grundlegenden Dinge darüber lernen, sodass wir uns sicher fühlen und wissen, dass wir keine Fehler machen. Wenn das Thema Anatomie später dann zu etwas wird, was einen wirklich fasziniert, hat man unendliche Möglichkeiten, sich auf diesem Gebiet weiterzuentwickeln. Und dasselbe gilt für andere Aspekte des Yoga, für Chakrenarbeit, für Meditation, für Pranayama, für die Yogaphilosophie usw. 

In meiner Ausbildung habe ich gelernt, dass jede Stunde einen Bezug zu den spirituellen Ursprüngen des Yoga haben sollte und ich habe erlebt, dass es das Ganze für meine Schüler erst rund macht. Sie kommen zum Yoga, um sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und einen Ort zu finden, an dem sie sich mit ihrer Spiritualität verbinden können. Die körperliche Praxis hilft ihnen dabei. Aber das, was sie entspannt und gelassen, vielleicht glücklich, vielleicht sogar in dem Moment erleuchtet, nachhause gehen lässt, ist niemals nur der Effekt körperlicher Praxis.


Daher finde ich, sollte es keine Diskussion darüber geben, warum den spirituellen Inhalten so viel Raum in den Ausbildungen gegeben wird. Es handelt sich dabei für mich um Grundlagenwissen, das wir am besten durch eigenes Erleben verinnerlichen. Erst durch das plastische Vermitteln von Yoga-Philosophie wird eine Ausbildung zu dem, was sie ist: einer ganz unmittelbaren Erfahrung dessen, was sich auf Körper und Geist positiv auswirkt. Die Ausbildung sehe ich als eine intensive Reise zu sich selbst. Und durch das Erkennen des eigenen Selbst kommt automatisch auch die Fähigkeit, dieses Erleben weiterzugeben. 

Wenn es beim Yoga um Ganzheitlichkeit geht – und ich denke, darin stimmen wir alle überein – dann ist doch eine Diskussion über Anatomie versus Spiritualität gar nicht notwendig. Ein simples Beispiel ist die Synchronität des Chakra-Systems und der physischen Körpersysteme. Wenn wir uns wirklich in der Tiefe mit Anatomie beschäftigen, kommen wir schnell an den Punkt, an dem uns bewusst wird, wie verflochten Körper und Geist miteinander sind. Wir wissen heutzutage, dass unser Geist messbare Impulse an den Körper abgibt und damit ganz massiv körperliche Prozesse beeinflusst. Wir kennen die Zusammenhänge der Darm-Hirn-Achse, zwischen Depressionen und einer geschädigten Darmflora, zwischen Entspannungstechniken und ausbalancierten Hormonsystemen. Wir haben erkannt, dass körperliche Symptome in den allermeisten Fällen (d.h., wenn sie nicht durch ein physisches Trauma ausgelöst wurden) eine seelische Ursache haben und umgekehrt.

Anatomie ist wahnsinnig faszinierend und kann ein Schlüssel für den Zugang zu sich selbst sein. Sie ist unwidersprochen ein maßgeblicher Bestandteil der Yogalehre. Und sicher ist es nicht gut, wenn es Lehrer gibt, die zu wenig darüber wissen und dadurch möglicherweise Schaden anrichten. Für mich entsteht allerdings auch ein großer Schaden, wenn Schülern ein eher körperlich geprägtes Bild von Yoga vermittelt wird und der spirituelle Teil als unwichtiger Schnickschnack abgetan wird. Denn genau darin liegt das große und heilsame Potential von Yoga. Meine ganz persönliche Erfahrung bestätigt das und auch als selbst praktizierende Yogalehrerin überrascht es mich immer wieder, wie groß der Bedarf an Auseinandersetzung mit Spiritualität tatsächlich ist.

Meine Antwort auf die eingangs gestellte Frage ist also: Die Leute kommen zum Yoga weil sie gerade in der Spiritualität etwas finden, was ihnen woanders nicht angeboten wird. Und auch wenn sie es anfangs noch gar nicht wissen, sich auf ihrer Suche noch unklar fühlen, spirituelle Themen vielleicht sogar ablehnen, weil sie ihnen zu unwissenschaftlich und unplausibel erscheinen, so erfahren sie eben doch ganz unmittelbar, wie man sich nach einer guten Yogastunde fühlen kann.



Yoga bedeutet Einheit. Einheit von Körper und Geist. Abwesenheit von Urteilen und Kategorien wie gut und schlecht. Überlassen wir es doch jedem Yogi selbst, auf welche Weise er praktizieren möchte, welche Schwerpunkte er dabei setzen möchte und welchen Weg er beschreitet. Es erstaunt mich wirklich, dass in der Welt des Yoga eine Diskussion darüber aufkommen kann, was besser oder schlechter ist. Uns muss nicht alles gefallen, aber wir müssen auch nicht alles immer und ständig bewerten, uns eine Meinung dazu bilden und uns darüber erheben. Was nützt uns das Schimpfen über schlechte Ausbildungen? Vertrauen wir lieber darauf, dass jemand, der auf der Suche nach etwas für ihn Geeignetem ist, genau das findet, was er sucht. Und dass, falls er es nicht findet, seine Suche weitergeht. Denn niemand von uns lernt jemals aus und Voraussetzung dafür, ein guter Yogalehrer zu sein ist es immer auch, ein guter und aufmerksamer, kritischer und dennoch nicht urteilender Schüler zu sein. 

In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass wir immer neugierig bleiben und Yoga als eine jahrtausendealte Lehre mit vielfältigen Facetten und Aspekten respektieren und in diesem weiten Feld unseren eigenen, ganz persönlichen und individuellen Weg finden. Namasté.

Sonntag, 28. April 2019

Mutterschaft

So viele Rollen, die wir spielen, die wir mal mehr und mal weniger gut ausfüllen in dieser Gesellschaft. Eine davon ist für mich die der Mutter.

Ich habe meine Mutterschaft allerdings immer als das gesehen - als eine Rolle - und nicht als etwas, das mein ganzes Wesen ausmacht. Für mich ist Muttersein ein Privileg und gleichzeitig die größte Herausforderung überhaupt.

Wenn ich zurückblicke, sehe ich viele Dinge mit anderen Augen. Mein ältester Sohn ist jetzt neun  Jahre alt und ich erinnere mich wie das war, völlig verunsichert als junge Mama eines Neugeborenen, für die sich eine ganz neue Welt auftat. Ich war so dankbar und absolut überfordert, so naiv. Und wenn ich noch weiter zurückblicke, dann sehe ich mich als Kind, wie ich mir mein zukünftiges Leben als Mutter vorstellte. Als Jugendliche las ich das Buch "Paula" von Isabel Allende und von diesem Moment an hatte ich das Gefühl, bereits eine Verbindung zu meiner ungeborenen Tochter zu haben. Als ich dann zwei Jungs bekam, merkte ich, dass diese Art von "Vorahnung" oder "Vorhersage" nichts mit der Realität zu tun hat. Und überhaupt war das, was ich als junge Mama von meinen beiden Jungs lernte, dass ich alle Pläne, Vorsätze, Dogmen, Anschauungen getrost über Bord werfen konnte, weil sowieso alles anders kam als gedacht. Und ich fand das sehr heilsam. All die Dinge, die man sich selbst immer vorgebetet hatte, die einem eingetrichtert wurden von allen Seiten, spielten keine Rolle mehr.


Als ich meine Yogalehrerausbilung begann, passierte noch etwas anderes: Mir wurde bewusst, wie sehr ich mein Leben und das, was darin geschieht, beeinflussen kann, dass ich selbst die Schöpferin meiner Realität bin und dass, wenn ich ganz im widerspruchslosen Einklang mit mir und meiner Umgebung bin, genau das geschieht, was ich möchte. In diesem Moment bin ich mit meiner Tochter schwanger geworden. Und auch wenn ich noch keine Ahnung habe, wie es ist, eine Mädchen-Mama zu sein, so sehe ich in dieser Wende meines Lebens doch eine ganz konsequente Linie. Lange habe ich gedacht, dass ich keine Kinder mehr bekomme, ohne mit dem Thema jemals ganz abzuschließen. Für mich war es auch ok, nicht zu wissen, was passiert. Diese Idee, wir könnten unser Leben exakt planen, ist eine völlige Illusion und dient wahrscheinlich nur dazu, uns irgendwie so gut es geht in Sicherheit zu wiegen. Dennoch erfüllen sich unsere Wünsche immer wieder auf scheinbar magische, wenn auch nicht vorhersehbare Weise. Heute fühlt es sich für mich genau richtig und konsequent an, dass ich eine Tochter bekomme.

Und wer bin ich nun als Mutter? Wieviele von den Fehlern, die meine Eltern schon gemacht haben, wiederhole ich in meiner Ahnungslosigkeit? In erster Linie würde ich sagen, dass ich aus ganzem Herzen liebe. Dann gehört für mich noch dazu, dass ich sehr oft an meine Grenzen komme und mich und meine Bedürfnisse hinten anstellen muss. Damit umzugehen ist vielleicht das Schwerste. Aber - vor allem wenn ich zurückblicke auf das, was ich mit den beiden Jungs schon hinter mir habe - dieses Überschreiten der Grenzen hat mich so viel stärker gemacht, so viel älter und reifer (und das in einem sehr positiven Sinne). Es hat mir meine Stärke gezeigt, die ich vorher in mir gar nicht erkannt hatte.

Da ist auch ein Bedürfnis, mich voll und ganz hinzugeben. Meinen Kindern zu dienen und mein Ego tatsächlich mal für eine Weile zurückzustellen. Meinen Körper zur Verfügung zu stellen und Leben zu schenken. Zu geben, ohne etwas zu erwarten.

Ich habe drei in vielerlei Hinsicht extrem beschwerliche Schwangerschaften hinter mich gebracht (naja, fast...) und ich bin irgendwie erstaunt und auch ein bisschen stolz (was totaler Schwachsinn ist), dass ich sie überlebt habe. Ich weiß, es gibt Frauen, die viel mehr Kinder bekommen und die das ganz anders wegstecken, aber ich möchte für mich anerkennen, dass in diesen drei Schwangerschaften eine große Leistung steckt. Ich weiß auch, dass es viele Frauen gibt, die dieses Privileg nicht genießen können, obwohl sie es sich sehr wünschen und bin auch deshalb von noch größerer Dankbarkeit erfüllt.

Ich war mir immer bewusst, dass meine Kinder mir nicht gehören und dass sie, von dem Moment an, in dem sie geboren werden, Stück für Stück unabhängiger von mir werden und mich eines Tages nicht mehr brauchen werden. Und ja, das kann sich schonmal sehr schmerzhaft anfühlen, aber ich finde es so wichtig, dass meine Kinder nicht das Aushängeschild meines Erfolgs als Mutter sind, sondern individuelle Wesen, die ein Recht auf ein selbstbestimmtes, freies Leben haben und die ich laufen lassen muss, früher oder später. Darin steckt auch für mich die klare Aussage, dass da nach der Lebensphase der "Kinderaufzucht" noch ganz viel auf mich wartet und ich mich in anderen Rollen, auf anderen Gebieten, austoben und verwirklichen kann.


Jetzt liegen die letzten Tage vor der Geburt vor mir, die für mich auch eine Herausforderung bedeuten. Ich möchte mich nicht wehren gegen all die Beschwerden, ich möchte nicht ungeduldig sein, ich möchte entspannt bleiben und die letzten Momente ohne das Baby genießen. Dabei bin ich meistens so erschöpft und muss einsehen, dass es hauptsächlich darum geht, einfach nur da zu sein und mich auszuruhen. Verglichen mit den vorangegangenen Schwangerschaften gelingt mir das meistens ganz gut. Aber abgesehen von diesem unsicheren, zaghaften Vorfreude-Gefühl auf meine Tochter, wie sie aussehen wird, wie sie so sein wird, freue ich mich unglaublich darauf, diesen gigantischen Bauch loszuwerden und mich wieder uneingeschränkter bewegen zu können. Bei all dem hilft es mir ungemein, dass mir so bewusst ist, wie vergänglich das alles ist. Diese Situation ist einmalig, wirklich wunderbar und nicht von Dauer. Genauso wird das Baby sich unlaublich schnell weiter entwickeln und es wird sich nicht lange anfühlen, bis ich auf ihre ersten Lebensjahre zurückblicke. Früher hat mir das Angst gemacht. Heute gebe ich mich diesem Lauf des Lebens anders hin, mit mehr Vertrauen und der absoluten Gewissheit, dass sowieso gar nichts bleibt, wie es ist. Wir geben und nehmen in ständigem Wechsel, wir verändern uns kontinuierlich, aber wir verschwinden nie, wir transformieren uns nur. Ist mein Baby ein Teil von mir? Von was bin ich ein Teil? Wie fühlt sich das große Ganze an? 

Diese Schwangerschaft ist erst ganz am Ende zu einer schönen Zeit in meinem Leben geworden, als ich losgelassen habe. Als ich meinen Fokus weg von all den unschönen, unangenehmen, schmerzhaften Dingen gelenkt und das Schöne gesehen habe. Bezeichnenderweise hat der Frühling sich um mich herum und in mir ausgebreitet und es mir leichter gemacht, mich aus der Winter-Depri-Phase rauszuschälen. Vielleicht kann ich eines Tages auch das Winterliche in meinem Leben anders anerkennen. Jetzt liegt der Sommer vor mir und meiner Familie und ich bin erfüllt von Liebe, Zuversicht, Vorfreude und Spannung. Ich wünsche mich nicht länger an einen anderen Ort oder in ein anderes Leben, sondern genieße die Verwirklichung all dessen, was ich mir erträumt habe. Und es bedeutet nicht, dass ich nicht jetzt schon auch ganz viel Respekt habe vor der neuen großen Aufgabe, vor der Belastung, der Ungewissheit, dem Schlafmangel, den Schmerzen. Wenn ich mich aber frei mache von dem Anspruch, immer happy zu sein und diese Momente des Zweifels zulasse, ganz in der Gewissheit, dass sie immer wieder kommen, gibt mir auch dieses Zulassen Frieden. Denn es zeigt mir, was real ist für mich. Das Angenehme kann zu viel werden und dann ganz schnell unangenehm. Niemals befinde ich mich tatsächlich ganz in der ausbalancierten Mitte, sondern immer irgendwo zwischen zwei Polen. Beide sind Teil meiner Wirklichkeit, verdienen Anerkennung und Wahrnehmung und geben meinem Leben Sinn.

So ist es auch jetzt, in meiner Ungeduld, in der ich dennoch die Ruhe vor dem Sturm unheimlich genieße. Ich gebe mich der Veränderung hin, vertraue auf den Fluss des Lebens und lasse das Baby in mein Leben, wenn es soweit ist.


Montag, 11. Februar 2019

6 Erkenntnisse aus den Erfahrungen des letzten Jahres

Ich sitze im neuen Kinderzimmer meines ungeborenen Babys. Im Sessel, mit Laptop auf den Knien um 8:00 Uhr morgens. Die Voraussetzungen für einen gelungenen Tag sind ebenso mäßig oder verheißungsvoll, wie sie es jeden Morgen sind. Aber in mir drin, da sind einige wunderbare Erkenntnisse herangereift, die mir Kraft geben und Zuversicht. 

Meine aktuelle Krise hat mir so vieles gezeigt und nicht zuletzt, dass sich mein Leben sehr wohl im letzten Jahr zum Guten verändert hat.

Erkenntnis Nr. 1: Die Veränderung ist schon eingetreten.

Immer und immer wieder bin ich an dem Glaubenssatz verzweifelt, dass ich nichts ändern kann. Dass sich das Rad des Schicksals so dreht, wie es das nunmal tut und dass es mich gefangen hält in einem Leben, in dem ich immer mit bestimmten Schwierigkeiten zu kämpfen habe. Rückblickend ist das gar nicht so. Es gibt neue Muster, neue Mechanismen, neue Werkzeuge, die ich angewendet habe und die langsam aber sicher ihre Wirkung entfalten. 

Erkenntnis Nr. 2: Warte nicht auf die Erlösung. 

Der ganze Komplex Essen und Gesundheit erfährt eine Wendung, weil ich verstanden habe, dass ich nicht länger auf das Eintreten dieser Gesundheit warten muss. Und dass das auch gar keinen Sinn macht. Ich nehme die Symptome an, wie sie kommen, interpretiere sie nicht, verurteile mich nicht dafür. Bei Bauchschmerzen zu meditieren, hilft enorm. Und nicht ständig nach Gründen dafür suchen zu müssen, noch viel mehr. 

Erkenntnis Nr. 3: Widerstand zwecklos

Sobald ich versuche, jemand anderem die Schuld für irgendwas zu geben, beginnt mein Leid. Sobald ich mich auf einen inneren Dialog über die Unzulänglichkeiten meiner Mitmenschen einlasse, bin ich auf verlorenem Posten. Und das ist, was gerade passiert: Ich merke, welche Gedanken mich gerade verrückt machen und halte ein.

Ich frage mich derzeit oft, wieviel Chemie in meinem Kopf Einfluss auf meine Stimmung hat und wieviel der Einfluss meiner Einstellung ausmacht. Kann am Ende die Einstellung die Chemie beeinflussen? Höchstwahrscheinlich schon. Wenn ich beobachte, wie mein Bauch entkrampft, wenn ich tief und bewusst atme oder wie meine Stimmung sich automatisch aufhellt, wenn ich mich bewege, habe ich die Antwort eigentlich schon bekommen.


Meine Erschöpfung war riesig und ich habe wieder lange gebraucht, um aus dem Tal rauszukommen. Was mir die Sache aber dieses Mal erleichtert hat, war, dass ich mich dabei beobachtet habe. Ich habe genau gemerkt, wie wenig mir das Versacken vor dem Fernseher hilft und wie sehr es mich langweilt. Ich habe genau gemerkt, dass ich mich selbst mit meinen Erwartungen unter Druck setze. Da war diese Idee von Ritualen, die mir helfen sollen, meinen Tag zu strukturieren und mir Sicherheit geben sollen. Aber was nützen sie, wenn ich sie verbinde mit einer Erwartungshaltung, die Druck ausübt?

Und genau da bewege ich mich auf einem schmalen Grat zwischen Überwindung und Entspannung. Es ist ein Ping-Pong zwischen beiden, die ganze Zeit. Ein Ausloten von Grenzen. Wie nützlich ist die Komfortzone und ab welchem Punkt fängt sie an, mir zu schaden? Und genauso das Grenzen Überwinden: Wie wichtig und hilfreich ist es, dass ich meinen Arsch hochkriege und einfach mal mache? Für jemanden, der depressiv ist, ist es entscheidend, um den Kreislauf zu durchbrechen. 

Gestern beim Yoga ist mir ganz deutlich vor Augen getreten, dass ich jegliche Erwartungshaltung von meinem Trieb, mich zu bewegen, abkoppeln sollte. Noch immer sagt meine innere Stimme zu mir: „Das reicht noch nicht, du hast noch nicht genug gearbeitet, du musst noch einen Gang höher schalten…“ Noch immer lauert in mir drin ein kleiner gemeiner Teil, der von mir verlangt, dass ich Sport mache. Stattdessen brauche ich jetzt: Bewegung um der Bewegung willen, weil sie sich gut anfühlt und nicht, weil sie verhindert, dass ich dick werde. Essen um des Essens willen, weil es köstlich ist und weil ich Hunger habe und nicht, weil Essen Auswirkungen auf mein äußeres Erscheinungsbild hat. Und das ist in beide Richtungen gemeint: Essen um des Essens willen und nicht, um mit gesundem Essen zu mehr Schönheit zu gelangen. Sondern zu mehr Wohlbefinden. Und dieses Wohlbefinden liegt jenseits von Schönheit, von Gewicht.

Alle diese Gedanken über Schönheit mache ich mir, so glaube ich, weil ich wie alle anderen Menschen auf der ständigen Suche nach Anerkennung bin. Wir alle haben gelernt, dass wir sie gratis bekommen, wenn wir schön sind und uns nur dann etwas anderes einfallen lassen müssen, wenn die Schönheit uns verlässt. Wie oft werden kluge Ratschläge erteilt, dass wir uns unabhängig vom Urteil anderer machen sollen, aber mal ganz ehrlich: Was wären wir ohne die anderen? Dauernd und immer werde ich aufgefordert, mich lediglich mit Menschen zu umgeben, die mich bereichern und unterstützen. Und selbstverständlich sind diese Menschen wichtig. Aber wie gehe ich mit den Energiefressern um, mit den Nervensägen, den Jammerern, mit diesen allgegenwärtigen Störfaktoren? Ist es richtig und hilfreich, Menschen in diese Kategorien einzuteilen? Was sagt das über mich selbst aus? Soll ich mein Umfeld wirklich säubern und alles, was mir fremd ist oder mich abstößt, weit von mir weisen? Oder lohnt es sich vielleicht viel mehr, mal genauer hinzusehen und sich zu fragen, was genau mich da triggert, was mich stört, aufregt, wütend macht? Denn das hat immer viel mehr mit einem selbst zu tun, als man sich zunächst eingesteht.

Und meine Erkenntnis Nr. 4, die wichtigste von allen, ist: Such die Antworten bei dir und nicht bei den anderen und du wirst von deinem Leid befreit. 

Geh dem Schmerz, den das verursacht, nicht impulsiv aus dem Weg, wie du es immer getan hast, sondern bleib da und sieh hin. 

Was zählt dann das Urteil eines anderen Menschen? Es ist ein Urteil. Das mag uns verletzen – und es wäre womöglich unmenschlich, wenn es das nicht täte – aber wir können erkennen, dass Urteile die Sicht auf die Dinge begrenzen und damit die Möglichkeiten, die der andere hat. Wenn wir wissen, wer wir sind, können wir mit den Urteilen der anderen besser umgehen. Wenn unser Selbstbewusstsein nicht auf dem fußt, was wir darstellen, wie wir aussehen, welchen Job wir haben und wie gut wir ihn machen und wenn wir ganz loslassen können von unserer eigenen Erwartungshaltung unserem Ego gegenüber, werden wir frei. Und genau das ist oft für die anderen ganz schwer zu ertragen. Sie verlieren ihre Macht über uns. Manche sehen sich gezwungen, sich über ihre eigenen Themen Gedanken zu machen und unbequemen Tatsachen ins Auge zu blicken. Weil wir selbst für das alte Drama nicht mehr zur Verfügung stehen. 

Was mir übrigens auch ganz oft begegnet, ist Mitleid. Wenn ich öffentlich mache, wie ich mich fühle, welche Zweifel ich habe, wie unsicher ich bin, stürzt jedes Mal eine Welle aus „Mitgefühl“ und trostspendenden Worten auf mich ein. Wenn ich ehrlich sein soll – auch wenn ich das ganz rührend und lieb finde – fühle ich mich dennoch missverstanden. Der Grund, warum ich diese Gedanken und diese Unsicherheiten teile ist, dass ich meine Erfahrungen weitergeben möchte, um zum Nachdenken anzuregen und vielleicht Impulse für das eigene Leben zu erhalten. Ich möchte gerade nicht deprimiert im Selbstmitleid baden und Applaus dafür erhalten. Ich möchte erforschen, was genau da passiert und ich möchte es teilen, damit diejenigen von uns, die sich mit meinen Themen identifizieren können, sich nicht allein fühlen. Manchmal denke ich, ich schreibe für mein pubertierendes Ich, das sich so oft ganz allein auf dieser Welt gefühlt hat und vollkommen unverstanden. Wie gut hätte es getan, da von jemandem zu hören, der ähnliche Gedanken hat und aus diesem Leid heraus seine persönliche Entwicklung vorantreibt. 

Ja, es lesen sicherlich Leute aus meinem Umfeld mit voyeuristischen Absichten mit, die es vielleicht beruhigt und tröstet, dass Menschen, die von außen oft stark erscheinen, sich eine Blöße geben, aber das ist völlig ok. Das ist der Preis und das halte ich aus. Es wird immer Menschen geben, die mich beurteilen, die sich vergleichen, die vielleicht schadenfroh sind. Wenn ich mich klein und lächerlich fühle, möchte ich ihnen aus dem Weg gehen. Wenn ich mich klein und lächerlich fühle, möchte ich meinen Instagram-Account löschen, weil er mir völlig banal und unbedeutend erscheint. Weil ich dann alles in Frage stelle und mich in Grund und Boden schäme. 

Rückblickend waren es genau die mutigen Momente, die die Veränderung bewirkt haben. Hätte ich vor fünf Jahren geglaubt, dass ich wirklich mal öffentlich über meine seelischen Zustände schreibe? Dass ich mal Yogalehrerin werde? Dass ich meine Ess-Störung besiegen kann? Dass ich monatelang ungeschminkt durch das Leben laufe und mich dabei völlig frei fühle? Hätte ich geglaubt, dass ich es akzeptieren kann, dass mich die Leistungsgesellschaft fertig macht, mir meine Kreativität, meine Kraft, mein Potential raubt? Und dass es jenseits davon für mich einen Weg gibt, der viel besser ist, bei dem ich mich nicht messen lassen muss? Bei dem Fülle und Wohlstand mehr sind als ein gut gefülltes Konto? Und das macht mir Mut, dass alles, was ich anpacke und das mich in einen Flow versetzt, etwas Gutes werden kann. Etwas Neues, etwas Schönes, etwas Erlösendes. Etwas von Dauer und Bedeutung. 


Meine Kräfte sind begrenzt und das muss ich akzeptieren. Ich bin hochschwanger und natürlich ängstigt mich manchmal das, was da noch kommen wird. Ich muss einstehen für mich selbst und das, was ich brauche. Ich muss gerade nicht beweisen, wie leistungsfähig ich noch bin. Ich erkenne an, dass meine Heilung in der Ruhe liegt, im Nichtstun, in der Meditation, im Schlaf. Darin, dass ich mich nicht mit immer neuen Erwartungen überfrachte, sondern ganz dem Moment hingebe. Sie liegt darin, dass ich mich löse von meinem Job und den Ansprüchen, die ich an mich selbst gestellt habe. Sie liegt in meiner Rolle als Mutter, die mich in letzter Zeit immer mehr erfüllt und die ich jetzt ganz annehmen kann. Wie viel wichtiger ist es mir, für meine Kinder da zu sein, als erfolgreich in irgendeinem Beruf. Das Wort Beruf klingt in meinen Ohren gerade wie ein Fremdwort. Ich möchte jetzt einfach ich selbst sein und keine dieser Rollen ausfüllen müssen. Und zu meinem Selbst gehört es auch, Mutter zu sein. 

Ich bin müde. Und das ist ok. Es bedeutet, dass ich gerade nicht alles machen kann, was früher immer ging. Vielleicht wird das nie mehr gehen, weil es früher immer schon zu viel war. Aber ich bin ganz sicher, dass ich zu meiner Kraft zurückfinde. Für den Moment muss ich sie gut einteilen und es einfach hinnehmen. Widerstand zwecklos. Das Gedankenkarussell fährt ohne mich ab – es spielt keine Rolle, was ich früher immer darüber gedacht habe. Es spielt gerade auch keine Rolle, was da alles noch kommt. 

Erkenntnis Nr. 5: Der Prozess hört niemals auf. 

Selbst wenn ich mich in der Vergangenheit schon vollkommen erleuchtet gefühlt habe und genau wusste, was mir hilft, mit mir im Reinen und glücklich zu sein, bedeutet das für den Augenblick nicht, dass ich mich nicht hundeelend fühlen kann. Man kann sich auf Erfahrungen nicht ausruhen. Was ich früher erreicht habe, muss ich nicht zwangsläufig wieder erreichen und es bleibt keinesfalls bestehen. Das Leben ist im ständigen Fluss und nimmt immer wieder ungewohnte Wendungen. Alles andere ist Illusion. Wir wissen nicht, was kommt. Jeder Moment fordert uns heraus, immer wieder neu. Meine Weisheit von gestern ist keine Garantie für mein Glück morgen. 

Das einzige, was hier wirklich funktioniert ist, immer wieder, beständig, beharrlich, in den Augenblick zurückzukehren. Aufzuwachen, während man gerade eine Orange schält und sich dabei ertappt, ungeduldig zu werden, weil man daran denkt, was noch alles erledigt werden muss. Die Orange schälen, als gäbe es nichts anderes auf der Welt. Schmerzen wahrnehmen, sich auf sie einlassen, ihnen nicht ausweichen – und beobachten, was passiert. Das Unerträgliche wird erträglich. Dem Gegenüber zuhören, dich fokussieren, obwohl du eigentlich gerade selbst etwas sagen wolltest. Eine schlaflose Nacht nutzen, um ganz bei dir zu sein, Zeit mit dir selbst zu verbringen. 

Erkenntnis Nr. 6: Füttere dein Hirn mit nützlichem Input und es ist weniger Platz für destruktiven Schrott. 

Es ist unwahrscheinlich verführerisch, sich bequem in die alten Muster fallen zu lassen. Und manchmal, in Situationen der Überforderung, ist es sogar hilfreich, jedenfalls die einzige Möglichkeit. Sich blind und taub stellen, sich als Opfer fühlen, sich suhlen im Leid. Es muss uns aber bewusst sein, dass wir dadurch das Leid vergrößern. 

Und wenn wir uns ein Herz fassen, ein richtig gutes Buch lesen, einen inspirierenden Podcast anhören, eine geführte Meditation machen, anstatt durch den Instagram-Feed zu scrollen, hebt sich unser Bewusstsein auf eine höhere Ebene und wir kommen in den Flow. Desto mehr wir uns mit diesen Inhalten beschäftigen, desto tiefer graben sie sich in unser Bewusstsein ein, formen unsere Gedanken und nehmen Einfluss auf unsere Stimmung. Wir können steuern, womit wir uns in unseren Gedanken auseinandersetzen. Und am besten ist es, wenn wir uns gerade so gar nicht danach fühlen. 


Bei mir ist es oft so, dass ich mich so fühle, als wäre ich gerade in einem minderwertigen Zustand, in dem ich nicht offen genug, nicht wach genug für gute Inhalte bin. Das macht aber nichts. Denn neben unserem wachen Bewusstsein gibt es ja auch noch unser Unterbewusstsein. Es ist sogar gut, wenn wir uns kurz vor dem Einschlafen mit diesen Themen beschäftigen, weil wir sie dann mitnehmen können in die Welt des Schlafes und sie dort ihre Wirkung nochmal ganz anders entfalten können. Ich habe schon oft die Erfahrung gemacht, dass ich bei einer tranceähnlichen geführten Meditation eingeschlafen bin und danach mit einem ganz erfrischten Gefühl wieder aufgewacht bin. Ich konnte mich zwar an die Worte nicht erinnern, hatte aber das deutliche Gefühl, dass etwas in mich eingesunken ist und in meinem Unterbewusstsein weiter wirkt. Jedenfalls hat das Beschäftigen mit relevanten Themen immer einen direkten Einfluss auf die Stimmung, das kann jeder sofort ausprobieren. 



Heute ist dieser Tag, der das Potential hat, gut oder schlecht zu werden. Oder vielleicht ist es auch einfach nur ein Tag, der vor sich hinplätschert und dem es piepegal ist, welche Gedanken ich mir dazu mache. Ich werde ihn nutzen, so gut ich das kann, ich werde meine Bedürfnisse beobachten und meine Pläne entsprechend anpassen. Die Liste der To-Do’s kürzen, wenn das nötig ist. Ich werde so oft ich kann meine Wahrnehmung auf das, was gerade ist, richten. Mehr muss ich nicht tun.

Donnerstag, 20. Dezember 2018

Schwangerschaft und Gewichtsprobleme

Mein Blog soll ehrlich sein. Und bleiben. Ich möchte nicht, dass hier jemand den Eindruck bekommt, ich habe die Weisheit mit Löffeln gefressen, mein Weg geht immer nur steil bergauf und ich habe verstanden, wie das Leben funktioniert. Ich habe an mir selbst festgestellt, wie langweilig manche Menschen mir geworden sind, die immer nur berichten, wie gut alles funktioniert. Die einmal eine Erkenntnis hatten und seitdem nie wieder einen Rückfall, die auf ihr vergangenes Leben zurückschauen als wäre es das einer anderen Person. So geläutert bin ich nicht. 

Gerade kämpfe ich extrem mit dem Essen. Und allem, was damit zusammenhängt. Gestern war so ein Tag, der nicht lief wie geplant. Ein paar Termine sind ausgefallen, ich hatte kaum geschlafen und so entschied ich, mich auf die Couch zu packen und auszuruhen. Ich hatte noch nichtmal das Bedürfnis zu essen. Und kurz war da auch der Gedanke, dass ich das nicht tun muss, sondern dass ein Tee reicht und vielleicht eine Mütze Schlaf. Und dann habe ich unsere Schränke durchwühlt. Vom Tiefkühlschrank bis rauf in den letzten Winkel der Küchenschränke. Am Ende fielen mir zwei Orangen, ein Müsli, ein Weihnachtsmann von meinem Sohn, fast alle selbstgebackenen, ergo widerlichen, Plätzchen, drei Stücke Käse und ein Sandwich zum Opfer. Am Abend habe ich noch einen wirklich ekligen Tiefkühl-Flammkuchen, etwas Salat und eine dreiviertel-Packung Merci-Schokolade hinterhergeschoben. Der Rest der Schokolade wurde nur verschont, weil ich was übrig lassen musste für die anderen. Ich denke, ich hätte noch viel mehr gegessen, wenn irgendwas da gewesen wäre. Und dieses Gefühl der Unzufriedenheit wurde nur immer größer, mit jedem Bissen. 


Es ist vielleicht nicht der geeignete Zeitpunkt, euch zu berichten, dass ich in der 20. Woche schwanger bin, allerdings trägt mein Zustand durchaus zu meiner Verwirrung bei und die Gewichtszunahme verunsichert und ängstigt mich. Seit Wochen versuche ich, cool zu bleiben, das Stirnrunzeln der Sprechstundenhilfe beim Arzt auszuhalten, wenn sie mein Gewicht in den Mutterpass einträgt und mein runder werdendes Gesicht im Spiegel nicht als abstoßend zu empfinden, wenn ich an einem Spiegel vorbeilaufe. Ich sage mir, dass es wichtigeres gibt und auch, dass ich diese Lektion wohl wirklich noch lernen muss.

Bevor ich schwanger wurde, habe ich gemerkt, dass ich gerne wirklich ein bisschen abnehmen möchte, um mich wohler zu fühlen. Dadurch, dass ich mich sehr lange von Waagen und Diäten ferngehalten hatte, hatte sich mein Gewicht weiter oben eingependelt, als früher. Und nein, ich wollte mir nicht vormachen, dass ich das schön fand. Aber ich habe mich auch nicht fertiggemacht. Und es hat auch nicht funktioniert, übrigens. Als ich dann schwanger war, war der erste Gedanke: "Dieses Mal will ich nicht so viel zunehmen". Davon war ich beherrscht und es hat mich massiv unter Druck gesetzt. Denn am Anfang der Schwangerschaft, wo die Hormone wirklich verrückt spielen und in meinem Fall gegen die Übelkeit nur essen geholfen hat (wenn auch leider nur sehr kurzfristig), ist es unmöglich, sich in dieser Hinsicht zu disziplinieren. Und als es mir endlich besser ging, habe ich mir entsprechend noch fester vorgenommen, zumindest ab jetzt wirklich aufzupassen. Und das ist ja auch der Rat, den Ärzte und Hebammen und dämliche Schwangerschafts-Apps und -Ratgeber einem geben. Zu guter letzt: Ich bin Yoga-Lehrerin. Da möchte man wenigstens ansatzweise ein Vorbild sein, sich wohlfühlen, irgendwie glaubwürdig sein. All das hat den Druck immer mehr erhöht und - das Muster habe ich inzwischen immerhin durchschaut - erhöhter Druck heißt Fressanfälle.

Da ist ein Bedürfnis nach Zuwendung, Fürsorge, eine innere Leere. Durch die Probleme mit dem Schlaf, die Aufgaben, die ich nicht geschafft bekomme, das Unwohlsein im eigenen Körper und den immer enger werdenden Klamotten suche ich nach Erleichterung. Und verschlimmere diesen Zustand noch auf der Suche nach Linderung. Denn die Fressanfälle haben wirklich ätzende Nachwirkungen. Neben den schlimmen Bauchkrämpfen plagen mich fiese Gedanken, die sich immer im Kreis drehen. Ich fühle mich als Versagerin, mutlos, antriebslos, kaputt. Und da ist ja auch noch das Baby, das ja so dringend wichtige Nährstoffe, Bewegung, frische Luft einfordert. Und natürlich meine geistige Ausgeglichenheit, denn es spürt ja, wenn es mir nicht gut geht. Puh.

Ich habe heute morgen gemerkt, dass ich darüber nachdenken musste, ob ich diesen Post wirklich veröffentlichen möchte. Es ist verlockend, sich diesen geläuterten Anstrich zu geben, einen auf erleuchteten Yogi zu machen und von überall gespiegelt zu bekommen, wie hilfreich das ist. Es ist auch richtig, dass ich meine Entwicklung dokumentiere und trotz meiner Schwierigkeiten bin ich überzeugt, dass ich weit vorangekommen bin. Aber ich muss authentisch bleiben, ich kann gar nicht anders. Und daher möchte ich mit euch auch teilen, wenn es mir nicht gut geht. Oft genug habe ich dann gar nicht die Kraft, mich auszudrücken. Aber heute, wie verkatert von dem fiesen Essen gestern, muss ich mir selbst auf diese Art Erleichterung verschaffen. 


Ich habe meine Toolbox, ich weiß, was mir hilft. Und ich weiß, dass das hier wichtig für mich ist. Ich lerne von den beschissenen Sachen, nicht von den schönen. 

Irgend etwas sehr Essgestörtes in mir drin glaubt felsenfest daran, dass ich mich in diesen Strudel immer wieder reinziehen lassen muss und dass jedes Mal, wenn es sich so anfühlt, als wäre es jetzt endlich anders, die Keule der Fress-Attacke wieder zuschlägt.

Aber da ist auch noch eine andere Stimme und die wird deutlicher: Ein Fressanfall ruiniert nicht dein Leben und er sagt nichts über die Fortschritte aus, die du erreicht hast. Ein Fressanfall ist nicht verboten, er ist nachvollziehbar unter den beschriebenen Umständen und - das klingt jetzt vielleicht schräg - er hilft mir auch irgendwie. Denn ich lerne Stück für Stück, wie das geht, ohne ein Regelwerk zu essen. Ich kann mich dabei selbst beobachten und merken, warum ich das mache, wonach ich suche und wie wenig das Essen damit eigentlich zu tun hat. Meine Strategien aus dem Chaos raus waren immer Disziplin und irgendwelche Vorsätze. Wenn es keine Diäten waren, so habe ich mich zumindest immer versucht vorzubereiten. Aber ich möchte lernen, in einer Welt voller Tiefkühpizzen und Süßigkeiten zu leben und achtsam damit umzugehen. Mich davon nicht bedroht zu fühlen und eine echte, freiwillige Entscheidung zu treffen, was das anbelangt, was ich mir zuführe. 

Ich lerne gerade so viel über Ernährung und wie sehr unsere Gesundheit davon abhängt. Und mit Gesundheit meine ich immer die seelische und die körperliche, die untrennbar miteinander verbunden sind. Aber ich möchte dieses Wissen nicht gegen mich verwenden und noch mehr Druck aufbauen: Ja, ich weiß, wie es geht und dennoch verhalte ich mich anders. Warum? Weil die Entscheidung dafür nicht aus Impulsen heraus sondern achtsam getroffen werden will. Weil Essen abgekoppelt werden will vom Befriedigen anderer Bedürfnisse als Hunger und Appetit.

So bleibt es am Ende dabei, dass die Erleichterung in einem Moment der Stille, in der Meditation, einem Spaziergang, einer Yoga-Einheit liegt. Und im Verzeihen. In der Selbstliebe. 

Was ich wirklich gerade lerne ist, dass meine Akzeptanz für mich als Mensch nicht davon abhängt, wie dick oder dünn ich bin. Oder ob ich gut aussehe. Wenn es die Menschen um mich herum verstört, wie ich aussehe, so muss das nicht mein Problem sein. Ich kehre zu der Idee zurück, dass ich das Päckchen der Vergangenheit einfach so abwerfen darf, um mich im Hier und Jetzt wohlzufühlen. Denn das alles, dieses ganze Chaos, ist in den Gedanken und nirgends sonst.

Ich bin müde, angestrengt, kaputt, genervt. Ich bin empfindlich. Und ich brauche Entlastung. Vielleicht sind solche Fressanfälle zumindest für die ersten Sekunden tatsächlich eine Erleichterung und erfüllen doch irgendwie ihren Zweck. Auch wenn die Konsequenzen das wieder wett machen. Ich lerne daraus. 

Ich schaue ratlos auf die kommenden Tage, auf Weihnachten, auf meine unaufgeräumte Küche. Und dann schaue ich vielleicht auch mal aus dem Fenster und lenke den Fokus weg vom Essen.

Ich wünsche allen, für die Weihnachten in eben dieser Hinsicht Stress bedeutet, dass es zwischendurch Momente gibt, wo Essen mal keine Rolle spielt, wo wir uns lösen können von den Gedanken über unser Aussehen und darüber, wie die anderen uns wahrnehmen. Ich wünsche uns Kraft und eine große Portion Selbstliebe, die uns blöde Kommentare und Fragen aushalten lässt. Zu viel zu essen ist nicht das Ende der Welt. Und wir müssen nicht auf die Vorsätze fürs neue Jahr warten, um uns selbst gut zu behandeln. Ich werde mich fragen, was mir in dem konkreten Moment wohl am besten hilft und mich danach richten. Vielleicht gibt es dann Situationen, in denen ich mich gegen das Essen entscheide. Oder auch dafür. Das ist eigentlich egal, solange es eine achtsame Entscheidung ist.